HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Rentenversicherung Altersarmut

Die Rentenversicherung schützt immer weniger vor Altersarmut. - Foto: © picture alliance/chromorange

10 Wahrheiten

Alles über die Rentenversicherung

Altersbezüge schützen immer weniger vor Altersarmut. Wo liegt der Fehler unseres Rentensystems? 10 Thesen.

Ruhestand – dieses Wort hatte immer so einen schönen Beiklang. Nach wohlverdienter Pause, Beruhigung und Entspannung. Tausende von Deutschen freuten sich einmal auf die Zeit nach einem arbeitsreichen Leben. Heute jedoch haben viele Menschen Angst davor.

Aus gutem Grund: Die Zahl der alten Menschen wächst kontinuierlich. Wir leben immer länger – doch immer weniger junge Leute zahlen in den Rententopf ein. Nicht nur Prof. Christoph Butterwegge, Armutsforscher und Politikwissenschaftler aus Köln, warnt: "Die Menschen werden im Alter wie im Fahrstuhl nach unten fahren. Das wird ein großes Problem für unsere Gesellschaft."

Sogar der Internationale Währungsfonds schlug schon Alarm: Bis 2050 droht den deutschen Rentenkassen ein Defizit von zwei Billionen Euro. Immer mehr Menschen fragen voller Sorge: Was wird aus uns, wenn wir mal alt sind? Wovon sollen wir leben?

HÖRZU sagt Ihnen die Wahrheit. Hier und jetzt. Weil es um Sie geht, um Ihr Geld, Ihre Hoffnungen, Ihre Ängste:

1. Fast die Hälfte der Renten erreicht gerade mal Hartz-IV-Niveau

Jede zweite Rente betrug im letzten Jahr weniger als 700 Euro. Das beweist die Statistik der Deutschen Rentenversicherung. "Nur wenige Jahre voll arbeiten und dann auf eine ordentliche staatliche Rente hoffen, das kann nun mal nicht funktionieren", sagt Rentenexperte Bernd W. Klöckner. Das stimmt. Richtig ist aber auch: Der Arbeitsmarkt hat sich verändert, viele bekommen dort gar keine Chance mehr. Es gibt viel weniger Vollbeschäftigung und viel mehr Teilzeitjobs. "Das derzeitige Rentensystem beruht jedoch immer noch auf Vollbeschäftigung, einem günstigen Verhältnis von Beitragszahlern und Rentnern und permanenter Einkommenssteigerung", sagt der renommierte Sozialforscher Meinhard Miegel. "Das aber haben wir seit 20 bis 25 Jahren nicht mehr."

Von einer Minirente sind übrigens besonders viele Frauen betroffen: beispielsweise 73 Prozent aller Seniorinnen in den alten Bundesländern. Grund: Die Frauen blieben nach der Geburt ihrer Kinder fast immer zu Hause, arbeiteten nicht – und zahlten damit auch nicht in die Rentenkasse ein. Experte Bernd W. Klöckner: "Frauen, die sich der Kindererziehung gewidmet haben, mit kleinen Renten zu ‚bestrafen‘, ist eine soziale Ungerechtigkeit!"

Warum aber tauchen viele Minirentner gar nicht in der offiziellen Hartz-IV-Statistik auf? Mehr als jeder Dritte unter den Berechtigten geht nicht zum Amt – sei es, wie meist, aus Scham oder aus Unwissenheit.

2. Im Alter werden viele von uns nur mit Minijobs überleben können

Eine Studie der Ruhr-Uni Bochum zeigt: 650 Euro werden dem Durchschnittsrentner im Alter fehlen. Bisher schätzte man, dass 70 Prozent des bisherigen Nettoeinkommens ausreichen, um den bisherigen Lebensstandard zu halten. Die Untersuchung ergab jedoch: Nur mit 87 Prozent kann man sein Leben wirklich weiter leben wie bisher. Dabei bringt es die gesetzliche Rente schon in diesem Jahr wahrscheinlich nur noch auf rund 55 Prozent – und das auch nur im Idealfall. "Der Schock für viele kommende Rentner wird groß sein", ist Experte Klöckner überzeugt.

Entweder verdienen sie noch jetzt, während ihrer aktiven Jahre, nebenbei etwas dazu – oder sie müssen später als Rentner noch mal ran: beim Zeitungsaustragen, Einräumen von Supermarktregalen oder Putzen. Seit 2000 ist die Zahl der Ruheständler mit Minijob um knapp 60 Prozent gestiegen, im Jahr 2011 waren 120.000 von ihnen sogar über 75 Jahre alt.

Übrigens: Viele, die vom Alter her eigentlich in Rente gehen könnten, arbeiten einfach weiter, weil das Geld sonst knapp werden könnte. Auch deren Zahl hat sich seit 1999 fast verdoppelt.

3. Niedrigzinsen und Inflation fressen die Vorsorge auf

Viele Versicherungen legen die Gelder ihrer Kunden in Bundesanleihen an, aber die bringen nur mickrige 1,4 Prozent Durchschnittsrendite. Damit kommen die Erträge nicht einmal gegen die aktuelle Inflation von 1,5 Prozent an.

Das Altenstädter Institut für Vorsorge und Finanzplanung rechnet vor, was es bedeutet, wenn die Zinsen so niedrig bleiben: Wer 35 ist, 50.000 Euro im Jahr verdient, seit zehn Jahren fleißig riestert und seit 2005 in Betriebsrente und Lebensversicherung im Monat 545 Euro einzahlt, bekommt am Ende nur einen Bruchteil von dem, was ihm einmal versprochen wurde: Statt der erhofften 2573 Euro im Monat bleiben ihm nur 1841 Euro – und das sogar ohne Inflation. Rechnet man die noch mit jährlichen zwei Prozent mit ein, kommen gerade einmal 1016 Euro heraus.

Sozialwissenschaftler Prof. Christoph Butterwegge: "Die Krisenhaftigkeit der Finanzmärkte ist uns deutlich vor Augen geführt worden. Ausgerechnet dort Geld für das Alter anzulegen birgt ungeahnte Risiken."

Dazu kommt: Wer es bitter nötig hätte, privat vorzusorgen, kann es sich oft gar nicht leisten, monatlich dafür einen Betrag von seinem sauer Verdienten abzuknapsen. 18,5 Prozent der rund 15,6 Millionen Riester-Verträge wurden schon wieder storniert.

4. Beamte haben im Alter dreimal mehr Geld als Rentner

Der durchschnittliche Beamte ist mit 2200 bis 3000 Euro brutto im Ruhestand gut versorgt, während langjährig Rentenversicherte, die 2011 in Ruhestand gingen, im Schnitt gerade einmal auf 953 Euro kommen. Und: Die Pensionen stiegen seit 2002 um 13 bis knapp 15 Prozent, während die Renten seitdem durch vier Jahre Nullrunden nur um 8,5 bis 9,7 Prozent kletterten.

"Beamte kennen keine Altersarmut", bestätigt Rentenexperte Klöckner. "Sie haben erst einen sicheren Arbeitsplatz, dann zu Beginn der Pensionszeit dreimal mehr Vermögen und schließlich auch noch einen definitiv sorgenlosen Ruhestand. Das ist sozial höchst ungerecht." Das Problem: Kein Politiker wird je das Beamtenprivileg abschaffen. "Sie müssten ja dann den Ast absägen, auf dem sie selbst sitzen."

Kein Wunder, dass Beamte im Alter mehr auf der hohen Kante haben: Laut Bundesbank hat ein durchschnittlicher Rentner 186.000 Euro Vermögen, ein Pensionär 420.000 Euro.

5. Wenn der Ehepartner stirbt, bekommen viele sogar zwei Renten

Viele finden das ungerecht: Witwen und Witwer erhalten einen Gutteil der Rente des verstorbenen Partners zusätzlich zur eigenen Rente – das kostet den Staat eine Menge Geld. Aber: Vielen Witwen retten die zusätzlichen Bezüge heute den Lebensabend, denn es war früher üblich, dass Frauen nach der Geburt der Kinder nicht mehr arbeiteten – und so auch keine eigenen Rentenansprüche hatten. Nur höchstens acht Prozent aller Frauen kommen überhaupt auf 45 eigene Beitragsjahre!

Allerdings gibt es im kinderarmen Deutschland auch immer mehr doppelverdienende Ehepaare ohne Kinder – und auch die haben Anspruch auf Witwenrente, wenn der Partner stirbt. Beispiel: Sie bekommt 1600 Euro Rente, ihr verstorbener Mann hatte 1800 Euro. Trotz der üppigen Eigenrente erhält die Hinterbliebene noch einen Zuschlag von 826 Euro Witwenrente obendrauf (falls sie bereits vor dem 1.1.2002 geheiratet hat; sonst: 737 Euro).

6. Bald müssen wir auf unsere ganze Rente Steuern zahlen

Seit 2005 muss die Altersrente bereits zur Hälfte versteuert werden. Und diese Regelung verschärft sich für Neurentner Jahr für Jahr: Ab 2040 wird man Steuern für jeden Renteneuro zahlen müssen, der über den Grundfreibetrag hinausgeht. "Das ist eine weitere Ungerechtigkeit", so Klöckner. "Wer heute alt ist, bekommt eine Rente, wie sie in ein paar Jahren nicht mal mehr bezahlt werden kann, und das steuerfrei. Die jetzt noch jungen Leute bekommen dagegen eines Tages mickrige Renten und müssen die ab einer gewissen Höhe auch noch voll versteuern."

7. Von den Betriebsrenten bleibt oft nur die Hälfte übrig

Sozialexperten warnen: Die niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt bringen die betrieblichen Zusatzrenten von 17 Millionen Arbeitnehmern in Gefahr! Auch die Versorgungswerke investieren in Staatspapiere, die seriös sind, aber kaum noch Rendite bringen. Bleiben diese so mau wie aktuell, würde die Verzinsung von im Schnitt 4,0 Prozent bis 2017 auf nur 2,5 Prozent sinken. Folge: Die Summe, die man sich im Alter erhofft hatte, kann in Abhängigkeit von der Restlaufzeit um mehr als ein Drittel schrumpfen. Auf Dauer bedeutet das: Wer 1000 Euro erwartet hat, bekommt 650 Euro oder weniger. Finanzwirtschaftsprofessor Bernd Raffelhüschen: "Wir wissen einfach nicht, wie die Renditen sein werden. Aber die niedrigen Zinsen stellen viele Einrichtungen der betrieblichen Altersvorsorge vor ernsthafte Schwierigkeiten."

8. Regierung & Rentenversicherung machen falsche Angaben

Mogelpackung eins: In ihrem Armuts- und Reichtumsbericht vom Frühjahr jubelt die Bundesregierung, die Einkommenssituation der Älteren sei heute überdurchschnittlich gut. Begründung der Politiker: Nur 2,6 Prozent der über 64- Jährigen hätten 2011 Grundsicherung beantragt, während in der Gesamtbevölkerung mehr als dreimal so viele Menschen von Sozialleistungen leben würden.

Armutsforscher Butterwegge führt gegen diese These ein überzeugendes Gegenargument auf: "Die offiziellen Daten lassen jene Rentnerinnen und Rentner unberücksichtigt, die sich aus Scham oder aus Ehrgefühl nicht trauen, Grundsicherung zu beantragen. Die wirkliche Zahl an Senioren, die auf Hartz-IV- Niveau oder sogar darunter leben, liegt im Millionenbereich."

Mogelpackung zwei: Ein Rentnerehepaar habe im Westen durchschnittlich 2500 Euro, im Osten 2000 Euro pro Monat zur Verfügung, behauptet die Rentenversicherung im Alterssicherungsbericht. Diese Zahlen kommen aber nur zustande, da alle über 65-Jährigen eingerechnet wurden, also auch die besser versorgten Beamten und die noch berufstätigen Selbstständigen. Eingeflossen sind zudem die Nebeneinkünfte aller Rentner.

Mogelpackung drei: Die jährliche Rentenerhöhung. Die klingt erst mal gut, liegt aber fast immer unter der Inflationsrate. "Was nützt mir eine Rentenerhöhung von einem Prozent bei einer Inflationsrate von vier Prozent?", fragt Sozialexperte Meinhard Miegel. Kollege Klöckner hält deshalb auch die jährliche Renteninformation für "eine bewusste, völlige Verantwortungslosigkeit".

9. Selbst die schlimmsten Prognosen sind noch zu positiv

In den nächsten Jahren drängen sechs Millionen Hartz-IV-Bezieher in Rente, für die die Jobcenter seit 2010 keine Beiträge mehr in die Rentenkassen eingezahlt haben. Auch Geschiedene mit Kleinstrenten treten in den Ruhestand. "Eine Millionenwelle armer Menschen rollt heran", warnt Klöckner. "Wir stehen am Beginn eines Rentenfiaskos!" Seine Begründung: Der Geldtopf wird von allen Seiten ausgelöffelt. Eigentlich sollte die Rente einst eine einzige Generation durch zwölf bis 15 Jahre bringen. "Da wir alle aber immer älter werden, gibt es bereits Familien, in denen bis zu drei Generationen für 20 bis 25 Jahre lang Rente beziehen! Ein Beispiel: Im Jahr 1990 waren 247 Berliner 100 Jahre alt, aktuell sind es 3000", so Klöckner.

Das hat gravierende Folgen. Klöckner zufolge werden die Politiker bald über die Rente ab 73 diskutieren: "Wer anderes behauptet, hat keine Ahnung oder will die hässliche Wahrheit vernebeln." Für Butterwegge ist die Anhebung des Rentenalters ohnehin eine verkappte Rentenkürzung.

10. Die Armen der Zukunft: alleinerziehende Mütter, Geringverdiener, Arbeitslose, Kleinselbstständige

In kaum einer anderen Industrienation werden die Renten der Geringverdiener gemessen am früheren Bruttoeinkommen künftig so dürftig sein wie in Deutschland. Das errechnete kürzlich die OECD. Schlimm: Wer 2500 Euro brutto verdient und 35 Jahre lang einzahlt, bekommt im Jahr 2030 trotzdem nur 688 Euro – genauso viel also, als hätte er die ganze Zeit gar nicht gearbeitet und bekäme nun nur die Grundsicherung.

Müttern, die fünf Kinder großgezogen haben, rechnet man gerade einmal 15 Beitragsjahre an – sie sind dem Staat also trotz ihrer Leistung auch nur die Grundsicherung wert. "Wenigstens die Zuschussrente für Geringverdiener hätte man in den letzten vier Jahren beschließen können", rügt Rentenkritiker Butterwegge. "Die leistungsfähigen Gruppen der Selbstständigen, Beamten, Abgeordneten und Politiker zahlen doch in die Kassen gar nicht ein." Der Experte fordert: "Eine solidarische Bürgerversicherung für alle wäre wesentlich gerechter."

Autor: Silke Pfersdorf