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Pillenberg: Patienten über 65 nehmen oft bis zu neun Arzneimittel.

Experten warnen: Wir schlucken zu viel Arznei! Patienten über 65 nehmen oft bis zu neun Arzneimittel.

Experteninterview

Gute Pillen, schlechte Pillen

Medizin ist zum Heilen da. Denkt man. Was aber, wenn es nichts zu kurieren gibt? Auch dann lassen sich Medikamente verkaufen. Alles, was man braucht, ist eine Diagnose. Und der kann man nachhelfen – indem man Alterserscheinungen für behandlungsbedürftig oder Stimmungsschwankungen zu Störungen erklärt, indem man die Grenzwerte für Blutdruck oder Cholesterin immer niedriger ansetzt.

Seit Jahren schaffen sich Pharmafirmen auf diese Weise ihre Patienten selbst – und machen damit ein Riesengeschäft. Mehr als 41.000 rezeptpflichtige Medikamente sind in Deutschland derzeit auf dem Markt, für rund 32 Milliarden Euro pro Jahr konsumieren wir Tabletten, Tinkturen und Kapseln. Keineswegs immer zu unserem gesundheitlichen Wohl. Denn an den Senioren zeigt sich, was passieren kann, wenn gegen jedes tatsächliche und auch vermeintliche Leiden Medikamente zum Einsatz kommen:

Hohe Dosis: Wie viel und was die Deutschen einnehmen

Ab einem Lebensalter von 60 Jahren steigt der Arzneimittelverbrauch deutlich. Viele Patienten schlucken mehrere Medikamente. Die Hitliste der meistverordneten Präparate wird angeführt von Blutdrucksenkern, Antibiotika und entzündungshemmenden Mitteln.

Die verordnungsstärksten Arzneimittelgruppen 2010

Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 626,3 Millionen Verordnungen. Davon entfielen allein 51,4 Millionen Verschreibungen auf blutdrucksenkende Mittel.

Gut 44 Prozent vom Umsatz des gesamten Fertigarzneimittelmarktes entfielen 2010 auf Versicherte ab 65 Jahren. Im Durchschnitt wird jeder von ihnen täglich mit 3,6 Tagesdosen behandelt, nimmt also mehrere Medikamente gleichzeitig ein. Ganze 42 Prozent dieser Betroffenen erhalten innerhalb eines Quartals sogar fünf oder mehr Wirkstoffe! Dabei ist gerade im Alter eine solche Multimedikation wegen der unüberschaubaren Neben- und Wechselwirkungen höchst problematisch.

Prof. Gerd Glaeske vom Institut für Sozialpolitik in Bremen stellte fest, dass etwa 10,2 Prozent der älteren Patienten an nichts anderem leiden als an solch unerwünschten Wirkungen von Arzneimitteln. Viele der Betroffenen müssen deswegen sogar im Krankenhaus behandelt werden. Geschätzte Kosten dieser Fehlentwicklung: bis zu 600 Millionen Euro pro Jahr! Dass die Pharmaindustrie um des eigenen Profits willen fahrlässig das Wohlergehen ihrer "Kunden" gefährdet, kritisiert auch der anerkannte Gesundheits- und Pharmaexperte Jörg Schaaber.

Gesundheits- und Pharmaexperte Jörg Schaaber im großen HÖRZU-Interview

Jörg Schaaber ist anerkannter Entwicklungssoziologe und Gesundheitswissenschaftler. Er arbeitet für die Pharma-Kampagne der BUKO (Bundeskoordination Internationalismus), einer unabhängigen Organisation, die u. a. die Aktivitäten der Pharmaindustrie kritisch beobachtet. Zudem ist Schaaber Chefredakteur des von der BUKO herausgegebenen Pharma-Briefes. Für die Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen (BAGP) sitzt er im Arzneimittelausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses, der über Leistungen gesetzlicher Krankenkassen in Deutschland entscheidet. Die BUKO ist auch Mitherausgeberin der Zeitschrift „Gute Pillen – Schlechte Pillen“. Ärzte, Apotheker, Gesundheits- und Naturwissenschaftler liefern dort industrieunabhängige Information für Patienten und gesunde Menschen.

HÖRZU: Einige Ärzte und Forscher werfen der Pharmaindustrie vor, aus Gesunden Kranke zu machen. Stimmt das?

Jörg Schaaber: Der Vorwurf ist berechtigt. Wir leben in einem Land mit überdurchschnittlich gesunden Menschen. Doch die Pharmafirmen sind Wirtschaftsunternehmen, die nur mit einer Wachstumssteigerung funktionieren. Da haben sie die Gesunden als neuen Markt für sich entdeckt.

HÖRZU: Wie funktioniert das genau?

Jörg Schaaber: Indem natürliche Alterserscheinungen oder alltägliche Befindlichkeitsstörungen zu behandlungsbedürftigen Leiden gemacht werden. Lifestyle-Präparate wie Mittel gegen Haarausfall oder Pillen zur Verbesserung einer Erektion sind Verkaufsschlager, weil die Menschen glauben, sie müssten um jeden Preis zu jedem Zeitpunkt funktionieren. Es gibt sogar ein Mittel gegen senkrechte Falten zwischen den Augenbrauen beim Stirnrunzeln. So etwas kann sich eigentlich nur ein Kabarettist ausdenken, aber das Mittel wird tatsächlich verkauft.

HÖRZU: Wie schafft man es, aus Alterserscheinungen oder Stimmungsschwankungen ein medizinisches Leiden zu machen?

Jörg Schaaber: Zuerst einmal muss die Industrie den Menschen weismachen, dass es sich bei ihren harmlosen Symptomen um ein Problem handelt. Für rezeptpflichtige Mittel darf in Deutschland zwar keine Werbung gemacht werden. Doch es gibt jede Menge Tricks, auch dieses Problem zu umgehen.

HÖRZU: Wie sehen solche Tricks aus?

Jörg Schaaber: Es ist beispielsweise nicht verboten, Diskussionsrunden über Erektionsschwierigkeiten zu veranstalten. Eingeladene Ärzte und Wissenschaftler sollen dort von einem Problem sprechen, das scheinbar viele Menschen betrifft, gegen das man aber auch etwas unternehmen kann – natürlich mit einem Medikament. Wenn man nun noch darauf achtet, dass bei der Veranstaltung alles in Blau gehalten ist, macht man ganz subtil immer wieder auf ein bestimmtes Mittel aufmerksam, das ebenfalls blau ist. In Zeitungen oder im Fernsehen werden zusätzlich Beiträge über eine schwindende Erektion platziert – und schon steigen die Verkaufszahlen.

HÖRZU: Welche Rolle spielt dabei das Internet?

Jörg Schaaber: Die neuen Medien sind sehr wichtig, da die Informationen dort für jeden zugänglich und nur schlecht geprüft sind. So gibt es zahlreiche Seiten, die sich Gesundheitsthemen widmen. Dass sie häufig von der Pharmaindustrie stammen, erkennt man jedoch nur schwer. Ein Beispiel sind Internetseiten für Jugendliche, die sich dem Thema Verhütung widmen. Neben Spielen oder Tests wird dort häufig vermittelt, dass die Einnahme der Pille die Haare schöner macht oder vor Pickeln schützt. Dabei lassen sich diese Behauptungen oft nicht belegen. Am Ende steht die Empfehlung, zum Arzt zu gehen.

HÖRZU: Der Arzt könnte doch aufklären, oder?

Jörg Schaaber: Wenn ein Patient mit dem Wunsch nach einem bestimmten Medikament zum Arzt geht, ist es häufig schwierig, dem nicht zu entsprechen. Daten aus den USA zeigen, dass der Patient meist bekommt, was er will.

HÖRZU: Werden Ärzte gezielt von der Pharmaindustrie beeinflusst und bezahlt?

Jörg Schaaber: Die Zeiten der großen Geschenke sind vorbei, doch das Sponsoring etwa von Kongresskosten ist nach wie vor vollkommen normal. Zwar dürfen die Teilnehmer nicht mehr in Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels einquartiert werden, doch auch hier gibt es Mittel und Wege. Ein hochklassiges Hotel in Köln etwa hat freiwillig auf seine Sterne verzichtet, um weiterhin Kongressgäste beherbergen zu können. Die Pharmaindustrie finanziert auch Fortbildungen für Ärzte. Da besteht natürlich die Gefahr, dass die Informationen unausgewogen sind – im schlimmsten Fall zum Schaden der Behandlung und damit der Patienten.

HÖRZU: Manche Pharmaunternehmen geben mehr Geld für Marketing aus als für ihre Forschung. Lohnt sich das?

Jörg Schaaber: Und ob. In den USA, wo Werbung für rezeptpflichtige Medikamente erlaubt ist, konnte am Beispiel eines Mittels gezeigt werden: Für jeden Dollar, der dort in das Marketing gesteckt wurde, hat das Unternehmen tatsächlich vier Dollar an Umsatz gemacht.

HÖRZU: Bevor ein Medikament auf den Markt kommt, muss es etliche Hürden nehmen, etwa Studien, den Ethikrat oder die Beurteilung durch die Arzneimittelbehörde. Garantiert das nicht die Qualität?

Jörg Schaaber: Häufig wurde bislang in diesen Studien nicht der Nutzen eines Medikaments untersucht, sondern nur seine Wirkung, etwa ob der Blutzuckerspiegel sinkt. Geklärt wurde nicht, ob deshalb auch weniger Menschen sterben, sich ihre Symptome bessern oder ihre Lebensqualität. Millionen Menschen nehmen so täglich Medikamente ein, die sie vielleicht überhaupt nicht brauchen und die nicht die Ursache der Erkrankung angehen. Die Nebenwirkungen müssen sie trotzdem ertragen.

HÖRZU: Welche Folgen kann das im schlimmsten Fall haben?

Jörg Schaaber: Einer der bekannteren Zwischenfälle aus jüngster Zeit ist der Wirkstoff Rosiglitazon. Er war einer der größten Umsatzbringer des britischen Pharmakonzerns GlaxoSmith-Kline. 2007 attestierte eine Studie dem Diabetespräparat, es könne Herzprobleme auslösen. Trotzdem dauerte es noch drei Jahre, bis es in Deutschland vom Markt genommen wurde. Ein anderes Beispiel ist das Medikament "Drotrecogin alfa", das Menschen mit Blutvergiftung helfen sollte. Seit 2002 war es zugelassen. Zweifel an seiner Wirksamkeit gab es schon lange. Doch erst jetzt wurde es zurückgezogen. Es ließ sich nicht mehr länger verbergen, dass es einfach nicht hilft.

HÖRZU: Welche Rolle spielen dabei die Empfehlungen von Fachgesellschaften?

Jörg Schaaber: Auch die sind häufig nicht frei von Einflussnahme. Seit Jahren sinken so die Grenzwerte für Blutzucker, Blutfette oder Blutdruck. Die Definitionen von Krankheiten werden außerdem zusehends aufgeweicht und machen Millionen Menschen zu potenziellen Patienten. Haarausfall, Burn-out, erhöhter Cholesterinspiegel: Schon jetzt ist es für einen 45-jährigen Mann kaum noch möglich, als gesund zu gelten. Irgendwann gehören Tabletten wahrscheinlich zum Alltag.

HÖRZU: Das klingt ja äußerst pessimistisch. Habe ich als mündiger Patient denn keine Chance, mich vor solchen Auswüchsen wirkungsvoll zu schützen?

Jörg Schaaber: Es gibt ein paar gute Informationsquellen, die vollkommen frei sind vom Einfluss der Pharmaindustrie (Anm. d. Red.: etwa die Internetseite www.gesundheitsinformation.de). Fragen Sie beim Arzt immer nach, ob die Behandlung wirklich notwendig ist und welche Alternativen es gibt. Fragen Sie ruhig auch: "Was passiert, wenn ich gar nichts mache?" Und lassen Sie sich nicht von Versprechungen zum Erfolg eines neuen Produkts locken.

HÖRZU: Vielen Dank, Jörg Schaaber, für das Interview.

Autor: Nicole Simon