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Die ''Tatort''-Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk

Die Kölner ''Tatort''-Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, l) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) sind das Lieblingsteam von 35 Prozent aller HÖRZU-Leser. / Foto: © WDR/Jens von Zoest

Wie zufrieden sind die Zuschauer?

Große HÖRZU-Umfrage zum ''Tatort'' im Ersten

Dezernat Dortmund: Hier ist bald ein neuer ''Tatort''-Kommissar im Einsatz. Sein Name: Peter Faber. Besondere Kennzeichen: Er wirkt wie eine deutsche Version von Dr. House – depressiv, egoistisch, unberechenbar. Bereits in der ersten Folge "Alter Ego", die HÖRZU als erstes TV-Magazin sichten durfte, greift er zu extremen Mitteln. Einen männlichen Untergebenen zwingt Faber etwa, ihn zu verdeckten Recherchen in eine Schwulenbar zu begleiten. Um den Täter zu überführen, küsst der Kommissar am Ende der Episode sogar einen homosexuellen Verdächtigen – obwohl er selbst heterosexuell ist.

Gespielt wird das neue ''Tatort''-Ekel von Jörg Hartmann, der als Star der ARD-Serie "Weissensee" bekannt wurde. Am 23. September geht Hartmann als Erster von fünf neuen "Tatort"-Teamleitern im Ersten auf Sendung. 2013 sollen weitere Neuzugänge folgen: Til Schweiger in Hamburg, Wotan Wilke Möhring in Norddeutschland, Friedrich Mücke in Erfurt und Devid Striesow in Saarbrücken. Damit gibt es beim ''Tatort'' bald 20 Ermittler beziehungsweise Teams. Eine stolze Zahl – bei der so mancher Zuschauer allerdings den Überblick verlieren könnte. Vor allem, weil einige der Kommissare nur einmal pro Jahr in Aktion treten, etwa Til Schweiger in Hamburg oder Ulrich Tukur alias Felix Murot in Wiesbaden.


''Tatort''-Kommissarin Simone Thomalla verliert durch die neue TV-Konkurrenz einen Fall pro Jahr. / Foto: © rbb/MDR/Saxonia Media/Junghans

Über die Ermittler-Inflation hat sich bereits eine Kommissarin kritisch geäußert. Auch, weil sie durch die neuen Kollegen nicht mehr so häufig zu sehen sein wird: Simone Thomalla. Als Eva Saalfeld jagte die 47-Jährige bislang dreimal pro Jahr Mörder in Leipzig. Ab 2013 darf sie das nur noch zweimal. Grund: Jede ARD-Anstalt hat ein klar definiertes "Tatort"-Kontingent, und Thomallas Haussender, der MDR, steuert jährlich drei Folgen bei. Da es in Zukunft ein neues Team in Erfurt geben wird, bleiben für Leipzig nur noch zwei Fälle pro Jahr. Thomalla: "Wenn ein Team nur noch zweimal im Jahr ermittelt, kann man viele Geschichten, die zwischen den Kommissaren passieren, nicht mehr erzählen. Die Abstände zwischen den Ausstrahlungen sind dann einfach zu groß."

Thomallas Kritik bezieht sich auf jene Handlungsstränge, die das Privatleben der Kommissare thematisieren. In Münster etwa geht es um das ewige Gerangel zwischen dem Pathologen Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und seinem Kollegen und Mieter Frank Thiel (Axel Prahl), in Kiel um die psychischen Probleme von Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli), in Hannover kämpft Maria Furtwängler als Ermittlerin Charlotte Lindholm mit den Sorgen einer alleinerziehenden Mutter. Das alles könnte künftig in den Hintergrund treten, denn wenn weniger Sendeminuten zur Verfügung stehen, konzentrieren sich die Drehbuchschreiber lieber auf spannende Fälle.

Eine Trendwende, die nicht alle "Tatort"-Stars negativ bewerten. Ebenso wie viele Zuschauer sind sie der Meinung, Liebe, Lust und Leiden der Ermittler hätten sich zu sehr in den Vordergrund gedrängt. Neue Kommissare wie Devid Striesow wollen das anders gestalten. Sein Vespa fahrender Ermittler Jens Stellbrink soll nicht zu viel von sich preisgeben, so Striesow: "Er wird aus dem Norden in das Kommissariat nach Saarbrücken versetzt, er hat sich von seiner Frau getrennt, mit der er einen 14-jährigen Sohn hat. Über den Sohn wird zwar gesprochen, aber er taucht nicht auf, denn das Privatleben des Kommissars soll kaum eine Rolle spielen. Nur in bestimmten Situationen soll es aufblitzen, um Stellbrinks Reaktionen verständlich zu machen, etwa seine Lakonie oder seinen Sarkasmus." Klingt nach einer interessanten Figur, zumal Striesow ohnehin zu den besten Schauspielern Deutschlands zählt.

Was die ''Tatort''-Fans wollen

Auf welches der neuen "Tatort"- Teams freut sich das Publikum am meisten? HÖRZU wollte es genau wissen und beauftragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa mit der Spurensuche: In einer repräsentativen Umfrage verrieten die Zuschauer, welche der neuen Ermittler sie auf jeden Fall bei der ersten Mörderjagd am Bildschirm begleiten wollen. Ergebnis: Ganz vorn in der Gunst des Publikums liegt Til Schweiger alias Nick Tschauder aus Hamburg (25 Prozent). Auf Platz zwei folgt das neue "Tatort"-Team aus Norddeutschland mit Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller (16 Prozent). Auf Platz drei das neue Dortmund-Team um Jörg Hartmann (11 Prozent).

Übrigens: Nur 17 Prozent der "Tatort"- Fans schließen sich der Kritik von Simone Thomalla an, die Zahl der "Tatort"-Teams sei zu hoch. Für 27 Prozent sind die 20 Ermittlercrews "genau richtig".

Außerdem wollte HÖRZU wissen, auf welches Team die Zuschauer am wenigsten verzichten könnten. Das Resultat: Die meisten Fans haben die Kommissare aus Köln (Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär), die 35 Prozent der Zuschauer nicht missen möchten. Dicht gefolgt vom Duo aus Münster (Jan Josef Liefers und Axel Prahl) mit 34 Prozent. Mit kleinem Abstand und 31 Prozent: Kommissarin Lindholm aus Hannover (Maria Furtwängler).

Diese Zahlen spiegeln sich auch in den Einschaltquoten wider – vor allem beim "Tatort" aus Münster: Mit bis zu zwölf Millionen Zuschauern ist er derzeit stets Rekordhalter. Zum Vergleich: Im Schnitt schalten acht Millionen Fans bei einer Erstausstrahlung ein.

Ein großer Erfolg für die ARD – für "Tatort"- Koordinator Gebhard Henke aber kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. In nächster Zeit plant er viele besondere Folgen und Experimente. Einige davon verriet er HÖRZU vorab: "Wir haben herausragende Fälle in petto!

Etwa den ‚Tatort‘ zur diesjährigen ARD-Themenwoche ‚Leben mit dem Tod‘, der am 18. November gezeigt wird. In dieser Folge um einem Drogenfall in Berlin, Arbeitstitel ‚Dinge, die noch zu tun sind‘, ermittelt eine unheilbar kranke Drogenfahnderin, gespielt von Ina Weisse, an der Seite von Ritter und Stark alias Dominic Raacke und Boris Aljinovic. Sie gibt den Kommissaren einige Rätsel auf und stellt sie vor eine moralische Herausforderung."

Ebenfalls als herausragend gilt laut Henke die gerade abgedrehte Episode "Machtlos", in der Ritter und Stark einen Kindesentführer (Edgar Selge) gewaltlos dazu bewegen müssen, den Aufenthaltsort des gekidnappten Jungen preiszugeben.

In der Kieler Folge "Borowski und der freie Fall" greift Kommissar Borowski (Axel Milberg) am 14. Oktober sogar in die große Politik ein und lässt Erinnerungen an den Tod von Uwe Barschel wach werden. Mit diesem spektakulären Fall feiert Milberg zudem seinen 20. Einsatz – nicht das einzige Jubiläum, das demnächst ansteht.


Sabine Postel und Oliver Mommsen ermitteln seit 15 Jahren im ''Tatort''. / Foto: © © rbb/Radio Bremen

Im Jahr 2012 gibt es noch vier weitere zu feiern: Zuerst begehen in "Hochzeitsnacht" Sabine Postel und Oliver Mommsen am 16. September ihr 15-jähriges Dienstjubiläum. Konstanz- Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) kann am 7. Oktober mit "Nachtkrapp" auf zehn Jahre "Tatort" zurückblicken. In dieser außergewöhnlichen Episode kämpft Blum ums nackte Überleben – und leitet damit einen Trend ein: In den kommenden "Tatort"-Episoden geraten immer mehr Kommissare in Lebensgefahr.

Nach der Bodensee-Ermittlerin folgt das Jubiläum der Münsteraner (Liefers und Prahl), die am 25. November mit der Folge "Das Wunder von Wolbeck" ebenfalls zehn Jahre im Dienst sind. Den letzten "Runden" begeht Maria Furtwängler am 9. und am 16. Dezember. Ihr Geburtstagsgeschenk zum zehnjährigen Jubiläum im "Tatort" ist eine Doppelfolge.

Gebhard Henke verrät: "Der nächste Fall von Charlotte Lindholm spinnt sich über die zwei Episoden ‚Wegwerfmädchen‘ und ‚Das goldene Band‘. Ein Novum! Lindholm dringt nach anfänglichen Ermittlungen in einem Prostituiertenmord tief in die Hannoveraner Verbindungen zwischen Rotlichtmilieu, Rockern, Politik und Wirtschaft ein. Das Experiment hierbei ist, dass beide Teile auch eigenständig ihre jeweilige Geschichte erzählen und dennoch einen gemeinsamen Figurenpool und Handlungsbogen besitzen."

Krönender Abschluss in 2012 ist der vierte Frankfurter Fall von Frank Steier (Joachim Król) und Conny Mey (Nina Kunzendorf ): "Im Namen des Vaters" wird am zweiten Weihnachtsfeiertag gezeigt – ein Tag, an dem bisher lediglich "Tatort"-Wiederholungen liefen. Das Jahr 2012 wird also spannend ausklingen.

Dennoch liefert der "Tatort" nicht nur positive, sondern auch einige negative Schlagzeilen.

Kritik von vielen Seiten

Immer mehr Ermittler klagen etwa darüber, dass die Anzahl der Drehtage sinkt – und parallel die Länge der Drehtage zunimmt. "Als der ‚Tatort‘ hier vor 40 Jahren begann, gab es 32 Drehtage", weiß der Münchner Kommissar Udo Wachtveitl. "Heute sind wir bei 23 Tagen. Ein enormer Einschnitt."

Zweiter Kritikpunkt: Aus Kostengründen werden viele Szenen nicht mehr in den Städten gedreht, in denen sie spielen. Die Innenszenen der neuen Dortmund-Folge wurden beispielsweise in Köln aufgezeichnet. Henke gibt zu: "Dortmund ist Spesengebiet, da käme jeder Dreh teurer. Echt werden also nur die Außenszenen sein." Bloß vier bis fünf der durchschnittlich 25 Drehtage werden bei den meisten Folgen am Originalschauplatz produziert. Ist das noch authentisch?

Dritter Kritikpunkt: die Qualität der Drehbücher. Gregor Weber, Ex-Ermittler aus Saarbrücken, berichtet: "Die Autorin unserer Episode ‚Heimatfront‘ hatte weder von Afghanistan noch von der Bundeswehr Ahnung. Doch sie weigerte sich hartnäckig nachzurecherchieren."


Schauspieler Axel Prahl ärgert sich über schlechte Drehbücher. / Foto: © WDR/Michael Böhme

Axel Prahl vom "Tatort: Münster" ergänzt: "Manchmal ziehen wir Schauspieler schon den Mundwinkel hoch, wenn es wieder heißt, mein kiffender Vater habe eine Leiche entdeckt." Zusätzliches Problem in Münster: Die Figuren haben lange, ausgefeilte Biografien. "Die Herausforderung für Autoren besteht darin, vor dem Schreiben eines Drehbuchs erst mal die Entwicklung der Haupt- und Nebenfiguren über die vergangenen Folgen nachzuvollziehen", so Prahl.

Kritik gibt es auch seitens der Autoren, etwa von Xaõ Seffcheque ("Der Kormorankrieg"): "Oft sind die Drehbücher langweilig geschrieben, oberflächlich redigiert, hölzern inszeniert. Entweder realisiert man das bei den Sendern nicht – oder es ist nicht so wichtig, solange die Quote stimmt. Das Flaggschiff ‚Tatort‘ gehört eigentlich aufs Trockendock, um mal richtig überholt zu werden."

Ob alle angekündigten Neuerungen das bewirken können? Der Fall "Tatort" bleibt spannend – Sonntag für Sonntag.

Autor: Mike Powelz