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Viele Medikamente müssen auf nüchternen Magen eingenommen werden.

Viele Medikamente müssen auf nüchternen Magen eingenommen werden. / Foto: © picture alliance/Denkou Images

Dosierung und Wechselwirkungen

Der große Medikamenten-Ratgeber

Hand aufs Herz: Wann haben Sie die letzte Tablette genommen? Vor einer Woche? Einer Stunde? Vielleicht gehören Sie zu den sechs Millionen Deutschen, die tagein, tagaus fünf oder mehr verschiedene Wirkstoffe schlucken: für den Blutdruck, gegen Rheuma, für den Magen, gegen das Dunkel in der Seele. Ein Cocktail aus Substanzen, deren Wechselwirkungen kaum jemand abschätzen kann. Vor allem dann nicht, wenn mehrere Ärzte dem Patienten munter Medizin verschreiben, ohne zu wissen, was er sonst noch nimmt – und wie. Denn nur jeder Zweite hält sich Studien zufolge bei einer Dauertherapie an die Verordnung. Eine riskante Nachlässigkeit. Mithilfe von Arzneiexperten beantwortet HÖRZU die wichtigsten Fragen zu Einnahme, Neben- oder Wechselwirkungen und zu den Besonderheiten moderner Medikamente.

Rund um die Einnahme

"Auf nüchternen Magen": Was heißt das? Darf ich danach gleich frühstücken?

Nein. Muss man eine Arznei vor der Mahlzeit einnehmen, soll sie den Magen schnell wieder verlassen. Das klappt am besten, wenn er leer ist, die letzte Mahlzeit also zwei Stunden oder mehr zurückliegt. Bis zum nächstes Essen sollte man 30 Minuten vergehen lassen, besser noch eine ganze Stunde.

Was bedeutet: "nach der Mahlzeit"?

Im Grunde das Gleiche. "Es gibt nur zwei Zeitpunkte zum Einnehmen: nüchtern oder mit dem Essen", so Prof. Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Apotheker (AMK). Mit der Mahlzeit schlucken empfiehlt sich bei Medizin, die die Magenschleimhaut belasten könnte.

Wie viel sollte man zur Tablette trinken?

Ein großes Glas voll Leitungswasser – also etwa 200 Milliliter. So landet die Tablette schnell im Magen. Wer sie "trocken" schluckt, riskiert, dass sie an der Innenwand der Speiseröhre haften bleibt. Viel Flüssigkeit sorgt außerdem für eine rasche Wirkung.

Ist Mineralwasser zum Einnehmen genauso gut geeignet wie Leitungswasser?

Nicht ganz so gut, denn manche Sorten enthalten viel Magnesium oder Kalzium. Beides kann die Aufnahme von Wirkstoffen stören. Auch im Leitungswasser sind Mineralstoffe, aber in viel schwächerer Konzentration.

Kann man Medizin im Liegen nehmen?

Große Tabletten oder Kapseln sollten stets aufrecht sitzend oder im Stehen eingenommen werden. Ganz wichtig ist das bei Bisphosphonaten gegen Osteoporose sowie bei Eisen- und Kaliumpräparaten. Der Grund: Wenn sie in der Speiseröhre haften bleiben, können sie diese stark reizen.

Pillen-Varianten

Wie wirken Retard-Tabletten?

Retard-Arzneien (lat.: langsam wirkend) geben die Wirkstoffe nicht auf einen Schlag frei, sondern nach und nach. Praktisch: Man muss oft nur einmal am Tag daran denken.

Was muss man bei sogenannten "magensaftresistenten Tabletten" beachten?

Solche Medikamente haben einen Schutzfilm, der sie vor dem Zerfall im Magen bewahrt. Das ist erforderlich, wenn es sich um Arzneistoffe handelt, die sonst von der Magensäure zerstört würden. Deshalb dürfen diese Tabletten auf keinen Fall zerteilt werden.

Alle anderen Pillen darf man halbieren?

Nein. Es gibt Tabletten mit sensiblen Inhaltsstoffen, die an der Luft Wirkkraft einbüßen. Andere Substanzen können schädlich sein, wenn man Partikel davon einatmet. Auch Gelatinekapseln, Zuckerdragees und viele Retardtabletten darf man nicht teilen. Ausnahme: Tabletten, die als "Multiple Units" entwickelt wurden. Sie bestehen aus wirkstoffhaltigen Teilchen, die je mit einem Schutzfilm überzogen sind. Übrigens: Selbst eine Bruchkerbe ist kein sicheres Signal, dass man teilen darf, sondern manchmal nur Dekoration. Am besten fragt man in der Apotheke nach.

Auf dem Beipackzettel stehen die Nebenwirkungen eines Medikaments.

Ein kurzer Beipackzettel muss nicht bedeuten, dass ein Medikament wenig Nebenwirkungen hat. Vielleicht ist es auch erst kurz auf dem Markt. / Foto: ©picture alliance / dpa Themendienst

Beipackzettel-Chinesisch

Was versteht man unter Gegenanzeigen?

Alle Lebensumstände, die die Einnahme der Arznei ausschließen, weil sie sonst schaden kann. Beispiele sind: Schwangerschaft, eine bestimmte Krankheit oder ein Lebensalter.

Auf dem Beipackzettel stehen nur wenige Nebenwirkungen. Heißt das, die Arznei ist besonders gut verträglich?

Nicht unbedingt. Pharmaunternehmen sind laut Arzneimittelgesetz dazu verpflichtet, alle jemals bekannt gewordenen Nebenwirkungen aufzuführen. Bei neuen Medikamenten ist die Liste noch kurz, weil man kaum Erfahrungen mit ihnen gesammelt hat.

Was sind Wechselwirkungen?

Das Zusammenspiel mit anderen Arzneistoffen kann eine Medizin stärker, unwirksam oder unverträglich machen oder auch die Wirkdauer verändern. Wechselwirkungen treten zudem mit Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln auf. Wer etwa Magnesium schluckt, sollte danach eine Stunde mit der Tabletteneinnahme warten.

Arzneien und Lebensmittel

Warum kein Grapefruitsaft zur Tablette?

In der herben Frucht steckt der Bitterstoff Naringin. Er hemmt in der Leber die Aktivität von Enzymen, die Fremdstoffe abbauen. Wer viel Grapefruitsaft trinkt und regelmäßig Tabletten schluckt, riskiert, dass sich im Körper hohe Konzentrationen anreichern. Das kann gefährlich sein, zum Beispiel bei Mitteln gegen Herzrhythmusstörungen. "Auch Orangensaft ist nicht geeignet", warnt Pharmakologe Prof. Bernd Mühlbauer vom Klinikum Bremen Mitte.

Kaffee, Cola, Tee zur Medizin – geht das?

Schwarzer oder grüner Tee ist sehr ungünstig: Seine Gerbstoffe können die Aufnahme von Wirkstoffen in den Körper stören. Wer ein Antibiotikum schluckt, kann auf die gewohnte Menge Kaffee plötzlich mit Herzrasen oder Schlaflosigkeit reagieren.

Vertragen sich Milch und Antibiotika?

Bei vielen Antibiotika gegen Atemwegs- oder Harnwegsinfekte ist Milch okay. Andere reagieren mit dem Milchkalzium so, dass die Wirkstoffe nicht mehr die Darmwand passieren können. Wer Milch trinken will: nach der Einnahme zwei Stunden warten!

Darf man bei der Einnahme von Blutgerinnungshemmern wirklich kein grünes Gemüse essen?

Wer Mittel aus der Gruppe der Cumarinderivate einnimmt (z. B. Marcumar oder Phenpro), sollte mit Mangold, Kohl und Salat zumindest zurückhaltend sein, denn sie enthalten viel Vitamin K, das in der Leber an der Herstellung von Gerinnungsproteinen beteiligt ist. Es kann dort die blutverdünnende Wirkung der Arznei stören. Ein sehr unregelmäßiger Verzehr ist für die optimale Einstellung der Gerinnung besonders problematisch. "Bei neueren Mitteln mit anderen Wirkstoffen spielt der Verzehr keine Rolle", so Prof. Schulz.

Viele Medikamente erhöhen das Risiko für Wechselwirkungen.

Viele Medikamente erhöhen das Risiko für Wechselwirkungen. / Foto: © picture alliance/Bildagentur-online

Wann ist weniger mehr?

Schmerzmittel mit mehreren Wirkstoffen, etwa mit Koffein und Paracetamol, haben einen schlechten Ruf. Zu Recht?

Fachleute bezweifeln, dass das genannte kombinierte Schmerzmittel effektiver ist als einfaches Paracetamol, zu dem man einen Schluck Kaffee trinkt. Generell empfehlen Experten, bei rezeptfreien Schmerztabletten nur solche mit einem Wirkstoff zu wählen, weil so auch weniger Neben- und Wechselwirkungen auftreten können. Kombinationen sind aber sinnvoll, wenn sich die Wirkstoffe gegenseitig verstärken, wie beispielsweise Paracetamol oder Diclofenac kombiniert mit Codein (beide verschreibungspflichtig).

Warum soll man Antibiotika nicht vorzeitig absetzen, wenn man sich besser fühlt?

Zum einen besteht dann die Gefahr eines Rückfalls. Zweiter Grund: Überleben ein paar der Erreger die abgebrochene Behandlung, sind dies meist ausgerechnet die widerstandsfähigsten. So können sich am Ende neue gefährliche Resistenzen entwickeln.

Welche Medikamente darf ich nicht von heute auf morgen absetzen?

Sämtliche Dauermedikamente, soweit der Arzt das nicht anders angeordnet hat. Bei Betablockern, Gerinnungsmedikamenten, Corticosteroiden und anderen Mitteln kann plötzliches Absetzen lebensbedrohlich sein.

Ich nehme ein Antidepressivum, möchte aber damit aufhören. Kann ich die Dosis erst einmal halbieren?

Nicht in Eigenregie! "Die Symptome können zurückkommen, wenn die Dosis nicht mehr stimmt", so Prof. Mühlbauer. In Absprache mit Ärzten ist Ausschleichen aber sinnvoll.

Ich mache mir Sorgen, dass ich zu viele Medikamente einnehme. Was soll ich tun?

Tatsächlich gelten die Wechselwirkungen von fünf Medikamenten oder mehr als nicht mehr überschaubar. Gerade Menschen in hohem Lebensalter sollten hier Zurückhaltung walten lassen. Prof. Bernd Mühlbauer gibt zu bedenken: "Viele Tabletten werden nicht wegen akuter Beschwerden geschluckt, sondern präventiv. Doch man kann sich fragen, wie stark man bei einem 85-Jährigen den Blutdruck auf die Werte eines 40-Jährigen senken muss." Niemand sollte deshalb jetzt seine Pillensammlung einfach in den Schrank stellen. Experte Mühlbauer rät: "Lassen Sie sich immer von einem Arzt beraten, dem Sie vertrauen."

Autor: Maike Petersen