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Gefeahrliche Pillen

Pillenflut: Nicht alles ist nötig, manches sogar gefährlich. - Foto: © picture alliance / WILDLIFE

Krank auf Rezept

Doku im TV: "Medizin kontrovers"

Pillen sollen helfen. Doch manche schaden mehr, als sie nützen – gerade bei Senioren.

Schon wieder eine unruhige Nacht. Annegret Weber (Name geändert) kann nicht einschlafen – wie so häufig in den vergangenen Wochen. Es gibt einfach so vieles, an das die 71 Jahre alte Dame denken muss. Selbst wenn sie dann endlich eingeschlummert ist, wacht sie mehrmals auf. Tagsüber fühlt sie sich meist schlapp und ausgezehrt und döst immer wieder auf dem Sofa ein. Zum Glück hat ihr Hausarzt Verständnis und verschreibt ihr Zopiclon, ein Schlafmittel. Eine Tablette davon soll sie jeweils vor dem Zubettgehen einnehmen, dann dürfte die Nachtruhe sicher sein. Und tatsächlich: Am nächsten Morgen wacht Annegret Weber viel erholter auf. Wenn da nur nicht diese Benommenheit wäre! Auf dem Weg ins Badezimmer strauchelt sie und fällt zu Boden. Das Medikament hat sie buchstäblich in die Knie gezwungen.


TV-Tipp

Fr., 7.11.: "Medizin kontrovers" - Dokumentation über umstrittene Fragen in der Medizin. Arte, 21.45 Uhr (s. auch TV-Tipps rechts)


Gefährliche Wirkstoffe

"Etwa ein Viertel der Arzneimittel, die Menschen über 65 Jahre bekommen, sind für sie ungeeignet", beklagt der Pharmazeut Prof. Gerd Glaeske. Da im Alter die Körperfunktionen nachlassen, werden die Stoffe langsamer durch die Niere ausgeschieden und können dann mitunter mehr schaden als nützen. Um derlei vorzubeugen, haben Wissenschaftler der Universität Witten/ Herdecke die sogenannte Priscus-Liste (lateinisch für "alt", "ehrwürdig") erstellt. Dort sind 83 Wirkstoffe von Arzneimitteln aufgeführt, welche die Gesundheit älterer Patienten gefährden können. Unter anderem Schlafmittel wie Zopiclon, von dem bekannt ist, dass es bei Senioren das Risiko für Stürze erhöht. Oder Antidepressiva wie Imipramin, ein Mittel, von dem man seit Längerem weiß, dass es zu Verwirrtheitszuständen und innerer Unruhe führen kann.

Besonders prekär: Alle Medikamente auf der Priscus-Liste sind rezeptpflichtig, müssen also von einem Arzt verordnet werden. Das scheint sinnvoll, denn wer, wenn nicht der Mediziner, sollte wissen, was gut ist für seine Patienten? Das Problem: Oft leiden ältere Menschen an mehreren Beschwerden und beziehen ihre Rezepte von verschiedenen Doktoren: vom Hausarzt über den Orthopäden oder Augenarzt bis hin zum Gynäkologen oder Urologen. "Jeder von ihnen glaubt, das Richtige zu tun", sagt Prof. Gerd Glaeske. "Aber meines Erachtens mangelt es an Koordination unter den Ärzten." So wisse der eine meist nicht, was der andere bereits getan habe. Hinzu kommt, dass das Risiko von Neben- und Wechselwirkungen dramatisch ansteigt, je mehr Tabletten man schluckt. Und die können im Alter eine beachtliche Mischung ergeben. Untersuchungen zeigen, dass rund 35 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen jenseits der 65 mindestens neun Arzneimittelwirkstoffe in Dauertherapie einnehmen. Werden dann auch noch Pillen in Eigenregie gekauft, ist das Chaos perfekt. Wer soll sich da noch zurechtfinden?

Überblick verschaffen

Prof. Glaeske rät daher, sich eine Liste sämtlicher Medikamente und ihrer Dosierung anzulegen und sie beim nächsten Arztbesuch vorzulegen. So können Fehler entlarvt und gefährliche Wechselwirkungen ausgeschlossen werden. Riskante Mischungen kann auch der Apotheker mithilfe eines sogenannten Interaktions-Checks aufdecken. Schlägt die Spezialsoftware auf seinem Computer Alarm, ist eine persönliche Beratung nötig oder sogar die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erforderlich. Es kann sich also lohnen, auch in der Apotheke noch einmal nachzufragen. Stefan Palmowski von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland erläutert: "Es reicht nicht, wenn sich der Arzt auf den Beipackzettel beruft." Er ist von vornherein dazu verpflichtet, über die Mittel aufzuklären, die er verschreibt. Doch genau das werde, so Glaeske, "leider viel zu selten gemacht".

Unnötig ins Krankenhaus

Die einzige wirkungsvolle Waffe für den Patienten ist dann immer noch die Neugier. Wer Fragen hat, sollte sich nicht scheuen, beim Arzt nachzuhaken. Schließlich steht die eigene Gesundheit auf dem Spiel. Die Zahlen sprechen für sich: Rund zehn Prozent der Krankenhauseinweisungen älterer Menschen sind arzneimittelbedingt. Der Fall von Frau Weber endete zum Glück glimpflich: Als sie, benebelt von einem Medikament, morgens auf dem Weg ins Badezimmer stürzte, zog sie sich lediglich einige schmerzhafte Prellungen an Beinen und Oberkörper zu. Ein Krankenhausaufenthalt war nicht nötig – aber nicht immer geht es so gut aus, wenn man zur falschen Pille greift.


6 Tipps, die Sie vor gefährlichen Neben- und Wechselwirkungen schützen

Trinken

Flüssigkeitsmangel kann die Wirkung von Tabletten beeinflussen. Der Tagesbedarf liegt bei mindestens 1,5 bis 2 Litern.

Kontrolle

Lassen Sie eine Liste aller Mittel, die Sie einnehmen, jährlich vom Hausarzt überprüfen. Er entscheidet, was davon überhaupt noch notwendig ist.

Kommunikation

Fühlen Sie sich vom Arzt gut beraten? Falls nicht, wechseln Sie. Auch eine zweite Meinung kann nie schaden.

Sicherheit

Es gibt bereits Pillenboxen mit Timerfunktion (etwa über www.idealo.de, ca. 10 Euro). Diese erinnern Sie pünktlich daran, wann die nächste Einnahme nötig ist.

Warnzeichen

Sind Sie schläfrig? Wird Ihnen plötzlich schwindelig? Tun Sie solche Befindlichkeiten nicht als Alterserscheinung ab. Es könnten Nebenwirkungen sein.

Absprache

Setzen Sie Medikamente nicht einfach auf eigene Faust ab, sondern halten Sie immer Rücksprache mit Ihrem Arzt. Nur der Experte kann das entscheiden.

Autor: Anne-Kathrin Hasse