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Frau Holle

Unsere Lieblingsmärchen geben konkrete Hinweise auf die Persönlichkeit; Bild: © picture alliance/Mary Evans Picture Library

Geheime Ängste und Herzenswünsche

Was Märchen über uns verraten

Es waren weder die böse Hexe noch das verlockende Knusperhäuschen, die den Jungen am tiefsten beeindruckten. Jörg Pilawa erinnert sich noch gut daran, was ihn am Märchen von "Hänsel und Gretel" als Kind besonders bewegte. Es war die Frage: "Wie konnte der Vater seine beiden Kinder nur im Wald aussetzen?"

Bis heute ist der TV-Star von den alten Geschichten fasziniert. Deshalb freut er sich darauf, "Deutschlands fantastische Märchenshow" zu moderieren (siehe TV-Tipp rechts). Pilawa ist überzeugt, dass "Rotkäppchen", "Dornröschen", "Schneewittchen" und "Aschenputtel", unsere beliebtesten Märchen, immer noch alle Generationen ansprechen.

Nächstes Jahr feiert Deutschlands berühmteste Sammlung Jubiläum: Dann wird es 200 Jahre her sein, dass Jacob und Wilhelm Grimm den ersten ihrer drei Bände der "Kinder- und Hausmärchen" veröffentlichten, in dem sie mündlich überlieferte Volkserzählungen literarisch überarbeiteten.

Märchen sind grausame Geschichten

Viele der Grimm’schen Märchen aber stammen aus Italien und Frankreich, wo sie bereits im 17. Jahrhundert durch den Schriftsteller Charles Perrault bekannt waren. In Deutschland hatte Johann Karl August Musäus schon 30 Jahre vor den Brüdern Grimm Märchen veröffentlicht, später folgte Ludwig Bechstein – und Wilhelm Hauff mit selbst verfassten Kunstmärchen. Die Grimm’schen Werke aber sind die weltweit erfolgreichsten und bis heute Bestseller.

70 Prozent aller deutschen Eltern lesen ihren Kindern laut Umfragen regelmäßig Märchen vor. Denn sie liefern genau das, was in unserer durchgetakteten, hochtechnisierten Zeit oft fehlt: Zauber, Magie, unendliche Fantasie.

In den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts gerieten sie allerdings in die Kritik: Feministinnen beklagten das vermeintlich reaktionäre Weltbild mit der klassischen Rollenverteilung von Mann und Frau. Besorgte Eltern befürchteten, die Geschichten seien zu grausam für ihre Kinder.

Rehabilitiert wurden sie schließlich 1976, als der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim in seinem wegweisenden Buch "Kinder brauchen Märchen" erklärte, sie seien pädagogisch wertvoll und wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung.

Das glaubt auch Stephanie zu Guttenberg, Herausgeberin des Buches "Die Märchen-Apotheke": "Die Geschichten erzählen von der glücklichen Überwindung von Widerständen. Anstand, Zielstrebigkeit und Mut zeichnen ihre Helden aus." Sie vermitteln klare Wertvorstellungen von Gut und Böse, Tugenden wie Fleiß und Ehrlichkeit.

Geheime Ängste und Herzenswünsche

Die Märchen – eine Schule des Lebens und des Herzens? Ihre Motive scheinen jedenfalls ewig gültig zu sein, Urbilder der Menschheit – "Archetypen". So bezeichnete sie 1919 erstmals der berühmte Psychiater Carl Gustav Jung in seiner Theorie vom kollektiven Unbewussten. Sein Ansatz: Über symbolhafte Geschichten und Figuren können wir Verborgenes und Unbewusstes erkennen. So können Märchen ein Tor zu unserer Seele werden.

Auch Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, glaubte, dass sie Ausdruck des Verdrängten seien: "Elemente und Situationen aus Märchen finden sich nun häufig in Träumen. Zur Deutung der betreffenden Stellen fällt den Analysierten das für sie bedeutungsvolle Märchen ein."

Waren das etwa "Rotkäppchen" oder "Der Wolf und die sieben Geißlein", zeigte dies für Freud Angst vor dem Vater. Die Drohung "Ich fress’ dich auf!" deutete er als "zärtliches Schimpfen" des Vaters mit seinem Kind.

Psychologen sind überzeugt, dass unsere Lieblingsmärchen viel über unsere heimlichen Sorgen und Ängste verraten, aber auch über geheime Wünsche und Hoffnungen. Eine Umfrage ergab beispielsweise, dass die Geschichte von "Hans im Glück" besonders bei Selbstständigen beliebt ist. Offenbar können sie Hans’ Probleme besser nachempfinden als Angestellte.

Der Psychologe Manuel Tusch erkennt in unseren Lieblingsmärchen sogar konkrete Hinweise auf die Persönlichkeit. Wer "Frau Holle" schätzt, ist ein Familienmensch, der Pflichtbewusstsein und Hilfsbereitschaft wichtig findet. Wer "Schneewittchen" liebt, hat gesundes Urvertrauen. "Schneewittchen begibt sich als Frau in die Hände von sieben unbekannten Männern. Auch Treue und der Glaube an die Liebe kennzeichnen Menschen, die dieses Märchen mögen", so Tusch. Die "Bremer Stadtmusikanten" begeistern "reisefreudige Teamplayer". Menschen, die "Aschenputtel" bevorzugen, sind "fleißig, aufrichtig, tierlieb". Und "Dornröschen"-Fans geben sich interessiert, weltoffen, aber auch gelassen: Wer 100 Jahre schläft, lässt sich von nichts erschüttern.

Und was verrät Jörg Pilawas Begeisterung für "Hänsel und Gretel" über ihn selbst? Laut Tusch steht dieses Märchen für große eschwisterliebe und starken Zusammenhalt. Tatsächlich hat Pilawa ein inniges Verhältnis zu seiner Schwester Annette, mit der er auch beruflich zusammenarbeitet. In Märchen steckt eben viel Wahrheit.

Autor: Thomas Kunze