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Dr. Eckart von Hirschhausen gibt Patienten Tipps für den Arztbesuch.

Dr. Eckart von Hirschhausen gibt Patienten Tipps für den Arztbesuch. / Foto: © dpa

Gesund – bis der Arzt kommt

Dr. Eckart von Hirschhausen über das Gesundheitssystem

Hallo, liebe HÖRZU-Leser! Mein Name ist Hirschhausen, ich bin Arzt, und ich möchte Sie gut behandeln. Ich bin zwar schon lange nicht mehr im Krankenhaus tätig, aber ich habe lange genug hinter die Kulissen geschaut, um Ihnen ein paar Tipps geben zu können, wie Sie gut auf sich achten. Ärzte streiken für mehr Geld, Kliniken klagen über Unterfinanzierung – und immer mehr Patienten haben das ungute Gefühl, nicht ausreichend versorgt zu sein. Ich meine: Klagen hilft nichts. Ich möchte stattdessen zeigen, dass die Kraft für Veränderungen auch bei Ihnen liegt: bei den Patienten.

1 Weniger ist manchmal mehr
Wir Deutschen sind Weltspitze – im Zum-Arzt-Laufen, in Operationen und Untersuchungen. Wir haben mit die höchste Zahl an Krankenhauseinweisungen. Wir haben hohe Steigerungsraten bei Hüft- und Knieprothesen, Bypässen und MRTs. Sind wir damit das gesündeste Volk der Welt? Nein! In anderen Industrienationen sind die Menschen sogar gesünder, leben länger und zufriedener als wir. Wer keine Beschwerden hat und zu keiner Risikogruppe gehört, hat nachweislich keinen Vorteil von "Routineuntersuchungen". Nur mehr Sorgen.

Auch voreilige Röntgenbilder belasten Körper und Seele. Ein Beispiel: Erst wenn Ihre Rückenschmerzen nach sechs Wochen nicht von allein verschwunden sind, ist es medizinisch sinnvoll, Sie mit Apparaten zu untersuchen. Oft findet man "unklare Befunde", die dann weiter aufwendig abgeklärt werden. Bei jedem zehnten eigentlich Gesunden entdeckt der Arzt einen Gallenstein. Diese Form der Überversorgung macht uns kränker, als wir tatsächlich sind.

Auf gut Deutsch: Vieles wird getan, weil es bezahlt wird, nicht, weil es für den Patienten das Beste ist. Für Sie kann es besser sein, abzuwarten und sich nicht vorschnell operieren zu lassen. Wichtige Fragen, die Sie vor jedem Eingriff stellen können: "Was kann passieren, wenn ich noch überlegen will und noch abwarte?" Und: "Würden Sie als Arzt das auch an sich selbst machen lassen?"

2 Mehr reden
In der Realität heißt "Sprechstunde" oft: Man wartet 55 Minuten und kommt dann fünf Minuten dran. Im Schnitt hat ein Arzt 45 Patienten pro Tag, also weniger als zehn Minuten für Vorgeschichte, Untersuchung, Erklärungen und Rezept. Längere Gespräche werden nicht angemessen vergütet. Das muss sich ändern. Der heutige Stand: Ein Arzt unterbricht den Patienten bereits innerhalb der ersten 20 Sekunden. Umso wichtiger ist, dass Sie sich gut vorbereiten, zum Beispiel mit den Listen auf www.faktencheck-gesundheit.de.

3 Gemeinsam entscheiden
Bei allem Fortschritt: Wir überschätzen, was die Medizin für unsere Gesundheit tun kann. Unser persönlicher Lebensstil ist der größte Hebel für unsere Lebensfreude und unser Wohlbefinden. Dazu sind manchmal professionelle Beratung und Begleitung nötig. Alle medizinischen Eingriffe, die in Ihr Leben eingreifen, sollten auf Augenhöhe mit dem Arzt entschieden werden. Redet ein Arzt von oben herab, fühlt man sich wie ein kleines Kind. Und verhält sich auch so: trotzig. Nur ist damit niemandem gedient.

Langfristige Veränderungen in der Lebensführung und Therapietreue gelingen viel eher dann, wenn gemeinsam entschieden wird. Unter Erwachsenen. Fragen Sie nach: Was kann ich selbst zu meiner Gesundung beitragen? Der Arzt ist der Experte für die Medizin. Aber der Experte für Ihr Leben – das sind Sie!

4 Deutsch sprechen
Ärzte lernen immer noch altgriechische und lateinische Vokabeln – zwei tote Sprachen für das Wunder des Lebens. Eine Diagnose und schlaue Wörter sind aber kein Selbstzweck, sondern nur sinnvoll, wenn sich daraus für den Patienten auch eine Empfehlung oder Konsequenz ableiten lässt. Sie haben ein Recht darauf , dass jemand verständlich mit Ihnen spricht. Fragen Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstehen.

Es gibt auch im Internet verlässliche Seiten, etwa www.gesundheitsinformation.de. Dahinter steckt keine Kasse und keine Industrie, sondern das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG. Und wenn Sie wissen wollen, was in einem Arztbrief oder Befund gemeint ist, gibt es eine tolle Initiative von Medizinstudenten, die eine Übersetzungsplattform geschaffen haben: www.washabich.de

5 Humor ins System
Lachen ist die beste Medizin. Mit meiner Stiftung "Humor hilft heilen“" haben wir durch Interviews mit Patienten, Pflegekräften und Ärzten belegen können, dass sich alle drei Gruppen in einer "Schicksalsmühle" fühlen, die gerade die Hochmotivierten am schnellsten frustriert. In den vergangenen Jahren wurde vieles zu Tode gespart. Umso wichtiger ist es, dass die Menschlichkeit in die Medizin zurückkehrt. Patienten sind keine Kunden, und Pflege ist mehr als eine Dienstleistung.

Zuwendung heilt und ist durch nichts zu ersetzen. Dazu braucht es Wertschätzung für alle Mitarbeiter und immer wieder als Eisbrecher auch etwas zu lachen. Tränen, die man gelacht hat, muss man nicht mehr weinen.

Autor: Dr. Eckart von Hirschhausen