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Das Programm

Ursula Thern (Nina Kunzendorf, l.), Mario Kreutzer (Carlo Ljubek, 2. v. r.) und
Nadja Lenz (Alwara Höfels, r.). Foto: © ARD Degeto/Christiane Pausch

Eine Familie verschwindet

Thriller "Das Programm"

Der Thriller "Das Programm" (Mo., 4.1., Das Erste, 20.15 Uhr) zeigt, wie der Schutz von Kronzeugen funktioniert. In HÖRZU prüft ein Kriminalexperte sieben Filmfakten.

Ein Schuss aus dem Hinterhalt - und nichts ist mehr, wie es war: Als auf den Banker Simon Dreher (Benjamin Sadler) ein Attentat verübt wird, muss er mit seiner Familie sofort ins Zeugenschutzprogramm. Die LKA-Beamtin Ursula Thern (Nina Kunzendorf) braucht den leitenden Angestellten einer Privatbank als Kronzeugen in einem Fall von Geldwäsche. Dreher und seine Familie machen es Thern allerdings nicht leicht.

"Das Programm" zu ihrem Schutz, das dem spannenden TV-Triller seinen Namen gab, ist zwar perfekt. Doch Drehers Gattin Rieke (Stephanie Japp) und seine Tochter Lona (Paula Kalenberg) entpuppen sich als Risikofaktoren. Rieke muss ihren Geliebten im alten Leben zurücklassen, Lona ihren jungen Verlobten. Auch der Kronzeuge selbst spielt ein doppeltes Spiel.

Lesen Sie hier das Interview mit Nina Kunzendorf

Komplexes Thema Zeugenschutz

Das Drehbuch des Films schrieb Autor Holger Karsten Schmidt, der bereits zweimal mit dem renommierten Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. 2014 etwa für "Mord in Eberswalde", einen Film über den letzten in der DDR hingerichteten Sexualstraftäter. Für "Das Programm" hat sich der Autor mit dem komplexen Thema Zeugenschutz befasst und liegt mit seiner Geschichte sehr nah an der Wirklichkeit.

Das bestätigt Wolfgang Sielaff, Ex-Chef des Hamburger Landeskriminalamtes, den HÖRZU quasi als Gutachter benannte. Sielaff war es, der 1985 den deutschen Zeugenschutz nach dem Vorbild des U.S. Marshals Service ins Leben rief. Seine Aussage: "Natürlich ist der Film dramaturgisch verdichtet, aber realistisch."

Exklusiv in HÖRZU analysiert Sielaff den Wahrheitsgehalt von sieben Szenen.

Filmszenen im Wahrheits-Check

1. Im Film werden dem korrupten Banker strafmildernde Umstände versprochen, wenn er gegen die Mafia aussagt. Wie realistisch ist das?

Sielaff erklärt: "Da es sich hier um einen kriminellen Insiderzeugen handelt, geht es nur um eine Frage: 'Welche Vorteile habe ich für mein eigenes Strafverfahren, wenn ich gegen die Täter aussage?' Wenn ein Zeuge wie Simon Dreher also zur Aufklärung von Straftaten und Überführung der Täter beiträgt, kann das Gericht das bei seinem Strafmaß berücksichtigen. Er bekäme in diesem Fall nicht zehn, sondern nur sechs Jahre Freiheitsstrafe."

2. Kaum ist Familie Dreher im Schutzprogramm, werden die Verwandten zu sogenannten "Markern". Diese Menschen müssen die Personenschützer warnen, sobald Fremde rätselhafte Fragen stellen. Ist das tatsächlich so?

Sielaff: "Ja, durchaus. Wenn sich eine ganze Familie im Zeugenschutz befindet, ist das ein Indiz für eine hohe Gefährdung. Die Täter werden unter Umständen über weitere Bezugspersonen versuchen, den Belastungszeugen aufzuspüren. Das Bedrohungsszenario ist vielfältig. Es reicht von wortlosen Anrufen über Bemerkungen zum Schulweg der Kinder, einer Patrone im Briefkasten bis zu Sachbeschädigungen, kleineren Bränden oder sogar zur konkreten Morddrohung. Die 'gemarkerten Personen' müssen dafür sensibilisiert werden, solche Gefahrensignale zu erkennen."

3. Im Film droht die falsche Identität der Drehers plötzlich aufzufliegen. Müssen Kronzeugen ihre Identität oft mehrfach wechseln?

"Ja", erklärt Sielaff. "Natürlich muss das genau analysiert werden. Wenn die Gefährdung andauert, bleibt kaum ein anderer Weg als eine neue Identität. Zeugenschutz funktioniert nur, wenn der Zeuge sich auch schützen lassen will. Er muss wissen, was auf ihn zukommt, und zwar ohne Wenn und Aber. Freiwilligkeit und Kooperation sind Bedingung. Übrigens ist nicht jeder Zeugenschutzfall mit einer neuen Identität verbunden. Manchmal reicht es schon, Zeugen erst mal aus dem Dunstkreis der Täter zu entfernen, bis diese verhaftet und verurteilt worden sind. Das war etwa der Fall, als wir es in Hamburg mit mehreren Erpressungsopfern der Hells Angels zu tun hatten. Wir haben sie bis zur Verhaftung der Gruppe versteckt. Anschließend konnten sie ihre Betriebe weiterführen. Ihnen ist auch nach der Freilassung der Verurteilten nichts mehr geschehen."

4. Gibt es wirklich Häuser, die ausschließlich für Zeugen freigehalten werden?

"Nein", sagt Sielaff. "In jedem einzelnen Fall wird entschieden, wo und in welchem Objekt ein geschützter Zeuge untergebracht wird. Unterkünfte für den abstrakten Eventualfall vorzuhalten hat keinen Sinn. Safe Sites, also sichere Plätze, wie sie der U.S. Marshals Service in den USA etwa auf Militärgelände vorhält, kennen wir nicht."

5. Aber werden deutsche Kronzeugen prinzipiell in Deutschland geschützt - oder gibt es internationale Verstecke?

Wolfgang Sielaff: "Das kommt immer auf den konkreten Einzelfall an, insbesondere natürlich auf den Gefahrengrad. Wenn auf den Kopf des Kronzeugen eine Prämie ausgesetzt ist, er also getötet werden soll, ist jede erdenkliche Schutzmaßnahme möglich. Übrigens gehört der Schutz gefährdeter Belastungszeugen zu den drei wesentlichen Prinzipien in der Bekämpfung des organisierten Verbrechens."

6. Warum wird das Vermögen des inhaftierten Verbrechers im TV-Thriller nicht einfach eingefroren, um seinen Einflussbereich einzugrenzen?

Sielaff: "Bei der Einziehung krimineller Profite ist Deutschland leider ein Entwicklungsland. Mafiaexperten bezeichnen unseren Staat als das Eldorado der internationalen Verbrecherorganisationen, weil die ihre exorbitanten kriminellen Profite hier weitgehend unbehelligt und gefahrlos waschen und investieren können. Die deutschen Gesetze zur Einziehung krimineller Vermögen sind ein stumpfes Schwert. Andere Staaten machen es uns vor: Wenn bei einem Verdächtigen hohe Geldbeträge oder Vermögenswerte festgestellt werden, die offenkundig aus kriminellen Geschäften stammen, werden diese beschlagnahmt. Der Verdächtige wird aufgefordert, binnen einer bestimmten Frist die legale Herkunft des Geldes zu beweisen. Das nennt man Beweislastumkehr. Kann er das nicht, werden Geld und Vermögenswerte konfisziert und fließen in die Staatskasse."

7. Ist das organisierte Verbrechen wirklich so mächtig und gefährlich, wie es im Film dargestellt wird?

Sielaff verrät: "Ja. Seine Kennzeichen sind hohe Professionalität, Arbeitsteilung, Abschottung, internationale Verbindungen, Korrumpierung und Druck auf Belastungszeugen. Das Ziel ist die illegale Erlangung höchstmöglichen Profits, der im Übrigen auch zur Etablierung und Stabilisierung krimineller acht eingesetzt wird. Deshalb ist die organisierte Kriminalität auch eine erhebliche Bedrohung für den Staat und die Gesellschaft. Seine derzeitigen 'Geschäftsfelder' sind Kriminalität im Rotlichtmilieu, Drogenhandel, Wirtschaftskriminalität, Internetkriminalität, also Cybercrime, Kfz-Verschiebung und die Schleusung von Flüchtlingen."

Autor: Mike Powelz