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Die Macht der Gene

Beeinflussbar: das menschliche Genom. - Foto: Getty Images / Mario Tama

Alles angeboren? Nein!

Die Macht der Gene

Wir sind kein Spielball unserer Gene. Lebensstil und Umwelt beeinflussen unsere Erbanlagen stärker als bislang angenommen

Bei unserem Äußeren ist der Fall klar: Ob wir blaue oder braune Augen, schwarze oder blonde Haare haben, liegt an den Genen und ist unabänderlich. Doch wie steht es mit Intelligenz, Krankheitsanfälligkeit oder Resistenz gegen Stress? Was prägt uns da mehr – Erbanlage oder Umwelteinflüsse? Und wie veränderbar sind diese Eigenschaften? Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms keimte die Hoffnung, dass man bald Volksleiden wie Alzheimer, Diabetes, Krebs oder Depressionen heilen könne. Inzwischen ahnen die Forscher, dass sie die Komplexität des menschlichen Erbguts unterschätzt haben. Und sie wissen: Gene steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert – durch die Umwelt und den Lebensstil.

Anschalten oder abschalten

Ob Stress, Traumata, Meditation, Rauchen, Sport oder Ernährung: Über biochemische Prozesse hinterlassen Umweltreize Spuren im Erbgut und sorgen dafür, dass bestimmte Gene ab- oder auch angeschaltet werden. Die sogenannten epigenetischen (auf den Genen liegenden) Spuren verändern die DNA also nicht, sondern regulieren nur die Aktivität der Anlagen. Auf diese Weise schreibt jeder im Lauf seines Lebens seinen eigenen epigenetischen Code. Spanische Forscher konnten an eineiigen – also genetisch identischen – Zwillingen zeigen, dass bei den jüngeren Geschwisterpaaren die Gene fast gleich funktionierten. Je älter die Zwillinge allerdings wurden und je unterschiedlicher ihre Erfahrungen waren, desto mehr wichen die Aktivitätsmuster ihrer Gene voneinander ab.


Was ist Epigenetik?

Die Epigenetik liefert die Erklärung, wie und warum einzelne Lebensmittel oder Verhaltensweisen die Gesundheit beeinflussen. Grüner Tee zum Beispiel enthält einen Stoff, der ein Gen aktivieren kann, das Krebs bekämpft. Bewegung wiederum aktiviert Gene, die den Energiestoffwechsel verbessern, und lässt Gene für Typ-2-Diabetes und Übergewicht verstummen. Meditation zeigt positiven Einfluss auf die Aktivität von Genen, die Entzündungsreaktionen und Stressverarbeitung regulieren. Eine fettarme Ernährung ist ebenfalls empfehlenswert. In einer aktuellen Studie wirkte sich eine fettreiche Kost negativ aus – unter anderem auf vier Gene, die den Fettstoffwechsel und Entzündungsreaktionen beeinflussen.


Bereits frühkindliche Erfahrungen hinterlassen entscheidende Spuren. In Versuchen mit Ratten wiesen US-Forscher nach, dass Vernachlässigung beim Nachwuchs zur Stummschaltung eines Gens führt, das stressauslösende Hormone reguliert. Folge: Die Tiere waren fortan weniger belastbar als ihre umsorgt aufgewachsenen Artgenossen. Ein ähnlicher Mechanismus wurde auch bei Menschen nachgewiesen, die als Folge verstärkt an Depressionen leiden.

Reparieren und korrigieren

Unklar ist indes noch oft, wie rasch sich solch eine epigenetische Veränderung vollzieht und wie viele Gene davon betroffen sind. Experten wissen unterdessen, dass die Umwelt nie auf nur eine unserer gut 20.000 Erbanlagen wirkt. Obendrein stehen diese in Wechselwirkung miteinander. So ergab ein Experiment britischer Forscher, dass chronischer Schlafmangel die Aktivität von insgesamt 711 Genen verändert – viele davon zuständig für Immunsystem und Stoffwechsel. Auch sportliche Aktivität, Meditation oder Ernährung zeigten in Studien Auswirkungen auf gleich eine Vielzahl von Genen. Manche der epigenetischen Veränderungen traten sehr rasch ein, andere erst nach längerer Zeit. Für alle aber gilt: Sie sind grundsätzlich reversibel, können also durch äußere Einflüsse wieder rückgängig gemacht werden.

Das Beste aus dem Erbgut machen

Die gute Nachricht lautet also: Wir sind kein Spielball der Gene, sondern haben Einfluss auf ihre Aktivität. Durch einen gesunden Lebensstil und positive Erfahrungen können wir das Beste aus unserem Erbgut machen. Noch wichtiger: Wir können negative Prägungen positiv verändern! Das zeigten die US-Forscher bereits an ihren vernachlässigten Rattenbabys: Gaben sie die traumatisierten Tiere in die Obhut liebevoller Pflegemütter, normalisierte sich ihr Verhalten. Auch beim Menschen kann sich die gestörte Stressresistenz wieder erholen: etwa durch Entspannungsübungen, ein stabilisierendes Umfeld oder eine Psychotherapie. Es ist also nie zu spät, gesünder zu leben. Und das am besten dauerhaft. Denn das Aktivitätsmuster unserer Gene verändert sich lebenslang. Ob positiv oder negativ, liegt in unserer Hand.

Autor: Judith Heisig