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Tempolimit

Bei Kontrollen stellte die deutsche Polizei 2013 2,7 Millionen Fahrer mit zu hoher
Geschwindigkeit. - Foto: © ZDF / Bernd Weisener

Runter vom Gas?

Reizthema Tempolimit

Obwohl ein Tempolimit weniger Unfalltote und Staus verspricht, lehnen viele es ab. Warum? HÖRZU fragte nach.

Diese Zahl ist erschreckend: Alle 156 Minuten stirbt auf deutschen Straßen ein Mensch durch einen Unfall. Das hat der Deutsche Verkehrssicherheitsrat DVR ermittelt. Die häufigste Ursache: überhöhte Geschwindigkeit. "Wir kämpfen für die Vision Zero, die Reduzierung der Zahl der Verkehrstoten auf null", fordert deshalb die Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen.

Eine Lösung wäre: Tempolimit. Doch dieses ist umstritten: bei Bürgern, Politikern und in der Autobranche. Die Reportagereihe "ZDFzoom" versucht nun zu ergründen, warum (Mi., 1.7., 22.45 Uhr, ZDF, s. auch TV-Tipps rechts und in unserem TV-Programm).

Mehrheit gegen Tempolimit

Geschwindigkeitsbeschränkungen sind ein Reizthema, bei dem die Emotionen hochkochen. Die Nation ist gespalten, Interessenverbände stehen sich unversöhnlich gegenüber. Sowohl der ADAC als auch der Verband der deutschen Automobilindustrie VDA wehren sich gegen Gesetzesänderungen. Auch Verkehrsminister Alexander Dobrindt bekennt: "Ein generelles Tempolimit lehne ich ab. Das wird es mit mir nicht geben." Ein Mantra, mit dem bereits sein Vorgänger Peter Ramsauer das heikle Thema abbügelte.

Und das anscheinend im Namen des Volkes: Eine Umfrage von Forsa im Auftrag von HÖRZU belegt, dass Dobrindt derzeit die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat. 58% sind gegen ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen von 120 km/h. Und sogar 61% sind gegen ein Tempolimit auf deutschen Landstraßen von 80 km/h. Offensichtlich fehlt für Tempolimits die gesellschaftliche Akzeptanz.

Eine These, die auch der Verband der Automobilindustrie vertritt. "Gebote machen nur dann Sinn, wenn die Mehrheit der Bevölkerung sich aus Überzeugung und Einsicht an sie hält und sie nicht auf breites Unverständnis stoßen", heißt es in einer Studie des VDA.

Sicherheit erhöhen

Also weiter Vollgas auf den Autobahnen? Deutschland ist das einzige Land Europas, das dort kein Tempolimit kennt – zumindest auf 65 Prozent der Streckenabschnitte. Aber genau dort ereignen sich laut DVR fast 28 Prozent mehr Unfälle mit tödlichen Folgen. Schuld sind vor allem die hohen Tempounterschiede zwischen den Verkehrsteilnehmern: Die einen fahren 120 km/h, die anderen 180. Bei den hohen Geschwindigkeiten aber seien "die Bremswege oft zu kurz", warnt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer UDV. Er fordert eine "Harmonisierung der Geschwindigkeit". Sprich: ein Tempolimit.

ADAC und VDA halten unisono dagegen: "Deutschlands Autobahnen sind bei Weitem die sichersten Straßen." Für diese These spricht die Statistik, die klar zeigt: Besonders gefährlich sind Landstraßen, auf denen sich mehr als die Hälfte aller tödlichen Unfälle ereignet. Hauptursache auch hier: zu hohe Geschwindigkeit. Zudem: riskante Überholmanöver bei schlecht überschaubaren Straßenverläufen. Hierzu Unfallforscher Brockmann: "Auf schmalen Landstraßen sollte höchstens Tempo 80 erlaubt sein." Der ADAC hält das als Regelgeschwindigkeit für "unverhältnismäßig", fordert jedoch einen Ausbau der Straßen und "Tempo 80 auf schmalen, kurvigen Landstraßen als Übergangslösung". Immerhin.

Die Statistik belegt übrigens auch, dass die Zahl tödlicher Unfälle seit 1991 deutlich gesunken ist. Nach einer Studie des Auto Clubs Europa ACE ließe sich die Zahl der Unfälle durch Tempolimits jedoch nochmals um ein Drittel senken.

Umwelt schützen

Umweltorganisationen wie Greenpeace oder der Bund für Umwelt und Naturschutz BUND führen noch ein weiteres Argument an: den Naturschutz. Laut Umweltbundesamt würde ein Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) um neun Prozent reduzieren. Auch die Lärmbelastung wäre geringer. "Ein Tempolimit ist eine längst überfällige Maßnahme", erklärt Jens Hilgenberg vom BUND. ADAC und VDA halten dagegen: Die CO2-Belastung durch den Straßenverkehr spiele insgesamt nur eine marginale Rolle.

Staus vermeiden

Der Verkehrsclub Deutschland VCD liefert ein drittes Argument fürs Limit: "weniger Staus, denn es mindert die hohen Geschwindigkeitsunterschiede auf Autobahnen, die eine wichtige Ursache bei der Stauentstehung sind." Laut Studien wäre das optimale Tempo dafür jedoch 80 bis 85 Stundenkilometer. Undenkbar!

Hauptursache der vielen Staus seien zudem Baustellen, Fahrbahnverengungen und Überlastung, sagen die Gegner des Tempolimits. Der Verband der deutschen Automobilindustrie fürchtet ob des Streits schon um das Image deutscher Autos. "Das Siegel 'Autobahn-tested' ist ein wichtiges Element in der Wahrnehmung deutscher Marken in anderen Ländern. Es trägt so in nicht unbeträchtlichem Maße zum Glanz von 'Made in Germany' bei und stärkt so die deutschen Exporterfolge." Sprich: Tempolimits würden auch die Wirtschaft ausbremsen.

Lautet die Frage also: mehr Gewinne oder weniger Verkehrstote? Da sollte die Antwort eigentlich leichtfallen.

Autor: Thomas Kunze