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Norbert Himmler

Norbert Himmler ist seit 2012 ZDF-Programmdirektor. Foto: © dpa

ZDF-Programmchef Himmler über neue Showideen

"Stefan Raab würde zum ZDF passen"

Was beim ZDF, einer der größten Fernsehanstalten Europas, auf Sendung geht, bestimmt er. Nicht allein, aber maßgeblich. Dr. Norbert Himmler ist Programmdirektor des Zweiten.

Im Exklusiv-Interview mit HÖRZU verrät der 44-Jährige, wie er die nächste große Showidee finden will, weshalb ZDF-Entertainer Jan Böhmermann ein „Risiko“ für den Sender ist und wie er sich die Zukunft des Fernsehens vorstellt.

Interview mit Norbert Himmler

HÖRZU: Endspurt im TV-Jahr 2015. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz fürs ZDF aus?

Norbert Himmler: Positiv. Mein Bewertungsmaßstab ist immer: Hatten wir neues, interessantes Programm auf dem Schirm? Und hatten wir auch den Zuschauerzuspruch, den wir uns wünschen? Beides war der Fall. Es gab viele spannende neue Formate wie "Schuld", "Das Team" oder auch "Kessler ist". Und wir sind nach wie vor der meistgesehene Sender.

HÖRZU: Wie wichtig ist es, Marktführer zu sein?

Norbert Himmler: Wir müssen nicht Marktführer sein. Aber natürlich müssen wir einen relevanten Teil der Zuschauer erreichen.

HÖRZU: Bei Ihrem Amtsantritt 2012 sagten Sie, Sie wollten das Publikum des ZDF verjüngen. Von den 14- bis 49-Jährigen erreichten Sie zuletzt im Schnitt jedoch weniger als sechs Prozent.

Norbert Himmler: Wir haben Serien wie "Der Landarzt" und "Forsthaus Falkenau" durch modernere Formate ersetzt, etwa "Bettys Diagnose" und "Dr. Klein". Wir haben neue Samstagskrimis entwickelt, das Tagesprogramm mit "Bares für Rares" auch für Jüngere attraktiv reformiert, die Entwicklung von Sitcoms angeschoben und Jan Böhmermann ins Hauptprogramm gebracht. Aber: Man kann den Altersschnitt eines Senders nicht mit Gewalt verändern. Dafür brauchen wir Zeit und Geduld.

HÖRZU: Was ist an einem ZDF-Altersschnitt von 60 Jahren eigentlich so schlimm?

Norbert Himmler: Erst einmal nichts. Schlimm wäre nur, wenn das ZDF als Ganzes mit seinen Programmen und Angeboten nicht mehr die jüngeren Zuschauer erreicht. Wir müssen mehr Jüngere über ZDF Neo, ZDFInfo und die Mediathek ansprechen.

HÖRZU: Wie wichtig ist die Mediathek konkret?

Norbert Himmler: Ihre Bedeutung wächst enorm. Über sie können Zuschauer online unsere Inhalte zeitunabhängig sehen. Eine Sendung wie die "heute-show" hat in der TV-Ausstrahlung rund 3,5 Millionen Zuschauer. Über die Mediathek kommen schon in den ersten Tagen nach der Ausstrahlung 300.000 bis 400.000 Abrufe dazu. Tendenz steigend.

HÖRZU: Kein Angst, dass die Mediathek dem klassischen TV das Wasser abgräbt?

Norbert Himmler: Wo und wann unsere Programme geschaut werden, ist mir völlig egal. Und das muss mir auch egal sein. Gerade jüngere Zuschauer wollen flexibel schauen.

HÖRZU: Heißt das auch: Die Zeit großer Shows, die mehrere Generationen gemeinsam schauen, ist endgültig vorbei?

Norbert Himmler: Nein. Ich glaube an Zyklen. Live- und Eventshows haben es derzeit schwer. Dennoch kann jederzeit das nächste "Wer wird Millionär?" um die Ecke kommen und 20 Jahre lang die Zuschauer begeistern. Ich glaube, die Zukunft des Fernsehens liegt auch in großen Live-Events. Schauen Sie sich die Quoten großer Sportereignisse an! Die Menschen suchen etwas, worüber sie am nächsten Morgen gemeinsam sprechen können. Wir werden entsprechende Showideen entwickeln. Es wird immer schwerer, sie zu finden, aber es gibt Beispiele, die Hoffnung machen.

HÖRZU: Woran denken Sie da konkret?

Norbert Himmler: An die "Udo Jürgens Tribute Gala" vergangenes Jahr. Das war wider Erwarten eine der jüngsten Shows. Jeder hat damals gemerkt: Das ist ein besonderer TV-Moment. Diese Momente gilt es zu finden. Deswegen setzen wir die "Tribute"-Reihe am 14.11. fort.

HÖRZU: Mit welchem Star?

Norbert Himmler: Wir feiern Otto Waalkes. Die größten deutschen Comedians werden der Humorlegende die Ehre erweisen, seine Sketche und Stücke spielen. Für 2016 haben wir ein bis zwei weitere "Tributes" geplant. Mehr möchte ich noch nicht verraten.

HÖRZU: Können Sie definitiv ausschließen, dass "Wetten, dass ..?" doch weitergeht?

Norbert Himmler: Ja, das kann ich ausschließen.

HÖRZU: Warum so endgültig?

Norbert Himmler: Was "Wetten, dass ..?" besonders gemacht hat, waren Weltstars auf der Bühne und der Couch sowie einzigartige Wetttalente. Darauf gibt es seit Youtube und "Supertalent" kein Monopol mehr. Natürlich könnte man das Konzept weiter verändern. Aber das wäre eben nicht mehr "Wetten, dass ..?".

HÖRZU: Einer Ihrer Hoffnungsträger im Bereich Show ist Jan Böhmermann. Sie haben ihn ins Hauptprogramm geholt. Zitat: "Um ihn ans ZDF zu gewöhnen und das ZDF-Publikum an ihn". Wann ist er reif für eine Show um 20.15 Uhr?

Norbert Himmler: Jan Böhmermann ist großartig. Wenn er eine gute Idee hat, die zu ihm und zu uns passt, machen wir das! Derzeit moderiert er am späten Abend ein Format, das perfekt auf ihn zugeschnitten ist. Dazu kommt Anfang 2016 die ZDF-Neo-Reihe "Schulz & Böhmermann", in der er mit Entertainer Olli Schulz gesellschaftliche, kulturelle und politische Themen diskutiert – gewohnt meinungsstark, polarisierend, unterhaltsam.

HÖRZU: Böhmermanns Video über den Mittelfinger des griechischen Exfinanzministers Yanis Varoufakis sorgte für großes Aufsehen und ließ Günther Jauch schlecht aussehen. Kann er durch solche Aktionen auch ein Risiko fürs ZDF werden?

Norbert Himmler: Alle Protagonisten, die bei uns mit intelligentem, unabhängigem Humor tätig sind, können über das Ziel herausschießen und sind daher, in Anführungszeichen, ein Risiko, das wir eingehen müssen. Wir wollen ja Talente bei uns, die – wenn auch in redaktioneller Begleitung – mit aller künstlerischen Freiheit agieren.

HÖRZU: Helene Fischer, eines Ihrer großen Aushängeschilder, nannte Böhmermann eine "singende Sagrotan-Flasche".

Norbert Himmler: Das ging mir persönlich zu weit. Aber: Jan Böhmermann hat das nicht in seiner Show, sondern in einem Interview gesagt. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ich schätze Helene Fischer sehr und werde sie überall verteidigen. Es muss trotzdem erlaubt sein, Witze über sie zu machen. Satire darf sehr viel – sie muss auch viel dürfen. Über Art und Qualität von Witzen und Bemerkungen kann man dann immer diskutieren.

HÖRZU: Ein anderer Tabubrecher hört Ende des Jahres auf: Mit Stefan Raab geht der wohl einflussreichste TV-Macher der vergangenen 15 Jahre. Haben Sie ihn schon gefragt, ob er nicht vielleicht im ZDF weitermachen möchte?

Norbert Himmler: Wenn es so wäre, würde ich es Ihnen bestimmt nicht verraten. (Lacht.) Im Ernst: Ich glaube, dass es Raab mit seinem TV-Rücktritt ernst meint. Das respektiere ich.

HÖRZU: Würde denn jemand wie Stefan Raab überhaupt zum ZDF passen?

Norbert Himmler: Ich glaube schon, dass er zu uns passen würde. Stefan Raab ist einer der innovativsten Fernsehmacher, dem ich spannende Formate bei uns zutrauen würde. Aber die Frage stellt sich nicht.

HÖRZU: Gibt es eine Show eines Privatsenders, die Sie gern im ZDF hätten?

Norbert Himmler: Ich mag die Investorenshow "Die Höhle der Löwen" bei Vox sehr gern. Wir hatten vor fünf Jahren ernsthaft überlegt, die Show für ZDF Neo nach Deutschland zu holen, mussten uns aber dagegen entscheiden.

HÖRZU: Warum?

Norbert Himmler: Wegen des Werbeeffekts für die prominenten Investoren. Für die Show braucht man bekannte Namen. Die kommen aber nur, wenn sie auch Werbung für sich und ihre Firmen machen können. Das geht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht.

HÖRZU: Zum Schluss bitte noch eine Prognose: Wie wird Ihrer Meinung nach das Fernsehen in 20 Jahren aussehen?

Norbert Himmler: Zeitunabhängiges Fernsehen über Mediatheken und On-Demand-Dienste wird zunehmen. Aber diese Nutzung wird sich irgendwann die Waage halten mit dem klassischen linearen Fernsehen. Meine These: Die junge Generation, die heute mobil und völlig zeitunabhängig schaut, wird ab 30 Jahren, wenn Familienplanung und anstrengende Jobs relevanter werden, zu klassischen TV-Gewohnheiten zurückkehren. Zumindest in Teilen.

HÖRZU: Und die Zukunft des ZDF?

Norbert Himmler: Die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird generell steigen. Unsere Zukunft liegt darin, hochwertiges Fernsehen in Deutschland zu machen, weil das Gegenangebot großer Anbieter wie Netflix zu 98 Prozent amerikanisch geprägt sein wird. Deshalb sehe ich Netflix nicht als Bedrohung, sondern als Ermunterung, gutes deutsches Programm zu machen.

Autor: Michael Tokarski