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Es gibt nach wie vor zu wenig gut ausgebildete Altenpfleger.

Die Betreuung von Demenzpatienten ist besonders personal- und pflegeintensiv. - Foto © picture alliance / ZB

HÖRZU-Report

Alltag in deutschen Pflegeheimen

Sind unsere Heime so schlecht wie ihr Ruf? HÖRZU-Autorin Nicole Stroschein wollte es genau wissen und arbeitete 14 Tage in einem Seniorenstift. Lesen Sie hier ihren Report.

"Mädchen, Mädchen. Das haben Sie doch schon so oft gemacht. Sie hätten mal zu meiner Zeit lernen sollen!" Streng schüttelt Frau S. (91) den Kopf. Ich sollte ihr beim Anziehen helfen und habe die Bluse nicht in die Strumpfhose gesteckt. Mein zaghaftes Argument, dass ich erst das zweite Mal dabei assistiere, lässt sie nicht gelten. Frau S. war 50 Jahre lang Krankenschwester. Was sie nicht weiß: Ich trage die weiße Pflegerinnenkleidung zum ersten Mal und habe bisher höchstens meinen Kindern beim Anziehen geholfen.


Interview mit Prof. Glaeske von der Universität Bremen über den Missbrauch von Psychopharmaka in der Altenpflege

"Pillen ersetzen nicht die menschliche Nähe"

HÖRZU: Immer wieder liest man davon, dass Demenzkranke mit Neuroleptika ruhiggestellt werden. Was sind das genau für Medikamente?

Prof. Glaeske: Neuroleptika sind stark wirkende Psychopharmaka, die besonders häufig bei Schizophrenie und Psychosen eingesetzt werden. Sie verursachen eine starke Dämpfung, Bewegungsstörungen, erhebliche Sexualstörungen und oftmals eine massive Gewichtszunahme. Einige führen auch zu teilweise gefährlichen Herzrhythmusstörungen. Bei Menschen mit Demenz kommt ein besonderes Risiko hinzu: Bei ihnen führen Neuroleptika zu einer höheren Sterblichkeit als bei gleichaltrigen Menschen ohne Demenz.

Pflege Seniorenheim
Foto © picture alliance / ZB

HÖRZU: Wie viele Demenzkranke werden hierzulande mit Neuroleptika behandelt?

Prof. Glaeske: Wir können davon ausgehen, dass ungefähr 260.000 Menschen mit Demenz solche Mittel in längerer Anwendung bekommen.

HÖRZU: Was sind die Gründe dafür?

Prof. Glaeske: Die Betreuung von Demenzpatienten ist besonders personal- und pflegeintensiv. Wenn hierfür die Mittel nicht ausreichen, wird leider viel zu oft zu Neuroleptika gegriffen, trotz der schon lange bekannten Auswirkungen. Ein Pfleger hat es mal auf den Punkt gebracht: "Gebt uns mehr Pfleger, dann brauchen wir weniger Neuroleptika." Recht hat er! Zu viele Neuroleptika sind oft chemische Gewalt gegen ältere Menschen.

HÖRZU: Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, meine Angehörigen werden auf diese Art ruhiggestellt?

Prof. Glaeske: Immer wieder nachfragen. Wenn man das Gefühl hat, dass sich die Angehörigen in ihrer Persönlichkeit verändern, können oftmals Arzneimittelwirkungen dahinterstehen. Als Angehöriger hat man ein Recht darauf, die Begründung für eine Arzneimitteltherapie zu erfahren. Insbesondere wenn eine solche Therapie schaden kann.

HÖRZU: Was muss grundsätzlich geschehen?

Prof. Glaeske: Wir müssen den Pflegenotstand aktiv angehen. Da ist die Gesundheitspolitik gefragt. Wir brauchen mehr Personal in der Pflege von Demenzpatienten. Arzneimittel sind zumeist nur ein billiger Ersatz für menschliche Zuwendung durch Pflegerinnen und Pfleger.


Es ist mein dritter Tag als Praktikantin auf Pflegestation 0 der Residenz am Wiesenkamp in Hamburg. Kaum eine Woche vergeht ohne Horrormeldungen über die Zustände in deutschen Pflegeheimen. Deshalb will ich mir selbst ein Bild davon machen, wie der Alltag dort aussieht. Zur Vorbereitung habe ich Bücher und Reportagen zum Thema gelesen. Als ich die Zusage für ein Praktikum bei der Diakonie Hamburg bekomme, bin ich aufs Schlimmste gefasst.


Kosten und Zuschüsse durch die Pflegeversicherung

Die monatlichen Kosten für einen Heimplatz sind abhängig von der Pflegestufe. Die folgenden Preise stellen Durchschnittswerte aller diakonischen Einrichtungen in Hamburg dar und sind nicht auf einzelne Einrichtungen übertragbar:

Pflegeversicherung


Die Residenz, der ich zugeteilt werde, ist eine von über 40 Einrichtungen des Diakonischen Werks Hamburg, 92 Menschen leben hier auf vier Pflegestationen, dazu noch etwa 200 Bewohner, die ihren Alltag weitgehend selbstständig in Apartments gestalten. Meine Teilzeitschicht geht täglich von 8 bis 13 Uhr. Normalerweise würde sie eine Stunde früher beginnen, so aber kann ich noch vor Dienstbeginn die Kinder zur Schule bringen. "Bei Praktikanten sind wir mit den Arbeitszeiten flexibel", erklärt mir die Leiterin der stationären Pflege. Generell interessieren sich viele Frauen für Pflegetätigkeiten, wenn sie in den Beruf zurückkehren. Vorteil: Sie können ihre Schichten an die private Situation anpassen. Zumindest in guten Häusern.

Betteln um jede Banane

Die Residenz am Wiesenkamp ist ein gutes Haus. Das stelle ich zu meiner Erleichterung schnell fest. Jeden Morgen bekomme ich frische Arbeitskleidung auf meinen Spind gelegt. Das ist aus hygienischen Gründen Vorschrift. Auch sonst wird nichts von mir verlangt, was ich nicht tun dürfte. Das sieht in vielen Pflegeheimen anders aus, wie mir die Kolleginnen bestätigen, die nicht wissen, dass ich Journalistin bin. Eine erzählt: "Bei meinem vorherigen Arbeitgeber mussten wir um jede Banane für die Bewohner betteln. Einmal wollte ich in einem Heim zur Probe arbeiten, da sollte ich direkt die Nachtschicht übernehmen – allein. Von Arbeitskleidung keine Spur."


So erkennen Sie ein gutes Seniorenheim

Worauf Sie achten müssen, wenn Sie sich für eine Einrichtung entscheiden.

Rechtzeitig kümmern
Gute Häuser haben oft Wartelisten. Ist erst einmal eine Notsituation entstanden, wird es schwierig, schnell einen Platz zu finden. Deshalb sollten Sie sich umschauen, bevor akuter Bedarf besteht.
Umhören
Optimal sind Empfehlungen von Menschen, deren Angehörige in guten Heimen leben. Manche Einrichtungen veröffentlichen die Noten des Pflege-TÜV. Kritiker bemängeln allerdings, dass sie nicht immer Aufschluss über die Qualität der Pflege geben. Die oft sehr guten Noten sind mit Vorsicht zu interpretieren. Weitere Infos unter www.pflegelotse.de
Anschauen und Probewohnen
Vor der Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Heim ist es unumgänglich, sich persönlich vor Ort ein Bild zu machen. Plant man langfristig, ist häufig sogar ein Probewohnen möglich. Schauen Sie sich genau um, sprechen Sie mit anderen Bewohnern und dem Personal. So bekommen Sie den besten Eindruck.


Die Kollegin war zum Glück selbstbewusst genug, sofort ihre Sachen zu nehmen und zu gehen. Andere sind vielleicht nicht so stark. Es ist keine Seltenheit, dass selbst Praktikanten eine Station allein betreuen müssen, sogar Medikamente austeilen, ohne die Bewohner und ihre Geschichte zu kennen. Für mich sind die Eindrücke und Herausforderungen auf der Pflegestation auch so schon intensiv genug.

Pflege Seniorenheim
Foto © picture alliance / dpa Themendienst

Gleich am ersten Morgen steht ein nackter Herr vor mir. Er braucht Hilfe beim Waschen und erzählt, dass er sich dabei schon den Kopf gestoßen habe – bei einem Sturz. Herr L. hat lange mit seiner Lebensgefährtin Frau B. in einem Apartment der Residenz gelebt. Seit Frau B. ein Pflegefall wurde, leben sie Tür an Tür auf der Pflegestation. Frau B. hatte einen Schlaganfall und leidet an Demenz. Während die examinierte Kollegin, die ich begleite, sie wäscht, schaut Frau B. mich sehr eindringlich an und lächelt plötzlich. Ich denke: "Was für eine wunderschöne Frau!" Ich habe das Gefühl, dass sie mir etwas sagen möchte. Frau B. sieht aus, als wisse sie genau, was sie will und was nicht. Mitteilen kann sie es nicht mehr.

Das Problem der Freiheitsberaubung

Laut Katalog der Pflegekasse darf eine Ganzkörperwäsche 20 bis 25 Minuten dauern. Zum Glück können meine Kolleginnen sich auch mal etwas mehr Zeit nehmen, als die Pflegeversicherung vorsieht. Um die 18 Bewohner meiner Station kümmern sich pro Schicht zwei examinierte Altenpfleger, unterstützt von Pflegehelfern, Auszubildenden und Praktikanten. Drei bis vier Personen sind gleichzeitig im Dienst. Unsere Auszubildende begleite ich gern, weil sie sich auf ihre Prüfung vorbereitet und alles sehr genau erklärt. Mir berichtet sie: "Ich versuche immer, für Frau B. ein bisschen mehr Zeit zu schaffen. Bewohner, die nicht mehr sagen können, was sie brauchen, kommen sonst schnell zu kurz".

Nach wenigen Tagen arbeite ich recht selbstständig. Ich mache Betten, sortiere schmutzige Wäsche, helfe beim Toilettengang oder in der Küche. Es gibt immer etwas zu tun. Und natürlich gibt es Momente, die mich nachdenklich stimmen. Eine Bewohnerin ist beispielsweise in den letzten Tagen mehrfach gestürzt und wird ins benachbarte Krankenhaus gebracht. Gleich am ersten Tag hatte ich mich über eine Art Turnmatte vor ihrem Bett gewundert. "Frau Dr. S. versucht manchmal, allein aufzustehen", erkärte mir die Stationsleiterin. "Die Matte soll verhindern, dass sie sich verletzt, wenn sie fällt." Ich frage, ob es nicht sinnvoll wäre, ein Gitter an der Seite des Bettes zu befestigen, und lerne: Das wäre Freiheitsberaubung. Solche Gitter gelten als Fixierung und sind nur mit gerichtlicher Anordnung erlaubt.

Probleme habe ich vor allem mit unangenehmen Gerüchen, wenn etwa Toilettenstühle gereinigt werden müssen. Doch die Kollegen beruhigen mich: Daran muss sich jeder erst mal gewöhnen. Wunderbar sind Erlebnisse wie das große Grillfest, gemeinsames Kochen und ein Ausflug auf die Reeperbahn. Eine Bewohnerin hatte sich gewünscht, dort einmal essen zu gehen. Ein Herr, der sonst bei jedem Handgriff Hilfe braucht, kaum spricht und oft nicht essen mag, lässt sich beim Grillfest dreimal Nachschlag geben und ist viel lebendiger, als ich ihn bisher kennengelernt habe.

Die zwei Wochen meines Praktikums vergehen unheimlich schnell. Am Ende bin ich dankbar für all die Erfahrungen, die ich hier machen durfte. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass es in der Altenpflege auch sehr viele Menschen gibt, die ihren Job gern und mit Liebe ausüben. Und Heime, in denen Pflegebedürftige verantwortungsvoll und fürsorglich betreut werden. Eine beruhigende Vorstellung – auch wenn man an die eigene Zukunft denkt.

Autor: Nicole Stroschein