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Johanniskraut wirkt beruhigend und antidepressiv.

Johanniskraut wirkt beruhigend und antidepressiv aufgrund der enthaltenen Hypericine, Hyperforine, aber auch Terpene, Flavonoide und Biflavone. - Foto © picture alliance / WILDLIFE

Elf Heilpflanzen im Überblick

Lexikon der Naturmedizin

Von Akupunktur bis Tee: Immer mehr Menschen vertrauen auf alternative Therapien. Wie sie wirken, worauf Patienten achten sollten.

Naturmedizin: so alt wie die Menschheit

Schon vor Jahrtausenden kurierten unsere Vorfahren ihre Beschwerden mit Wildpflanzen, die sie auf ihren Streifzügen durch die Wälder fanden. Auch der 5300 Jahre alte Schneemensch "Ötzi" führte in seiner Reiseapotheke Naturheilmittel mit sich. Als Forscher den Gletschermann vor 20 Jahren in den Alpen bargen, fanden sie bei ihm zwischen Feuerstein und Klingenkratzer zwei Birkenporlinge – Heilpilze mit antibiotischer Wirkung. Vermutlich behandelte Ötzi damit seine Verdauungsbeschwerden. Denn Pathologen konnten im Darm der Gletschermumie Durchfall auslösende Würmer nachweisen.

Dem Gletschermann blieb in der Jungsteinzeit nichts anderes übrig, als der Heilkraft der Natur zu vertrauen. Warum aber wenden sich mittlerweile 80 Prozent der Deutschen immer häufiger der Naturheilkunde zu, lassen sich nadeln, schröpfen oder Blutegel auf die Haut setzen? Oder rücken ihren Beschwerden statt mit aufwendigen Hightech-Apparaten mit Heilpflanzen, Traditioneller chinesischer Medizin (TCM) oder Ayurveda zu Leibe?

"Zum einen haben die Menschen Angst vor den Nebenwirkungen bei synthetischen Medikamenten“, sagt Dr. Ingfried Hobert, Ganzheitsmediziner aus Steinhude ("Körperbewusstsein und Zellintelligenz“, Crotona Verlag). "Und zum anderen ist die Schulmedizin gerade bei chronischen Erkrankungen wie Allergien oder Rheuma schnell mit ihrem Latein am Ende." Es ist wohl auch die Sehnsucht nach mehr Zuwendung und Menschlichkeit in der Medizin, die moderne Großstadtbürger dazu treibt, ihre Infektanfälligkeit mit heiß-kalten Wechselduschen, dem Klassiker der Kneipp-Therapie, und ihr Asthma mit Globuli kurieren zu wollen. Denn der Ganzheitsmediziner nimmt sich Zeit.

Vor allem aber bekommt jeder Patient eine auf ihn persönlich zugeschnittene Therapie, die nicht nur seine Magenschmerzen kuriert, sondern auch berücksichtigt, dass der Druck im Job aktuell besonders groß ist oder es in der Partnerschaft nicht wirklich rund läuft. Hobert: "Es ist wichtig, angestaute Probleme und Grundbedürfnisse des Patienten zu kennen und mit in die Therapie einfließen zu lassen. "Professor Gustav J. Dobos, Chefarzt der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Essen, erkennt einen Fehler im System: "Die Spritze bei Rückenschmerzen wird von den Kassen ersetzt, ein halbstündiges Gespräch nicht. Dabei wirkt es meist genauso gut."

Naturheilkunde soll die Selbstheilung anregen

Heilkundler Hobert will nicht die Verdienste der Schulmedizin in Frage stellen, aber er verweist auf ihre Grenzen. "Wenn ich sehe, dass der Körper es nicht allein schafft, sich zu heilen, verschreibe ich auch ein Antibiotikum", sagt er. Doch lieber geht er den Ursachen von Krankheiten tiefer auf den Grund und zückt den grünen Rezeptblock. Die Naturheilkunde soll vor allem die Selbstheilungskräfte anregen "und das Gesunde im Körper stärken", so Hobert. "Heilpflanzen aus vielen Ländern und Kulturen können dabei eine tragende Rolle spielen." Doch die Naturmedizin ist unübersichtlich geworden. "Es gibt viele traditionelle Heilweisen, die sinnvoll, aber auch welche, die sinnlos sind", warnt Hobert.

Einen kritischen Überblick hat die Stiftung Warentest unter Mitarbeit des Komplementärmediziners Professor Edzard Ernst von der englischen Universität Exeter in dem Band "Die Andere Medizin. 'Alternative' Heilmethoden für Sie bewertet" herausgegeben. An erster Stelle der sanften Medizin stehen Heilpflanzen – ob in Pillenform oder als Kraut. Spezifische Wirkungen haben Johanniskraut bei leichten Depressionen, die Afrikanische Teufelskralle bei Schmerzen am Bewegungsapparat, Granatapfel bei Bluthochdruck und Heilpilze gegen Diabetes.

Eine zentrale Rolle in der von Rudolf Steiner (1861 bis 1925) etablierten anthroposophischen Medizin spielt bei Krebs die Mistel. Bis heute wurde eine Vielzahl von Studien durchgeführt, die eines gezeigt haben: Als begleitende Therapie in der Krebsbehandlung aktiviert die Mistel mit mehr als tausend Enzymen das Immunsystem und lindert die Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie. Eine nachgewiesene Wirkung hat auch Ginkgo. Seine Flavonoide und die Ginkgolsäure wirken sehr vielfältig, helfen unter anderem bei Durchblutungsstörungen und Schwindel, steigern aber auch die mentale Leistungsfähigkeit.

Ohnehin sind viele Heilpflanzen wie zum Beispiel Lavendel, Frauenmantel, Melisse, Minze, Rosmarin, Basilikum oder Johanniskraut nicht nur auf ein Krankheitsbild beschränkt (siehe auch nächste Seite). Das zeigt sich ebenfalls in der Homöopathie, wo etwa der Wirkstoff Belladonna (Schwarze Tollkirsche) nicht nur gegen Erkältungen, sondern auch gegen Fieber, Entzündungen, Koliken und Sonnenbrand hilft. Und selbst wenn Wissenschaftler sie gern als Hokuspokus abtun, so konnten Studien doch immerhin Hinweise auf eine Wirksamkeit vor allem bei Allergien, Arthrose, Asthma, Bronchitis und Magenschleimhautentzündungen belegen.

Akupunktur lenkt die Energien

Insbesondere chronische Beschwerden sind auch die Domäne der TCM. Aber nicht nur: Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt die Anwendung der Akupunktur bei mehr als 40 Krankheiten. Forscher konnten nachweisen, dass Akupunktur zu einer Ausschüttung von Neurobotenstoffen wie Beta-Endorphinen (schmerzlindernd) sowie Serotonin (stimmungsaufhellend) führt. Bei den Chinesen klingt das einfacher: "Akupunktur lenkt die Energie des Lebens."

Was für die Chinesen TCM, ist für die Inder Ayurveda. Mit Pflanzenarzneien, Entgiftung, spezieller Ernährung und Spiritualität soll das Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele erhalten werden. Ingfried Hobert: "Ayurveda erzielt besonders gute Erfolge bei Stoffwechselerkrankungen wie Akne und Diabetes." Einen Siegeszug durch Deutschlands Naturpraxen erleben derzeit zwei noch relativ junge Therapien. Dem Biofeedback, bei dem computergestützt Körperfunktionen, Blutdruck, Hirnströme, Hautwiderstand erfasst und auf einem Monitor dargestellt werden, versprechen Wissenschaftler bei Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bluthochdruck und ADHS eine erfolgreiche Zukunft.

Ebenso positiv bewertet wird die Osteopathie bei Problemen mit dem Bewegungsapparat. Den Therapievorteil bringt Hobert auf den Punkt: "Der Osteopath betrachtet nicht das Detail, etwa die schmerzende Schulter, sondern hat das große Ganze im Blick – als zusammenhängendes System aus Körper, Muskeln und Organen, die einander extrem beeinflussen können." Patienten sollten aber nicht nur bei der Schulmedizin Vorsicht walten lassen: Denn alles, was eine Wirkung hat, kann auch Nebenwirkungen haben! "Es ist ein verbreiteter Glaube, dass Naturheilmittel harmlos sind", so die WHO.

Das mussten auch Krankenhauspatienten feststellen, deren Wundheilung durch die Einnahme von Johanniskraut gestört wurde, oder Frauen, die schwanger wurden, weil das Mittel die Wirkung der Antibabypille herabsetzte. Wichtig: Therapieart und Dosierung vor einer Selbstmedikation immer mit dem Arzt besprechen. Schon der Schweizer Arzt, Naturforscher und Philosoph Philippus Paracelsus (1493 –1541) warnte nicht umsonst: "Allein die Dosis macht,dass ein Ding kein Gift ist."

Autor: Susan Junghans-Knoll