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Dreharbeiten für einen neuen ''Tatort'' in Berlin-Kreuzberg

Dreharbeiten für einen neuen ''Tatort'' in Berlin-Kreuzberg: Regisseur Alexander Dierbach (links) mit seinen Darstellern Julia Koschitz und Florian Panzner sowie Kamermann Markus Schrott am Set von ''Großer schwarzer Vogel'' / Foto: © rbb/Conny Klein

Das Erfolgsrezept des Sonntagskrimis

Zwei ''Tatort''-Drehbuchautoren packen aus

Sonntagabend, 20.15 Uhr – für Millionen Zuschauer ist das ein Pflichttermin. Gerade in diesem Jahr: 2013 war ein extrem guter ''Tatort''-Jahrgang. Die Produzenten von Deutschlands beliebtester Krimireihe haben in den vergangenen elf Monaten alles gegeben, um aus dem Klassiker ein hochaktuelles TV-Format zu machen.

Im März gab Kinostar Til Schweiger in "Willkommen in Hamburg" sein actionreiches Debüt als neuer Kommissar der Elbmetropole – und fesselte aus dem Stand 12,57 Millionen Zuschauer. Im April jagte Wotan Wilke Möhring als neuer Mann im Norden den "Feuerteufel" – und zehn Millionen Zuschauer sahen zu. Im November startete schließlich das junge Erfurter Ermittlertrio um Alina Levshin – vor beachtlichen 10,32 Millionen Zuschauern. Das sind alles beeindruckende Quotenrekorde.

Wotan Wilke Möhring

Wotan Wilke Möhring erzielte als neuer ''Tatort''-Kommissar eine Traumquote. / Foto: © NDR/ Jens Oellermann

So kommt es, dass die Chefs der Konkurrenzsender Montag für Montag morgens mürrisch auf die Einschaltquoten des vergangenen Abends blicken, wenn wieder einmal vermeldet wird: "Der Tagessieg geht an den ‚Tatort‘!" Nichts scheint die Alleinherrschaft des Ersten am Sonntagabend brechen zu können – weder die Romantikreihen des ZDF noch die Spielfilme auf RTL und ProSieben. Andere Kanäle, die ebenfalls auf Thriller setzten, mussten bitter lernen: Die Devise "Krimis ziehen immer" gilt anscheinend nicht für alle Sender.


''Tatort'' auf Rekordjagd

Immer öfter gelingt es den Ermittlern der ''Tatort''-Reihe, bei den Einschaltquoten die Zehn-Millionen-Marke zu knacken. Die Tabelle zeigt die Top Ten der aktuellen Kommissare (nach durchschnittlicher Zuschauerzahl seit Ende des Jahres 2011).

Quoten des Tatorts im Ersten


Doch wie genau wurde der "Tatort" zum Riesenerfolg? Und was macht einen guten TV-Krimi aus? HÖRZU ließ sich von zwei renommierten Drehbuchautoren ihr Handwerk erklären, blickte aber auch bei Sendern und Produzenten hinter die Kulissen.

Dort wurde klar: Es gibt drei Wege, eine neue Krimireihe im TV zu etablieren:

1. Der Einkauf von Erfolgsformaten aus dem Ausland. Das ist ein relativ sicherer Weg. Beste Beispiele dafür sind die beliebten Krimireihen aus Skandinavien und England: von "Kommissarin Lund" bis hin zu "Inspector Barnaby". Beide laufen seit Jahren erfolgreich im ZDF. Um sich die Ausstrahlungsrechte zu sichern, müssen Deutschlands Senderchefs allerdings schnell sein und sich auf Programmmessen in den USA, in Großbritannien und Skandinavien den Zuschlag sichern.

2. Selbst produzierte Testreihen Ein risikoreicherer Weg, den vor allem die Privatsender wählen. Meist lassen sie nur eine einzelne Pilotfolge drehen und beobachten dann, wie sie beim Publikum ankommt. Mal handelt es sich um Kopien oder Adaptionen ausländischer Erfolgsformate – wie bei dem RTL-Krimi "Mantrailer" um einen Polizeispürhund, der übrigens ein Flop wurde. Mal um Eigenkreationen wie die Krimiparodien "Kreutzer kommt" mit Comedystar Christoph Maria Herbst – die bei ProSieben auch nur zwei Folgen schafften.

3. Aufwendige Eigenproduktionen Der ambitionierte Weg, für den man einen langen Atem braucht. Ein Fall für die gut finanzierten Öffentlich-Rechtlichen. Immer wieder hieven sie neue Reihen ins Programm – mal mit Erfolg (Stichwort: Heimatkrimis), mal mit Startschwierigkeiten (Stichwort: ARD-Vorabendreihe "Heiter bis tödlich").


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Den größten Aufwand betreibt nach wie vor der "Tatort". Ganz besonders wenn es um ein neues Team und eine neue Stadt geht – und einen Fall, der bewusst als Ereignis konzipiert wird, weil er am zweiten Weihnachtsfeiertag 2013 für ein TV-Highlight der Festtage sorgen soll. Die Rede ist von der Episode "Die fette Hoppe", dem ersten "Tatort" aus Weimar mit den Kinostars Nora Tschirner und Christian Ulmen.

Wie lange brüten Autoren über einem solchen Drehbuch? Wie viele Fassungen müssen sie im Vorfeld schreiben? Welche Regeln gilt es zu beachten? HÖRZU fragte die renommierten Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger, die für den MDR den ersten Fall aus Weimar schrieben. Hier ihr "Produktionstagebuch":

Chronik eines Krimi-Erfolgs

Am 30. April 2012 kündigt der MDR an, dass Ideen für einen neuen "Tatort" aus Thüringen gesucht werden. Alle TV-Produzenten werden aufgerufen, "konzeptionelle Überlegungen zur Entwicklung eines Kommissars/einer Kommissarin bzw. eines Ermittlerteams zu erarbeiten". Mit diesem innovativen Ansatz, so MDR-Fernsehdirektor Wolf-Dieter Jacobi, wolle man "mal die eingetretenen Pfade verlassen" sowie "frische, vielleicht auch schräge Ideen für Ort, Ermittler, Stab und Besetzung sammeln".

Friedrich Muecke, Alina Levshin und Benjamin Kramme

Gewinner: Das Konzept für einen ''Tatort'' mit dem Ermittler-Trio Friedrich Mücke, Alina Levshin und Benjamin Kramme konnte sich schließlich durchsetzen. / Foto: © MDR/Carlo Bansini

Natürlich lassen sich die deutschen Produzenten da nicht lange bitten: Mehr als 100 Ideen werden eingereicht. Aus ihnen entsteht schließlich die erste Erfurter Episode "Kalter Engel", die am 3.11.2013 lief – ein echter Überraschungscoup.

Unter den eingesandten Ideen findet sich ein außergewöhnliches Konzept, das die Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger für die Produktionsfirma Wiedemann & Berg entwickelt haben: ein "Event-Tatort". Schauplatz: Weimar. Stars: die deutschen Kinolieblinge Nora Tschirner und Christian Ulmen.

MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt ist davon so begeistert, dass sie den Programmdirektor der ARD Volker Herres um grünes Licht bittet. Nach seiner Zusage geht alles Schlag auf Schlag. Drehbuchautor Andreas Pflüger berichtet: "Murmel Clausen und ich wurden in ein Zimmer ‚gesperrt‘. Dort haben wir eine Episode mit 90 bis 115 Bildern und die Dialoge geschrieben. Man nennt das ‚Bilder-Treatment‘. Ein riesiger Aufwand!"

Nora Tschirner und Christian Ulmen

Nora Tschirner und Christian Ulmen als Kommissare in einem ''Event-Tatort'' / Foto: © MDR/Andreas Wünschirs

Beim MDR löst diese erste Buchversion große Begeisterung aus. "Von der ersten bis zur sechsten, letzten Drehbuchfassung mussten nur 40 Prozent des Inhalts verändert werden", so Clausen. "Das kommt selten vor. Oft gibt es zehn Fassungen."

Nach Fertigstellung des Drehbuchs sitzt den Autoren und MDR-Redakteur Sven Döbler die Zeit im Nacken: Der erste Drehtag muss auf den 2. April 2013 festgelegt werden, um den viel beschäftigten Stars Tschirner und Ulmen entgegenzukommen. Nach 22 reibungslosen Drehtagen ist "Die fette Hoppe" im Kasten.

Vier Wochen lang werden die gedrehten Szenen im Schnitt nachbearbeitet, dann lässt Regisseurin Franziska Meletzky noch Variationen der "Tatort"-Melodie von Klaus Doldinger komponieren und in den Film einarbeiten. Endgültig fertig ist er Mitte September – gut drei Monate vor der Ausstrahlung.

Damit liegt der MDR gut im Zeitplan. "Manche ARD-Anstalten haben ihren ‚Tatort‘ aber schon ein Jahr vor der Premiere fertig in der Schublade", so Döbler. Er verrät: "Prinzipiell sind die geschilderten Produktionsetappen dieses Event-‚Tatorts‘ repräsentativ für jeden TV-Krimi. Mit einem Unterschied: Wird ein schwieriges Thema für einen normalen Krimi entwickelt, kann das bis zu acht Jahre dauern."

Ob sich der Aufwand lohnt, weiß man nie. Bei "Die fette Hoppe" aber ist HÖRZU sicher: Dieser Fall wird zu den drei stärksten "Tatort"-Episoden des Krimijahrs 2013 zählen.


Sendehinweis:

''Tatort: Happy Birthday, Sarah''
Ein Fall aus Stuttgart mit R. Müller, F. Klare
SO, 1.12. Das Erste, 20.15 Uhr

Autor: Mike Powelz