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Ginkgo: wirkt u. a. gegen Durchblutungsstörungen und Schwindel.

Ginkgo: enthält Flavonoide, Ginkgolid und Ginkgolsäure, wirkt u. a. gegen Durchblutungsstörungen und Schwindel. - Foto © picture alliance / Thomas Kottal

Exotische Pflanzen

Medizin aus dem Regenwald

Pflanzliche Heilkraft aus dem Regenwald:

Vorsichtig schabt Michael Spiteller einige Rindenstücke von dem mächtigen Stamm, der vor ihm hoch ins grüne Blätterdach ragt. Am letzten Tag der Expedition durch Kameruns Regenwald haben sie ihn endlich gefunden, den Ochna-calodendron-Baum, dessen Rinde in der traditionellen Medizin des Landes gegen Rheuma verwendet wird. Ein Tipp des örtlichen Heilers Sedar Mamekele.

Zwei Wochen lang hat er Spiteller und dessen einheimischen Kollegen von der Universität Yaoundé durch den Dja-Nationalpark geführt und ihnen verschiedene Heilpflanzen gezeigt. Jetzt kann der Leiter des Instituts für Umweltforschung an der TU Dortmund zufrieden nach Deutschland zurückkehren – im Gepäck 30 Blatt-, Blüten-, Faser- und Rindenproben, alle sorgsam in Papiertüten verpackt und beschriftet. "Unser Ziel ist es, unbekannte Substanzen und chemische Leitstrukturen aus der Natur zu entdecken, um mit ihrer Hilfe neue und möglichst verträgliche Medikamente zu entwickeln“, erläutert der Professor für Chemie.

Heilpflanzen finden

Immerhin fast die Hälfte unserer Arzneimittel beruhen auf natürlichen Wirkstoffen. Viele enthalten Substanzen, die ursprünglich aus dem tropischen Regenwald stammen. Schon lange gilt der exotische Lebensraum als gigantische Naturapotheke. Ob am Amazonas, in Indonesien oder im Kongobecken, keine andere Biosphäre verfügt über eine solche Vielfalt in Flora und Fauna. Zwar bedeckt der Regenwald nur etwa sieben Prozent der Erdoberfläche, beherbergt aber mehr als die Hälfte aller existierenden Tier- und Pflanzenarten. Auf einem Hektar wachsen hier häufig mehr Baumarten als in ganz Europa. In dieser überreichen Schatzkammer gestaltet sich die Suche nach neuen natürlichen Wirkstoffen ähnlich schwierig wie die nach der Nadel im Heuhaufen.

Forscher und Pharmakologen setzen daher nicht auf den Zufall, sondern auf die Erfahrung der Einheimischen. "Wir nutzen die Kenntnisse der örtlichen Heiler, konzentrieren uns auf Pflanzen, die in der traditionellen Medizin verwendet werden", erläutert Spiteller. Das erhöhe die Chancen, fündig zu werden. Die Kooperation mit Wissenschaftskollegen aus Kamerun ist ihm dabei besonders wichtig. "Das ist ein gegenseitiger Austausch, von dem beide Seiten profitieren", sagt der Umweltforscher. Auch finanziell: Sollte die Analyse der Baumrinde tatsächlich zur Entwicklung eines Rheuma-Medikaments führen, wird das Herkunftsland am Gewinn beteiligt. Das garantiert ein internationales Abkommen gegen Biopiraterie, das im Oktober 2010 geschlossen wurde.

Exotische Pflanzen: Der weite Weg zur Arznei

Wer so Vertrauen schafft, bekommt vor Ort auch leichter Hilfe und wertvollere Hinweise. Eingehend informiert sich Spiteller bei den Heilern, welche Pflanzenteile sie verarbeiten, wie und bei welchen Leiden sie eingesetzt werden. Denn das Wissen um die Wirkung und richtige Anwendung bestimmt nicht nur die Auswahl der Proben, sondern auch die Testverfahren. Dabei werden die Pflanzenextrakte in ihre chemischen Bausteine zerlegt und auf medizinisch nutzbare Inhaltsstoffe untersucht. Was einfach klingt, erweist sich aber als langwierige, oft fruchtlose Laborarbeit, bei der die Forscher viele Hürden überwinden müssen.

So sind es mitunter nicht die Pflanzen selbst, sondern in Symbiose lebende Mikroben oder Pilze, die die biologisch aktiven Komponenten produzieren. Ein weiteres Problem ist die sogenannte Bioverfügbarkeit der Stoffe: Manche Substanzen sind zu toxisch, also giftig, andere nicht wirksam genug. Zudem muss ihre exakte chemische Zusammensetzung bestimmt werden – woran die Forscher bei sehr komplexen Strukturen auch mal scheitern. "Doch nur mit der chemischen Formel lässt sich ein Patent anmelden", erklärt Experte Spiteller. Und erst damit können Tierversuche und klinische Studien beginnen, die im besten Fall zur Marktreife führen. Ein Ziel, das selten und oft erst nach zehn bis 15 Jahren erreicht wird.

Gerade mal eine von 100.000 analysierten Pflanzen schafft es zum Arzneimittel. Gut, dass der Regenwald noch ein gewaltiges Potenzial birgt: Lediglich zwei Prozent der tropischen Arten wurden bislang auf ihre medizinische Wirksamkeit untersucht. Ein Allheilmittel darf man sich von der grünen Naturapotheke allerdings nicht erwarten – dazu sind unsere Krankheiten zu vielfältig. Wohl aber bisher unbekannte chemische Leitstrukturen, auf die ein Forscher im Labor niemals kommen würde "Solche völlig neuen Substanzklassen findet man nur alle zehn Jahre", sagt Michael Spiteller. "Mit ihrer Hilfe könnten wir beispielsweise Antibiotika entwickeln, gegen die noch kein Erreger resistent ist."

Pflanzliche Heilkraft aus den Tropen

Sie stärken das Immunsystem, lindern Rheuma und bekämpfen Krebs: sieben exotische Pflanzen, auf deren Wirkung die moderne Medizin setzt.

Kapland-Pelargonie
Der Wurzelauszug der südafrikanischen Pflanze dient zur Infekt-Abwehr.

Madagaskar-Immergruen
Seine Inhaltsstoffe Vincristin und Vinblastin dienen als Vorlage für Tumorhemmer.

Ginkgo
Enthält Flavonoide, Ginkgolid und Ginkgolsäure, wirkt u. a. gegen Durchblutungsstörungen und Schwindel.

Teufelskralle
Kommt aus Afrika und hilft bei Rheuma.

Pazifische Eibe
In der Baumrinde steckt der Antitumorwirkstoff Taxol, der insbesondere bei Brustkrebs eingesetzt wird.

Schlangenwurzel
Sie enthält Reserpin (gegen Bluthochdruck) und Ajmalin (bei Herzrhythmusstörungen).

Curare-Liane
Der Inhaltsstoff Tubocurarin bewirkt Muskelerschlaffung und diente lange als Basisnarkotikum.

Autor: Judith Heisig