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Vorsicht, Mafia! - Foto © WDR

Reportage "Vorsicht Mafia - wie kriminelle Banden Deutschland bedrohen" am
7.April im Ersten. - Foto © WDR

Reportage, das Erste

"Vorsicht, Mafia"

Ob Geldwäsche oder Menschenhandel: Auch in Deutschland sind kriminelle Clans aus Italien aktiv. Angeklagt und verurteilt werden sie selten.

Bestens gelaunt umarmen sich die Männer. Zur Begrüßung gibt es ein Küsschen links, ein Küsschen rechts. Die entspannte Stimmung lässt kaum vermuten, dass die vier Italiener dieser Tage als Angeklagte vor dem Kölner Landgericht stehen. Vorgeworfen wird dem Quartett Sozialbetrug und Steuerhinterziehung in Höhe von 20 bis 30 Millionen Euro. Über einen Zeitraum von zehn Jahren sollen sie Scheinfirmen gegründet und mithilfe von Strohmännern falsche Rechnungen ausgestellt haben. Offiziell geben die Männer an, als Pizzabäcker, Maurer, Eisenflechter und Schafhirte zu arbeiten. Die Staatsanwaltschaft geht aber davon aus, dass die ehrenwerten Herren, die alle aus benachbarten Dörfern auf Sizilien stammen, der Mafia angehören.

TV Film "Vorsicht, Mafia"

Für seinen Film "Vorsicht, Mafia" (Mo. 7.4., 20.15 Uhr, Das Erste) hat sich Marko Rösseler auf die Spuren der Organisation in Deutschland begeben. "Das ist ein unterschätztes Phänomen", sagt der Journalist. "Bei Mafia denken hierzulande viele Menschen an süditalienische Folklore. Doch die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Die Mafia durchdringt unsere gesamte Gesellschaft." Drogen-, Menschen- und Waffenhandel oder Schutzgelderpressung gehören zwar nach wie vor zu den Geschäftsfeldern der kriminellen Organisation. Aber die moderne Mafia agiert viel subtiler. "Sie ist unauffällig, nahezu unsichtbar", sagt Rösseler.
Spektakuläre Schießereien wie das Massaker von Duisburg, bei dem im Jahr 2007 sechs Menschen vor einer Pizzeria erschossen wurden, gibt es nur noch selten.

Diskrete Geldwäsche

"Die Mafia versucht, auf leisen Sohlen zu agieren", so Rösseler. "Man erkennt sie nicht. Aus gutem Grund: Das schützt vor Verfolgungsdruck." Wo nichts ist, gibt es nichts zu ermitteln. Und wer sein schmutziges Geld dann in saubere Geschäfte investiert, dem ist nur schwer etwas nachzuweisen. Experten schätzen den Jahresumsatz der italienischen Mafiaorganisationen auf 120 Milliarden Euro. Da fallen enorme Summen an, die es anzulegen gilt. Das geschieht mithilfe von Strohmännern und Handlangern, darunter Anwälte, Unternehmer, Banker – auch aus Deutschland. Nicht alle machen freiwillig bei der Geldwäsche mit. Rösseler sprach mit einem Firmenchef, dem die Mafia 8,5 Millionen Euro in bar auf den Tisch legte: Acht Millionen Euro sollte er investieren, eine halbe Million als "Provision" behalten. Als der Mann Bedenken äußerte, erwähnten die Herren freundlich, sie wüssten, wo seine Kinder zur Schule gingen.


Mafia
Vor einem italienischen Restaurant in Duisburg wurden 2007 sechs Männer mit Kopfschüssen hingerichtet - Foto © picture-alliance/ dpa

Die Mafia hat ein neues Gesicht

Im Film kommt auch ein Killer zu Wort, der erklärt, wie das klassische System der Mafia funktioniert, zu dem ebenso das Morden gehört. Doch Gewaltandrohungen sind heute oft gar nicht mehr nötig. Längst hat sich eine neue Führungselite der Weißkragen etabliert: angesehene Bürger, Unternehmer oder Juristen, Absolventen der besten Schulen und Universitäten, die sich für wohltätige Zwecke engagieren. "Die Mafia hat ein neues Gesicht. Sie bleibt oft unerkannt, sodass wir gar nicht merken, wenn wir es mit ihr zu tun haben", sagt Marko Rösseler. Das passiert zum Beispiel in der Bauwirtschaft. Es beginnt bei der Auftragsvergabe an Subunternehmer, die mit Dumpingpreisen die Konkurrenz ausstechen. Aber welcher Bauherr beklagt sich über niedrige Preise? Da schauen viele lieber nicht so genau hin. "Wir haben bei 40 Unternehmen angefragt, die Rechnungen von den in Köln angeklagten Herrschaften erhalten haben", sagt Rösseler. Äußern wollte sich niemand. Aber: "Es gibt hierzulande keine einzige Großbaustelle, an der die Mafia nicht verdient", berichtet ein anonymer Ermittler im Film.

Weitere Bereiche, in die viel Geld investiert wird, sind regenerative Energien, also Windparks und Solaranlagen. Beliebt ist auch die Immobilienbranche. Eine neue Studie des Bundeskriminalamts stellt fest, dass sie besonders anfällig für Geldwäsche sei. So werde von der Branche die vorgeschriebene Identitätsprüfung der Käufer oft vernachlässigt. Der Grund ist klar: Einzelne Makler fürchten, dass ihnen die Kunden beiallzu intensiven Nachfragen abspringen und ihnen dadurch lukrative Provisionen verloren gehen. Selbst wenn Ermittler Hinweise auf solche Geschäfte haben, reichen die Rechtsmittel oft nicht aus, um die Täter zu überführen und zu verurteilen. "In Deutschland kann die Mafia nahezu ungestört agieren", klagt Roberto Scarpinato, Staatsanwalt in Palermo und einer der wichtigsten Mafiajäger seines Landes.

Ohnmächtige Ermittler

In Italien ist schon der Kontakt zur Mafia verboten, Gelder können auf Verdacht konfisziert werden. In drei Jahren konnte die Stadt Palermo drei Milliarden Euro an Mafiageldern beschlagnahmen. In Deutschland wäre das undenkbar. So hat beispielsweise die Polizei in Baden-Württemberg nach Tipps ihrer italienischen Kollegen Verdächtige beschattet. Dabei wurden die Beamten Zeugen einer Mafiataufe, also der rituellen Aufnahme eines Mannes in den Clan. In Deutschland ist das aber keine Straftat. Erst mithilfe eines internationalen Haftbefehls konnte die italienische Polizei die Beteiligten festnehmen. Meist aber laufen die Gesetzeshüter nur hinterher. Observierungen sind rechtlichheikel und obendrein teuer.

"Als die Polizei Verdächtige in Karlsruhe überwachte, beliefen sich allein die Übersetzungskosten für die Dolmetscher auf 120.000 Euro", so Rösseler. Und wenn die schnellen und vorzeigbaren Erfolge ausbleiben, streicht die Politik die finanziellen Mittel. Zudem mangelt es oft an der nötigen Abstimmung, die schon zwischen einzelnen Bundesländern schwierig ist. Noch komplizierter gestaltet sich die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Für viele Aktionen mit ausländischen Behörden müssen erst Anträge gestellt und genehmigt werden. Dadurch haben Kriminelle ständig einen Vorsprung. "Bei manchen Verbrechen reichen die Spuren bis nach China, Südamerika und durch ganz Europa", so Rösseler. Wenn die Polizei da nicht international kooperiert, ist sie chancenlos. "Die Mafia ist ein weltweit agierender Konzern, der sich chamäleonartig den Gegebenheiten anpasst und da aktiv wird, wo er am wenigsten gestört und verfolgt wird", so die Erkenntnis des Filmautors.

In Deutschland finden sie paradiesische Zustände vor, bescheidende Erfolge wie in Köln bleiben die Ausnahme. "Die Angeklagten sind bloß kleine Handlanger", sagt Marko Rösseler. "Experten halten sie nur für die ganz winzige Spitze eines riesigen Eisbergs." Die eigentlichen Drahtzieher bleiben unerkannt. Sollten die vier ehrenwerten Herren Anfang April vom Gericht tatsächlich zu Haftstrafen verurteilt werden, dürfte das ihre gute Laune nur wenig trüben. Im Gefängnis haben sie nichts zu befürchten. Denn auch da regiert die Mafia.

Autor: Thomas Kunze