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Arztuntersuchung

56 Prozent der Deutschen über 18 Jahre leiden mindestens einmal im Jahr unter Schmerzen. - Foto: Adam Berry/Getty Images

Wege aus dem Schmerz

Der große Schmerz-Report

Ein Donnerschlag poltert durch den Kopf, ein Blitz schießt in den Rücken, ein Feuer brennt auf der ganzen Haut: Schmerz hat viele Spielarten. Mal ist er akut, mal chronisch. Mal lokal begrenzt, mal großflächig ausstrahlend. Eines aber ist er immer: quälend!

56 Prozent der Deutschen über 18 Jahre leiden mindestens einmal im Jahr unter Schmerzen, zwei Drittel davon sind Frauen. Das ergab eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) mit 20.500 Teilnehmern. Jüngere haben demnach primär Kopfschmerzen, Betroffene über 50 Jahre vermehrt Gelenk- und Rückenschmerzen.


TV-Tipp

Do 8.5., "Service: Gesundheit" - Magazin mit vielen Infos zu Therapien und alternativen Heilmethoden, HR, 18.50 UHR (s. auch TV-Tipps rechts)


Das Schmerzgedächtnis

Schmerz ist ein Warnzeichen. Er signalisiert dem Gehirn, dass etwas mit unserem Körper nicht stimmt. Ignorieren wir diesen Alarmruf über längere Zeit, laufen wir Gefahr, dass der Schmerz chronisch wird. Er ist nicht länger Symptom, sondern selbst zur Krankheit geworden. Dann ist nicht mehr der blockierte Wirbel oder der vereiterte Zahn Ursache – es sind allein die Nerven, die nonstop und ohne erkennbaren Grund Schmerzsignale über das Rückenmark zum Gehirn feuern, wo sie abgespeichert werden. So entsteht langsam, aber sicher ein Schmerzgedächtnis. Es kann jeden treffen, aber nicht jeden gleich heftig.

US-Forscher fanden heraus, dass eine starke Verknüpfung zweier Hirnregionen eine entscheidende Rolle spielt. Je stärker bei einem Menschen der sogenannte Nucleus accumbens und der präfrontale Cortex verbunden sind, desto eher bleiben Schmerzen im Gedächtnis, auch wenn der Auslöser längst vergessen ist. Die Hirnbereiche sind unter anderem an Lernprozessen und der Verarbeitung von Gefühlen beteiligt.

Auch der volkswirtschaftliche Schaden durch Schmerzen ist enorm: Die Kosten für chronisch Kranke, deren Zahl die Deutsche Schmerzgesellschaft auf rund 13 Millionen schätzt, belaufen sich jedes Jahr auf circa 38 Milliarden Euro – etwa für Krankengeld, Arztkosten und Arbeitsausfall. Den Löwenanteil davon verschlingen Rückenschmerzen mit etwa 26 Milliarden.


Hintergrundwissen: Wie der Schmerzimpuls ans Ziel kommt

Ein Stich, ein Schlag, ein Sturz: Was auch immer die Schmerzen ver­ursacht, es löst eine Kettenreaktion aus. Bevor wir bewusst auf Schmerz­reize reagieren, hat die Information darüber schon einen langen Weg durch unseren Körper hinter sich – in unvorstellbarem Tempo.

Als aller­ erstes registrieren Schmerzfühler (Nozizeptoren), die in der Haut oder den Organen sitzen, eine Schädigung – etwa den Wespenstich oder die brennenden Augen beim Zwiebel­ schneiden. Die Impulse werden in Millisekunden als feine elektrische Signale über Leitungsbahnen zum Rückenmark ge­führt. Dort ist die erste Umschalt­station: Die Infor­mationen werden in chemische Botenstoffe um­ gewandelt, die über Nervenbahnen blitzschnell ins Gehirn gelangen. Ist das Signal dort in den Schmerzzentren angekommen, wird es ausgewertet: Woher kommt der Schmerz? Wie stark ist er? Erst dann nehmen wir ihn bewusst wahr.

In Extremsituationen produziert das Gehirn Endorphine, körpereigene Stoffe, die die Pein lindern und für kurze Zeit sogar aus­ schalten können. Das passiert beispielsweise bei schweren Unfällen, aber auch nach extremer körperlicher Anstrengung, etwa
beim Sport, wenn wir trotz eines ver­stauchten Knöchels das Tennismatch zu Ende bringen können. Betroffene wundern sich später häufig, warum sie dabei keine Schmerzen hatten. Ein genialer Trick des Körpers.


Neue Schmerztherapien

Chronische Schmerzen sind für Professor Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel und einer der führenden Kopfschmerzexperten, kein Schicksal, das man still ertragen muss: "In den vergangenen Jahren wurden faszinierende neue Möglichkeiten in der Schmerztherapie zur Verfügung gestellt. Wir kennen heute viel präziser die genetischen Grundlagen und die Veränderungen im Nervensystem, die chronische Schmerzen bedingen." So haben Wissenschaftler weltweit die Mechanismen ihrer Entstehung entschlüsselt, auch im chronischen Bereich. Jetzt entwickeln die Forscher innovative Therapien zur Behandlung.

Doch der Fortschritt kommt längst nicht bei allen Patienten an. Denn das Thema Schmerz kann so vielschichtig sein, dass ein einzelner Mediziner schnell an seine Grenzen stößt. Prof. Göbel und seine Kollegen fordern daher eine flächendeckende Einrichtung von Schmerzzentren. Dort analysieren und therapieren Mediziner verschiedener Fachrichtungen gemeinsam. Doch noch gibt es nur eine Handvoll dieser spezialisierten Kliniken.

Zu wenig Schmerztherapeuten

"In Deutschland herrscht eine dramatische Unterversorung von Schmerzpatienten", sagt auch Dr. Stefan Wirz. Der Chefarzt und Palliativmediziner am Cura-Krankenhaus in Bad Honnef beklagt einen ausgeprägten Kompetenzmangel. "Von Schmerztherapie hörten die meisten Medizinstudenten bislang überhaupt nichts in der Ausbildung", kritisiert er. "Und die Situation wird durch Reglementierungen der Krankenkassen noch verschärft. Medizinisch notwendige Therapien werden oft nicht erstattet."

Die Fakten geben ihm recht: Laut dem "Schwarzbuch Schmerz" der Deutschen Schmerzliga gibt es lediglich 1027 Ärzte mit schmerztherapeutischer Ausbildung in Deutschland, nur 381 von ihnen arbeiten Vollzeit in ihrem Fachgebiet. Wie wichtig aber die Behandlung durch Spezialisten ist, machtProf.Göbel am Beispiel von Kopfschmerzen deutlich: "Bei 85 Prozent unserer Patienten erzielen wir schon durch eine zweiwöchige stationäre Therapie eine deutliche Besserung."

Ob akut oder chronisch: Kopfschmerzen sind in Deutschland auf Platz eins der Liste der Volkskrankheiten und nehmen laut Göbel ständig zu. Täglich erleiden etwa 900.000 Menschen Migräneattacken. In der bislang umfassendsten Migränestudie weltweit hat ein internationales Forscherkonsortium jetzt zwölf neue Gene entdeckt, die an der Signalübertragung der Nervenzellen, ihrem Energieumsatz und der Gedächtnisverarbeitung beteiligt sind und somit zur Entstehung von Migräne beitragen. "Auf dieser Basis kann nun gezielt die Entwicklung neuer Therapien erfolgen, die präzise in die Entstehungsmechanismen der Migräne eingreifen können", sagt Co-Autor Prof. Göbel.

Ein innovatives Verfahren, das bereits erfolgreich in der Migränetherapie eingesetzt wird, stammt aus der Neuromodulation. Über Elektroden, die am Nacken unter die Haut implantiert werden, sendet ein Schrittmacher dabei elektrische Signale an den Nerv. Neurologen vermuten, dass die regelmäßige Reizung der Nerven dazu beiträgt, die Schmerzempfindlichkeit im Gehirn zu reduzieren.


Welcher Experte kann bei welchen Symptomen helfen?

● Kopfschmerzen

252 Formen gibt es. Die häufigsten sind der Spannungskopfschmerz, die Migräne.
EXPERTE: Neurologe, Schmerztherapeut oder ein TCM-Arzt.

● Zahnschmerzen

Ursache ist meist ein kariöser Zahn. Aber auch Erkrankungen von Kiefer oder Nasennebenhöhlen können schuld sein.
EXPERTE: Zahnarzt, HNO-Arzt.

● Rückenschmerzen

85 Prozent der Deutschen haben im Lauf des Lebens Beschwerden. Jeder Zehnte entwickelt sogar chronische Schmerzen.
EXPERTE: Orthopäde, Chiropraktiker, Osteopath.

● Nervenschmerzen

Fünf Millionen Bundesbürger leiden unter "neuropathischen Schmerzen", die Folge einer Schädigung von Gefühlsfasern des Nervensystems sind.
EXPERTE: Neurologe.

● Knochenschmerzen

500.000 Knochenbrüche gehen jährlich auf das Konto von Osteoporose, darunter 120.000 der gefürchteten Oberschenkelhalsbrüche.
EXPERTE: Orthopäde, Rheumatologe, Osteologe.

● Herzschmerzen

Während ein Stechen häufig eher harmlos ist, kann ein Druckgefühl im Brustkorb einen Herzinfarkt ankündigen.
EXPERTE: Kardiologe.

● Gelenkschmerzen

Unter Arthrose leidet zeitweise jeder zweite Deutsche über 40. Vor allem in den Hüft-, Knie- und Fußgelenken.
EXPERTE: Orthopäde, Rheumatologe.

● Unterleibsschmerzen

Etwa sechs Millionen Frauen leiden unter Endometriose, gutartigen Wucherungen außerhalb der Gebärmutter. Bis zur richtigen Diagnose vergehen oft viele Jahre.
EXPERTE: Gynäkologe.

● Tumorschmerzen

Mehr als 430.000 Deutsche erkranken jährlich an Krebs. 90 Prozent leiden unter Schmerzen.
EXPERTE: Schmerztherapeut, Palliativmediziner, Neurologe.

● Magenschmerzen

Das Reizdarm- und das Reizmagensyndrom sind die häufigsten dieser chronisch-funktionellen Erkrankungen.
EXPERTE: Internist, Gastroenterologe, Psychologe.

Autor: Susanne Junghans-Knoll