HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Günter Wallraff in einer Reportage über Hygienemängel bei Burger King

Günter Wallraff deckte Hygienemängel bei Burger King auf. - Foto: © Sascha Schuermann/Getty Images

Enthüllungsgeschichten

TV-Trend "Undercover"

Immer mehr Reporter spielen verdeckter Ermittler und enthüllen Skandale. Nicht alle arbeiten sauber. Was kann man glauben?

Vorgemacht hat es Günter Wallraff. Und zwar schon 1969. Damals veröffentlichte der heute 71-Jährige das Buch "13 unerwünschte Reportagen" – und wurde damit schlagartig berühmt: als Enthüllungsjournalist. In der Rolle eines Alkoholikers ließ er sich etwa in eine psychiatrische Klinik einweisen oder agierte als vermeintlicher Napalmlieferant für die Streitkräfte der USA.

1977 enthüllte Wallraff als "Der Mann, der bei 'Bild' Hans Esser war" die rüden Arbeitsmethoden der Boulevardpresse, 1983 in "Ganz unten" die Schikanen, denen türkische Gastarbeiter ausgesetzt sind, etwa bei McDonald's oder in der Pharmabranche. Lauter Coups, die ihn zur Legende des investigativen Journalismus machten.

"Team Wallraff – Reporter undercover"

Heute ist Wallraff wieder aktiv. Erstaunlicherweise beim Kölner Privatkanal RTL. Und diesmal in doppelter Mission: aktuelle Missstände aufzudecken und das Image des Krawallsenders aufzupolieren. Mit dem Format "Team Wallraff – Reporter undercover" gelangen ihm im April und Mai 2014 aufsehenerregende Reportagen über Hygienemängel bei Burger King oder den Notstand in Pflegeheimen. Diese Dokus erzielten bis zu 12,7 Prozent Marktanteil. 3,81 Millionen Zuschauer sahen zu.

Enthüllungsgeschichten im Ersten

Ein überraschender Erfolg – der nun die Konkurrenzsender neidisch macht. Auch sie setzen zunehmend auf Undercoverformate. In dieser Woche und Anfang Juli präsentiert etwa Das Erste drei Enthüllungsgeschichten zu aktuellen Themen: zur "Schattenwelt Kinderpornografie", zur zerstörerischen "Horrordroge Crystal Meth" und zu den fiesen Abzocktricks der Callcenter.


TV-Tipps

Mo., 30.06.: "Exclusiv im Ersten: Schattenwelt - Ein Milliardengeschäft", Das Erste 21.50 Uhr

Mo., 30.06.: "Die Story im Ersten: Horrordroge Crystal Meth - Wenn Kristalle Leben zerstören", Das Erste 22.50 Uhr (s. auch TV-Tipps rechts)


Beim Ersten kann man davon ausgehen, dass akribisch und sauber recherchiert wird. Bei anderen Trittbrettfahrern des TV-Trends ist das nicht immer der Fall. Beispiel Sat.1: Angeregt von Wallraffs Quotenerfolg auf RTL, entschied der Familiensender, im Hauruckverfahren ebenfalls ein Enthüllungsformat zu produzieren. Dem Sat.1-Polizeireporter Daniel Lange schneiderte man deshalb eilig die Sendung "Lange Undercover" auf den Leib. Anfang Juni allerdings sorgte das Format, das Skandale aufdecken sollte, selbst für Furore: In der Folge "Jagt die Schleppermafia" waren Szenen nachgestellt worden – für eine investigative Reportage mit hohem Anspruch auf Authentizität so etwas wie der Offenbarungseid. Denn Journalisten, die Detektiv spielen wollen, selbst aber tricksen, täuschen und türken, sind alles, nur eines nicht: glaubwürdig. Möglicherweise fehlt bei Sat.1 auch einfach Gespür und Handwerkszeug für harte Recherche. Seit Jahren verwischt der Sender bewusst die sensible Grenze zwischen Realität und Fiktion und setzt auf sogenannte Scripted-Reality-Formate wie "Im Namen der Gerechtigkeit", in denen Laien pseudorealistische Konflikte nachspielen, die es so nie gegeben hat.

"Akte – Reporter kämpfen für Sie"

Angesichts der Negativpresse zu "Lange Undercover" setzte Sat.1 die Sendung ab. Trotzdem droht dieser Skandal die ganze Enthüllungsbranche in Verruf zu bringen. Schaden nehmen könnte unter anderem das seit 19 Jahren erfolgreiche Sat.1-Format "Akte – Reporter kämpfen für Sie" von Ulrich Meyer. Auch dort wurden Beiträge von Lange ausgestrahlt. Ob sie einwandfrei waren oder ebenfalls manipuliert, wird derzeit geprüft.

Verantwortlich für Langes Berichte zeichnet die TV-Firma Meta Productions, die auch Ulrich Meyers "Akte" produziert. Noch ist das Renommee des Nachrichtenmannes, der als Aushängeschild von Sat.1 gilt, nicht in Mitleidenschaft gezogen. Sollte allerdings auch er gefälschten Berichten von Lange aufgesessen sein, könnte das die Absetzung seiner Sendung bedeuten – und ein unrühmliches Ende seiner TV-Karriere. Sat.1 versucht noch zu beschwichtigen: Bei "Akte" sei alles "sauber". Und: "Bei uns sind die journalistischen Standards extrem hoch." Klingt wenig glaubhaft bei einem Sender, der gerade das Gegenteil bewiesen hat.

Geplant: "Undercover Deutschland"

Bei RTL plant man währenddessen, den Investigativ-Trend noch stärker auszubauen. In "Undercover Deutschland" soll RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk bald in die Welt der Leihmütter und der Sekten eintauchen. Und Günter Wallraff bekommt ein Enthüllungsteam aus jungen Reportern zur Seite gestellt. Man versucht dort neue Aufregerthemen zu finden, indem man auf Internetseiten wie Facebook an Zuschauer appelliert, Missstände zu melden. Wallraff selbst definiert derweil sein Erfolgsgeheimnis: "Unsere Reportagen sind konsequent faktisch aufgearbeitet, der Unterhaltungsaspekt steht im Hintergrund."

Autor: Mike Powelz