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Michael Gelber (75) überlebte als ''Austauschjude'' den Holocaust.

TV-Doku ''Hitlers Menschenhändler'' im Ersten: Michael Gelber (75) überlebte als ''Austauschjude'' den Holocaust. / Foto: © NDR/Agenda Media

Juden als Austauschware

TV-Doku ''Hitlers Menschenhändler'' im Ersten

Es ist eine fast unbekannte Geschichte, die Filmemacherin Caroline Schmidt mit ihren Kollegen Thomas Ammann und Stefan Aust in der Doku ''Hitlers Menschenhändler'' (19.8,. Das Erste, 23.40 Uhr) erzählt. Sie handelt von sieben jüdischen Kindern, die den Holocaust überlebten, weil die Nazis sie als wertvolle Handelsware betrachteten. In HÖRZU beschreibt die Mitautorin dieses Films vorab die bewegenden Schicksale.

Das rettende Schriftstück steckt in einer historischen Akte des Auswärtigen Amtes in Berlin aus dem Jahr 1943. Man überblättert es leicht, denn auf den ersten Blick sieht es aus wie die Vermerke, mit denen die Nazis damals Juden in den Tod schickten: eine lange Liste mit Namen, alphabetisch sortiert, maschinengeschrieben, keine Tippfehler, alles ganz ordentlich. Doch dieses Papier ist anders. Man merkt das noch heute.

Transportliste des Lagers Westerbork nach Bergen-Belsen

Entscheidung über Leben und Tod: die Transportliste des Lagers Westerbork nach Bergen-Belsen (Foto: © NDR/Agenda Media)

Als der Niederländer Michael Gelber hörte, dass ich die Liste mit seinem Namen gefunden hatte, rief er laut: "Das ist ja toll!" Ein paar Wochen später fuhr er mit seiner Frau extra nach Berlin, um das Schriftstück noch einmal "mit eigenen Augen" zu sehen. Es ist eine Liste, die seine Kindheit bestimmte. Als sie geschrieben wurde, war Michael acht Jahre alt und lebte mit seiner Familie im "Polizeilichen Durchgangslager Westerbork" an der holländisch-deutschen Grenze. Hier hatten die Nazis alle niederländischen Juden zusammengepfercht.

Von hier aus fuhren die meisten in langen Zügen quer durch Europa nach Auschwitz. Gelber, sein Bruder und seine Eltern aber kamen nach Bergen-Belsen. Weil es dieses Papier gab – und weil sie deshalb zu den wenigen Juden zählten, die für die Nazis lebend nützlicher waren als tot.

Was kostet ein Leben?

Die Nazis sammelten in einem besonderen Lager alle Juden, die einen ausländischen Pass hatten oder irgendwie "einflussreiche Personen im Ausland" kannten. Die Idee war, sie den Alliierten wie "Ware" zum Tausch anzubieten – etwa gegen Geld, Waffen oder im Ausland internierte Deutsche.

In unserer NDR-Arte-Produktion berichten sieben Zeitzeugen teils erstmals einem großen Publikum, wie sie auf diese Listen kamen, wie sie voller Hoffnung im Lager eintrafen, wie das Ganze irgendwann kippte und sich ihr Leben in eine Hölle verwandelte. Die Archivbilder vom Anfang im Durchgangslager Westerbork und dann vom Ende in Bergen-Belsen machen die Schicksale anschaulich. "Dieser Film ist ein wichtiges Dokument, gerade auch durch die sehr persönlichen Schilderungen der Zeitzeugen", sagt Monika Schäfer, die den Film als Redakteurin verantwortet.

Die Nazis hatten das "Austauschlager" in Bergen-Belsen eingerichtet. Es war anders als andere Konzentrationslager: Es gab dort keine Gaskammern, die Menschen bekamen keine Nummer in den Arm tätowiert, ihre Haare wurden nicht geschoren, sie durften ihre normale Kleidung tragen.

Am Anfang dachten die Gelbers noch, jetzt würde alles gut. Doch die Monate vergingen, und nichts passierte. Die Häftlinge wussten damals nicht, dass die Alliierten auf die Angebote der Nazis kaum eingingen. Sie wollten mitten im Krieg nicht mit ihren Feinden verhandeln, zudem hatten sie Sorge, die Deutschen könnten auf diesem Weg Spione in ihre Länder einschleusen.

Je weiter die Zeit voranschritt und je deutlicher wurde, dass vielleicht nur ein paar Hundert Juden ausgetauscht werden konnten, desto mehr verloren die Menschen im Lager für die Nazis an Wert. Und Bergen-Belsen verwandelte sich von einem Ort der Hoffnung in einen Ort des Schreckens.

Kasztner-Zug

Dezember 1944: berlebende Kinder des sogenannten "Kasztner-Zugs" in der Schweiz (Foto: © NDR/Agenda Media)

In den letzten Kriegsmonaten traf auch eine Gruppe von 1700 Juden aus Ungarn im Lager ein. Sie waren dort, weil ein mutiger jüdischer Anwalt namens Rezsö Kasztner in Budapest mit Adolf Eichmann einen Deal ausgehandelt hatte: Die Ungarn zahlten zwei Millionen Dollar für die Freilassung – als Anzahlung. Den Rest sollten die Alliierten in "kriegswichtigem Material" leisten. Eichmann höchstpersönlich erklärte dieses Geschäft in seinem Strafprozess in Jerusalem 1961. Die Originalaufnahmen sind im Film zu sehen.

Lager des Schreckens

Doch die Alliierten gaben nichts – und so fuhr der Zug nicht in die neutrale Schweiz, sondern nach Niedersachsen. Sie seien "ganz verwundert" gewesen, berichtet Augenzeuge Ladislaus Löb, damals erst acht Jahre alt, als sie sich plötzlich zwischen Stacheldraht wiederfanden. Viele Monate mussten die Ungarn im Lager Bergen-
Belsen ausharren, wo inzwischen Krankheiten wie Typhus oder Masern grassierten und täglich viele der Insassen starben.

"Das Schlimmste war das Aufwachen morgens", erinnert sich Irene Butter, zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt. "Man blickte sich um, und da waren so viele Leichen." Nur die Hälfte der 14.000 "Austauschjuden" sollte überleben. Für viele war es am Ende ein Wettlauf um Leben und Tod.


Sendehinweis:

Hitlers Menschenhändler Juden als Austauschware
Dokumentarfilm u. a. von C. Schmidt
MO, 19.8,. Das Erste, 23.40 Uhr

Autor: Caroline Schmidt