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Allein Berührungen können schon heilende Effekte haben.

Allein Berührungen können schon heilende Effekte haben. - Foto © picture alliance / dpa Themendie

Der große Überblick

Was kann sanfte Medizin wirklich?

Schon als Teenager litt Dagmar W. ab und an unter Migräne. "Ab Mitte 20 setzten mich die Anfälle allerdings häufiger außer Gefecht, mitunter sogar jede Woche." Selbst diverse Spezialisten konnten der Finanzbeamtin nicht helfen. "Stärkste Schmerzmittel machten die Attacken zwar erträglicher, doch sie wurden nicht weniger."


Interview mit HÖRZU-Experte Prof. Manfred Schedlowski


Auf Anraten einer Freundin suchte die 45-Jährige schließlich einen Homöopathen auf, der ihr Belladonna- Globuli empfahl. "Ich war skeptisch, doch schon nach zweimaliger Behandlung verschwand die Migräne", berichtet sie. "Dank der Kügelchen hatte ich seit inzwischen vier Jahren keine Attacke mehr."


Die Macht der Erfahrung

Dagmar W. ist kein Einzelfall. Gerade Patienten mit chronischen oder diffusen Leiden setzen ihre Hoffnung häufig auf alternative Verfahren. Von der Schulmedizin durchgereicht und austherapiert, finden sie bei Heilpraktikern und anderen Alternativmedizinern ein offenes Ohr – manchmal sogar Heilung oder zumindest Linderung.


Über 400 Methoden

Mit über 400 Methoden bietet die sanfte Medizin ein riesiges Spektrum. Es reicht von klassischen Naturheilverfahren wie der Bewegungstherapie oder Pflanzenheilkunde über Homöopathie und Akupunktur bis hin zu eher esoterischen Angeboten oder Geistheilung.

Viele dieser Verfahren sind umstritten, weil ihre Wirksamkeit nicht belegt ist. Vor allem um die hierzulande sehr populäre Homöopathie tobt ein erbitterter Streit. Kritiker sehen das homöopathische Grundprinzip, bei dem die Kraft des Wirkstoffs durch Verdünnung gestärkt werden soll, im Widerspruch zu den Naturgesetzen.


Akupunktur
Feine Nadeln sollen spezielle Akupunkturpunkte auf den Meridianen anregen und so den Energiestrom regulieren - Foto © picture alliance / Bildagentur-o
Befürworter verweisen darauf, dass die Homöopathie ein anderes Denksystem sei, in dem eben nicht nur das Symptom, sondern der ganze Mensch in seiner Individualität behandelt wird.

Nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin, bei der die Wirksamkeit einer Therapie durch wissenschaftliche Studien belegt sein sollte, sind ihre Effekte jedenfalls nicht nachzuweisen. "Das heißt aber noch nicht, dass sie nicht wirkt", sagt Prof. Josef Beuth. Der Leiter des Instituts für Naturheilkunde an der Universität Köln sieht nicht nur viele alternative Verfahren kritisch, sondern auch die Kriterien der Schulmedizin. Neben der Evidenz gebe es schließlich auch das ärztliche Wissen und die therapeutische Erfahrung. "In der Praxis ist die Evidenz aus Studien zwar wichtig, ein guter Arzt sollte sie aber durch Erfahrung erweitern", so Beuth. Auch für viele Therapien der Schulmedizin gebe es übrigens keine eindeutige Evidenz.


Die Kraft der Pflanzen

Klinische Studien liefern also noch nicht den Beweis, dass etwas nicht wirkt – wohl aber den Nachweis, wenn etwas wirkt. Von den alternativen Verfahren schneidet dabei die Pflanzenheilkunde am besten ab. "Johanniskraut lindert Depressionen, Ginkgo hilft bei Durchblutungsstörungen – in der Phytotherapie ist die Wirksamkeit vieler Pflanzen belegt", sagt der Onkologe. Auch viele Arzneien der Schulmedizin gehen auf potente pflanzliche Inhaltsstoffe zurück.

Weniger eindeutig ist die Studienlage bei der Akupunktur. Es gibt Hinweise, dass die feinen Nadeln zumindest gegen Schmerzen und Übelkeit helfen. Die Erklärung dafür fällt bei Alternativ- und Schulmedizinern sehr unterschiedlich aus: Nach der chinesischen Lehre stimulieren die Nadeln wichtige Energiebahnen im Körper, die Meridiane. Viele Naturwissenschaftler dagegen erklären die positive Wirkung der Akupunktur mit neurophysiologischen Vorgängen.


Das ganzheitliche Menschenbild

Die meisten Patienten fragen nicht, warum die Therapie wirkt – Hauptsache, sie tut es. Und das scheint bei vielen Naturheilverfahren der Fall zu sein. Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung für den "Gesundheitsmonitor 2012" haben fast zwei Drittel aller Deutschen bereits ein entsprechendes Angebot ausprobiert. Drei Viertel dieser Patienten fühlten sich danach besser.


Massage
"Zuwendung ist für jede Therapie sehr wichtig" Prof. Josef Beuth - Foto © picture alliance / dpa Themendie

Doch ist die Heilung wiederum der Beweis dafür, dass eine Methode wirkt? "Die Wirksamkeit liegt oft am Therapeuten", sagt Prof. Beuth, der seit mehr als 20 Jahren Naturheilverfahren untersucht. Alternativmediziner nehmen sich viel Zeit für ihre Patienten, fragen nach Befindlichkeiten und Bedürfnissen. Statt den Menschen auf Körperfunktionen zu reduzieren, betrachten sie Körper, Geist und Seele als Einheit und behandeln ganzheitlich. Beuth ist überzeugt: "Diese Zuwendung ist ein ganz wichtiges Therapeutikum."
Eines, das auch als Placeboeffekt bekannt wurde, den Heilungsprozess aber entschieden fördern kann. "Dabei wirken die Erwartungen des Patienten, seine Erfahrungen und die Qualität der Arzt-Patient-Beziehung zusammen", erklärt der Medizinpsychologe Manfred Schedlowski.


Markt der Alternativmedizin boomt

Eine Schulmedizin, die zunehmend auf Apparate setzt und die Patienten wie am Fließband abfertigt, lässt jedoch nur wenig Raum für diese therapeutisch wirkende Zuwendung. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass der Markt der Alternativmedizin in den vergangenen zehn Jahren ordentlich boomte: Seit 2002 hat sich die Zahl der Heilpraktiker hierzulande mehr als verdoppelt. Zudem absolvieren immer mehr Ärzte eine naturheilkundliche Zusatzausbildung und bieten in ihrer Praxis entsprechend Akupunktur, Homöopathie oder Osteopathie an.

Unterdessen übernehmen viele Krankenkassen sogar die Kosten für einige dieser alternativen Anwendungen. Doch sind die Heilmethoden tatsächlich immer so sanft und harmlos, wie die meisten glauben? "Gefährlich wird es, wenn sie bei einer ernsten Erkrankung die konventionelle Behandlung ersetzen sollen", warnt Prof. Josef Beuth. Sprich: Wer bei einer Nierenentzündung oder sogar bei einem Krebsleiden ausschließlich auf die Alternativmedizin setzt, riskiert sein Leben.

Grundsätzlich sind die unorthodoxen Verfahren aber eine wertvolle Ergänzung zur klassischen Medizin – weshalb sie auch als Komplementärmedizin bezeichnet werden. Vor allem bei der Krebstherapie und bei chronischen Erkrankungen spielen sie inzwischen eine große Rolle. "Wichtig ist dabei, dass die komplementären Methoden die Standardtherapie nicht negativ beeinflussen", betont Beuth. So können etwa bestimmte Pflanzenarzneien oder Vitamine negative Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auslösen.


Heiler sind keine Heilpraktiker

Wer sich in Behandlung befindet und zusätzlich ein alternatives Verfahren testen will, sollte daher immer seinen Arzt informieren. Im besten Fall kann dieser sogar einen seriösen Therapeuten empfehlen, denn auf dem Markt gibt es auch einige Scharlatane. Vorsicht ist etwa bei Heilern geboten, denn so darf sich jeder nennen, der sich dazu berufen fühlt. Heilpraktiker dagegen haben eine Prüfung durch das Gesundheitsamt absolviert. Da ihre Ausbildung nicht einheitlich geregelt ist, sollten Patienten sich nach ihrer Qualifikation erkundigen. Ein guter Heilpraktiker klärt auf, drängt nicht zu einer bestimmten Methode und schafft durch Zugewandtheit die Basis für eine erfolgreiche Therapie.

Autor: Judith Heisig