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Osteopathie: Vorsichtig werden Verspannungen ertastet und behoben.

Mit sanftem Druck löst der Osteopath innere Blockaden. - Foto © picture alliance / JOKER

Neue Therapien von Top-Experten

Rückenschmerzen

Wie beugt man Rückenschmerzen vor? Was hilft im Ernstfall? Vier Experten unterschiedlicher Fachrichtungen erklären, was den Rücken stärkt und was sie Patienten raten.

Unser Rückgrat besteht aus 33 Wirbeln. Und jeder einzelne von ihnen kann Probleme bereiten. Selten sind es jedoch die Knochen selbst, die schmerzen. Die Wirbelsäule ist ein komplexes Gebilde aus Sehnen, Knorpeln, stützender Muskulatur, Nerven und Bandscheiben. Mittendrin verläuft die Nervenbahn des Rückenmarks. Insgesamt also ein sehr sensibles Gerüst, unser Rücken! Schon leichteste Verschiebungen, Verletzungen oder Fehlhaltungen können zu Schmerzen führen, manchmal sogar zu Lähmungen.

Therapie Rückenschmerzen

Massagen: Fehlstellungen der Wirbelsäule lassen sich manuell gut korrigieren. - Foto © picture-alliance

Vier Königswege fürs Kreuz

85 Prozent aller Deutschen leiden im Lauf ihres Lebens an Rückenschmerzen. Das fängt bei harmlosen muskulären Verspannungen an und endet oft in komplizierten Wirbelsäulenproblemen, die kaum zu ertragen sind. Was soll man dann tun? Spritzen, einrenken oder sogar operieren? Da ist unterdessen selbst die Fachwelt zerstritten. Was hilft wirklich? Wodurch könnte man vorbeugen?


Sofort zum Arzt!

Hexenschuss und Schmerzen vergehen oft ganz ohne Behandlung. Bei folgenden Symptomen sollten Sie aber sofort einen Arzt oder eine Notfallambulanz aufsuchen: Inkontinenz: Kann man den Stuhl oder den Harn nicht mehr kontrollieren, weist das auf eine ernst zu nehmende Nervenschädigung hin. Ein absolutes Warnsignal!
Lähmungserscheinungen: Lässt sich ein Fuß nicht mehr in Richtung Körper ziehen, oder hat man Kribbeln und Lähmungsgefühle: Sofort zum Arzt!
Nach Unfall: Schmerzattacke Tritt nach einem Sturz, einem Fahrrad- oder Autounfall plötzlich heftiger Schmerz auf, muss das sofort abgeklärt werden.


HÖRZU befragte vier Experten aus vier unterschiedlichen Fachrichtungen: einen Orthopäden, einen Physiotherapeuten, der auf manuelle Therapie spezialisiert ist, einen Homöopathen und eine Osteopathin. Hier verraten die vier Rückenprofis, was sie ihren Patienten zur Prophylaxe empfehlen, worauf sie bei der Behandlung von Schmerzen setzen, wie sich ihr Ansatz von jenem der Kollegen unterscheidet und wann sie Betroffene an einen anderen Facharzt verweisen.

In zwei Punkten sind sich alle vier aber einig: Eine OP an der Wirbelsäule sollte man solange es geht vermeiden. Und: Wer früh auf den Rücken achtet, kann Schmerzen verhindern.


Orthopäde Prof. Wolfgang Ertel, Charité, Berlin

"Ich warne vor einigen OP-Techniken."

"Maximal 25 Prozent unserer Patienten werden operiert. Die restlichen behandeln wir konservativ, etwa mit manueller Therapie, Physiotherapie oder dem Streckbett. Denn die Wirbelsäulenchirurgie ist hochkomplex und sehr gefährlich. Überflüssige Eingriffe sollten unbedingt vermieden werden. Ich warne auch vor einigen minimalinvasiven oder neuen Verfahren. Und zwar vor der Thermokoagulation, also der Behandlung mit einer Hitzesonde, vor dem Einspritzen von Knorpelzellen in die Bandscheibe und vor der dynamischen Versteifung. Diese Verfahren halte ich nicht für ausgereift.

Bei größeren Eingriffen empfehle ich Patienten eine Operation in einer großen Klinik mit Wirbelsäulenzentrum. Wer unsicher ist, sollte unbedingt eine Zweitmeinung einholen. Auch Schmerzen in den Armen, Beinen oder dem Schultergelenk können ihren Ursprung in einem Bandscheibenvorfall haben. Das wird oft übersehen. Die Hauptursache aller Rückenschmerzen ist aber meist eine sehr schlechte Haltung am Arbeitsplatz. Jeder sollte möglichst oft Pausen machen und zwischen Sitzen, Gehen und Stehen wechseln. Wer frühzeitig gezielt und regelmäßig seinen Rücken trainiert, kann Rückenschmerzen und Bandscheibenvorfällen dadurch vorbeugen.“


Thorsten Munt, Physio- und Manualtherapeut, Hamburg

"Die Zauberformel heißt: Mehr Bewegung."

"Meine Patienten müssen mitarbeiten, Übungen machen und öfter auch mal ihren Alltag leicht verändern. Denn Rückenschmerzen kommen nicht wie eine Erkältung angeflogen, sie entstehen meist über Jahre. Je länger die Schmerzen anhalten, desto länger dauert die Behandlung. Aber oft spüren die Patienten schon nach etwa drei Sitzungen eine deutliche Besserung. Ich untersuche, wo es möglicherweise Fehlhaltungen, verkürzte Sehnen, eine Fehlstellung des Beckens oder schwache Muskeln gibt. Dafür schaue ich genau, wie beweglich die Gelenke sind.

Wer viel am Schreibtisch sitzt, hat oft verkürzte Hüftbeuger. Das sieht man auch an einer kurzen Schrittlänge. Fehlstellungen kann ich mit der manuellen Therapie bessern. Sind schon anatomische Veränderungen vorhanden, ist das so oft nicht mehr möglich. Dann müssen die Patienten zum Arzt. Pauschal kann man sagen, dass die Menschen sich im Alltag mehr bewegen sollten. Ich halte viel vom Spazierengehen.

Menschen, die hypermobil sind, also extrem beweglich, können mit Yoga, das oft empfohlen wird, eine Menge falsch machen. Die brauchen eher eine Kräftigung der Muskulatur. Wer Probleme hat, sollte daher vom Therapeuten die Übungen empfohlen bekommen. Einfach nur Rückenübungen zu machen hilft meist nicht viel: Jeder Mensch hat ganz unterschiedliche Problemzonen, die sich als Rückenschmerzen äußern können. Aber genau deshalb kann eine gezielte Behandlung mit Physio- und manueller Therapie auch so viel bewirken. Meinen Patienten gebe ich Übungen für zu Hause mit, die sie dann regelmäßig machen."


Martin Straube, niedergelassener Arzt und Homöopath aus Fischerhude

"Auch die Konstitution und die Psyche zählen."

“Homöopathie und Medizin ergänzen sich gut, vor allem bei Rückenschmerzen, da das ein kompliziertes Geschehen ist. Neben physischen, statischen Faktoren wie etwa unterschiedlich langen Beinen können andere Faktoren eine Rolle spielen. Die Psyche wirkt sich auch auf den Rücken aus. Menschen, die in einer Krise stecken, gehen oft nach vorn gebeugt. Schon das verursacht vielleicht Schmerzen. Die Homöopathie kann hier für etwas bessere Stimmung sorgen – und dadurch für eine Aufrichtung des Körpers.

Hinter Hexenschüssen kann eine Angst vor dem nächsten Schritt stecken. Ich fordere die Patienten auf, genau hinzuschauen, wann die Schmerzen auftreten, was gerade im Leben passiert. Treten sie beim Arbeiten auf? Wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt? Bei Verdauungsstörungen? Die Muskulatur ist hochsensibel, und der Rücken reagiert. Oft treten Rückenprobleme bei Patienten mit einer generellen Bänderschwäche auf. Da die Homöopathie immer die ganze Konstitution des Menschen beachtet, lässt sich auch das bessern. Kalium etwa kann helfen. Im akuten Fall lindert Arnica D3 die Schmerzen.“


Anke Deckelnick, Osteopathin aus München

"Mit sanftem Druck innere Blockaden lösen."

"Rund 80 Prozent meiner Patienten leiden unter Rückenschmerzen. Das zeigt den Stellenwert der Osteopathie in diesem Bereich. Viele lassen sich parallel vom Orthopäden und Physiotherapeuten behandeln. Das halte ich für richtig, weil wir nicht in den Körper schauen können. Oft versuchen Patienten, durch die osteopathische Behandlung eine Operation zu umgehen.

Im Unterschied zur Orthopädie betrachtet die Osteopathie den ganzen Menschen, alle Gewebestrukturen wie Sehnen, die Organe und die Hüllen, die einen Muskel umgeben. Verschiedene Organe sind unterschiedlichen Wirbelkörpern zugeordnet. Der sechste bis neunte Brustwirbel korrespondiert mit der Leber. Treten in diesem Bereich Schmerzen auf, behandeln wir diese auch.

Häufig stecken hinter Rückenschmerzen Darmprobleme, vor allem wenn die Lendenwirbelsäule betroffen ist. Während der Therapie üben wir sanften Druck auf das Gewebe aus, schieben es oder ziehen es leicht. Für die Patienten ist das fast immer angenehm und nur selten mit einem leichten Ziehen verbunden. So lösen wir Blockaden im Körper oder Verklebungen im Gewebe. Meist reichen zwei, drei Behandlungen, um eine erste Besserung zu erzielen. Starken Beschwerden kann man vorbeugen, indem man sich ein- bis zweimal pro Jahr osteopathisch behandeln lässt und damit das Entstehen von Blockaden bereits frühzeitig verhindert."

Autor: Esther Langmaack