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Die Auserwaehlten

"Die Auserwählten": Beklemmender Spielfilm über den Missbrauch an der
Odenwaldschule. Foto: © WDR/Katrin Denkewitz

Spielfilm über die Odenwaldschule

Zerstörte Seelen: "Die Auserwählten"

Er war die Lichtgestalt der Reformpädagogik der 70er: Gerold Becker, Leiter der traditionsreichen Odenwaldschule, galt als Vorbild einer freiheitlichen Erziehung. Er forderte, "Kindern auf Augenhöhe zu begegnen", und versprach ihnen einen "Ort der Geborgenheit". 1978 hielt er die Laudatio auf Astrid Lindgren, als die schwedische Autorin in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt.

Hinter der Maske des menschenfreundlichen Pädagogen aber verbarg sich ein Kinderschänder, der seine Macht und seine Vertrauensposition ausnutzte, um Schüler sexuell zu missbrauchen. Der Film "Die Auserwählten" (Mi., 1.10. 20.15 Uhr, Das Erste, s. auch TV-Tipps rechts) zeigt die Verbrechen an der Odenwaldschule, deren Leiter Becker von 1972 bis 1985 war. Verbrechen, die in ihrer ganzen Dimension erst im Jahr 2010 deutlich wurden, als sich ehemalige Schüler bei der 100-Jahr-Feier des Internats zu Wort meldeten und berichteten, dass Becker sie über Jahre vergewaltigte.

Opfer gezielt ausgesucht

Zwar gab es schon zu Beckers Zeiten Gerüchte über seine pädophilen Neigungen, ab 1999 sogar öffentlich vernehmbare Stimmen. Wirklich wahrgenommen wurde der Skandal jedoch erst vor vier Jahren – zu einer Zeit, als die Verbrechen des Schulleiters und anderer Lehrer bereits verjährt waren. Becker starb 2010 – juristisch unbehelligt. 132 Schüler haben sich zu Wort gemeldet, die sexuell missbraucht wurden – 132 zerstörte Seelen. Elf nahmen sich das Leben. "Becker hat seine Opfer schon bei der Aufnahme gezielt ausgesucht", sagt ein Schüler, der 30 Jahre lang aus Scham schwieg. So stellt es auch der Spielfilm von Christoph Röhl dar.

Bereits mit der Dokumentation "Und wir sind nicht die Einzigen" trug der Regisseur 2011 dazu bei, den Skandal öffentlich zu machen. Nun hat ihn auch die Frage interessiert, wie es die Täter schafften, "ihr Umfeld so zu manipulieren, dass man den Kindern nicht glaubte". Die Form des Spielfilms hat laut Drehbuchautor Benedikt Röskau dabei große Vorteile: "Fiktion kann viel mehr Identifikation und Mitgefühl für handelnde Figuren schaffen." Hauptdarsteller Ulrich Tukur: "Der Leiter der Odenwaldschule, die pädagogische Lichtgestalt, der Hochstapler und der praktizierende Pädophile, war mir eine entsetzliche, widerwärtige Figur."

Das Grauen hinter dem Idyll

Der charismatische Menschenfänger, der im Film Simon Pistorius heißt, hatte Rückendeckung von Politikern und einflussreichen Freunden. "Ein Lehrer, der sich offen gegen die Leitung aussprach, musste mit massiven Schwierigkeiten rechnen – vor allem im Kreis der sehr gut vernetzten Reformpädagogen", erläutert Röskau. "Die Förderer der Schule waren mächtig und konnten Karrieren ruinieren."

Der exzellente Ruf der Schule und die Abgeschiedenheit im hessischen Odenwald trugen auch dazu bei, dass Becker schalten und walten konnte, wie er wollte. Dass am Originalschauplatz gedreht werden durfte, war für Regisseur Röhl wichtig: "Die Schule hat mit ihren Hexenhäuschen etwas Märchenhaftes. Nach außen hin ist alles irrsinnig idyllisch. Aber hinter den Wänden spielt sich das Grauen ab."

Autor: Thomas Kunze