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TV-Event "Terror" / Foto © ARD Degeto, Moovie GmbH, Julia Terjung

TV-Event "Terror" / Foto © ARD Degeto, Moovie GmbH, Julia Terjung

Held oder Mörder?

So funktioniert das TV-Experiment "Terror: Ihr Urteil"

Darf man töten, um 70.000 Menschen das Leben zu retten? Der TV-Film und GOLDENE-KAMERA-Kandidat "Terror: Ihr Urteil" und lässt die Zuschauer darüber abstimmen.

Es dürfte das TV-Experiment dieses Jahres werden: Am 17. Oktober, 20.15 Uhr, zeigt Das Erste "Terror: Ihr Urteil", die Verfilmung des gleichnamigen, sehr erfolgreichen Theaterstücks von Ferdinand von Schirach. Der Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker skizziert darin ein entsetzliches moralisches Dilemma: Lars Koch (Florian David Fitz), Kampfpilot der Bundeswehr, ist angeklagt, eine Lufthansa-Maschine mit 164 Passagieren abgeschossen zu haben. Der Airbus befand sich in den Händen von Entführern, die ihn auf die mit 70.000 Besuchern voll besetzte Allianz-Arena in München zusteuerten. Nur durch Kochs eigenmächtiges Handeln konnte der Terroranschlag abgewendet werden.

"Das Besondere an diesem Film ist, dass am Ende die Zuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz per Telefonund Internet-Voting über Lars Koch richten", sagt Produzent Oliver Berben im Gespräch mit GOLDENE KAMERA. "Gemeinsam bilden sie die größte Jury der Welt – und entscheiden, ob er des 164-fachen Mordes für schuldig befunden wird." Zum Ereignis wird "Terror: Ihr Urteil" auch durch Berbens Idee, den Film am 14. Oktober in über 150 Städten im Kino zu zeigen, Abstimmung inklusive.

Wenn Zuschauer Richter spielen

Darf man töten, um Leben zu retten? Durfte Koch 164 Menschen opfern, um 70.000 zu schützen – obwohl er keine Abschussgenehmigung hatte? Hätte er anders gehandelt, wenn seine Eltern und sein Sohn an Bord gewesen wären? Welche Bedeutung kommt der SMS eines Passagiers zu, in der stand, man wolle versuchen, den Terroristen zu überwältigen? Was ist von Kochs Behauptung zu halten, jeder Passagier setze beim Besteigen eines Flugzeugs doch automatisch sein Leben aufs Spiel? Fragen wie diese werden in der Verfilmung aufgerollt, die wie das Bühnenstück kammerspielartig als Prozess inszeniert ist.


Die große Strafkammer des Schwurgerichts Berlin verhandelt den "Fall Lars Koch" / Foto © ARD Degeto, Moovie GmbH, Julia Terjung

GOLDENE KAMERA besuchte bei den Dreharbeiten den nachgebauten Gerichtssaal und war dabei, als zwei Varianten für das Ende des Prozesses aufgezeichnet wurden – für die Urteile "Schuldig" und "Nicht schuldig". Nur eine Version wird am Ende zu sehen sein. Welche? Das hängt vom Voting des Publikums ab.

Sollten die Zuschauer mehrheitlich für "Schuldig" plädieren, lautet der Richterspruch: "Menschen sind keine Gegenstände, sie unterliegen nicht den Marktgesetzen, und Leben darf nicht einmal in extremen Situationen gegen Leben abgewogen werden – das verstößt gegen unsere Verfassung und die Grundnormen unseres Zusammenlebens."


Der Richter (Burghart Klaußner) befragt die Schöffen nach ihrem Urteil – und das sind die Fernsehzuschauer! / Foto © ARD Degeto, Moovie GmbH, Julia Terjung

Wird Koch freigesprochen, urteilt der TV-Richter: "Unser Recht ist nicht in der Lage, jedes moralische Problem widerspruchsfrei zu lösen. Wir besitzen keine rechtlichen Kriterien, um Kochs Gewissensentscheidung letztgültig zu überprüfen. Das Gesetz lässt Koch allein. Deshalb wäre es falsch, ihn zu verurteilen."

Ein verbales Pingpongspiel

Doch bevor das TV-Publikum entscheidet, liefern sich die Staatsanwältin (Martina Gedeck) und der Verteidiger (Lars Eidinger) einen verbalen Schlagabtausch der Extraklasse. Beide stellen mit ihren Ausführungen sämtliche vorgefassten Meinungen des Zuschauers infrage. Während die Staatsanwältin dafür plädiert, dass Koch lebenslänglich eingesperrt wird, fordert sein Verteidiger, er müsse freigesprochen werden, weil er das kleinere Übel gewählt habe.


Die Staatsanwältin (Martina Gedeck) geht vehement gegen den Angeklagten Lars Koch (Florian David Fitz, li.) und seinen Verteidiger Herr Biegler (Lars Eidinger) vor. / Foto © ARD Degeto, Moovie GmbH, Julia Terjung

In der Realität jedoch sieht der Schauspieler Lars Eidinger, der diesen Verteidiger spielt, die Schuld bei Major Koch. Eidinger erklärt GOLDENE KAMERA: "Als ich ‚Terror‘ zum ersten Mal gelesen habe, war ich auf der Seite von Koch, aber nach dem Dreh wurde mir klar, dass es verfassungswidrig ist, was der Pilot macht – und es sich allein deswegen schon verbietet zu sagen, dass er unschuldig ist. Die Staatsanwältin beschreibt richtig, was in unserem Grundgesetz verankert ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Ich finde nicht, dass Major Koch freigesprochen werden darf."

Auch von Florian David Fitz, der den Angeklagten spielt und zur Vorbereitung auf seine Rolle intensiv mit von Schirach diskutiert hat, wollten wir wissen, wie er abstimmt. Er verrät: "Es geht nicht um meine Meinung, sondern darum, dass die Zuschauer über die Schuld von Major Koch diskutieren – und das werden sie auf jeden Fall tun. Ganz egal, wem ich den Filminhalt in den letzten Tagen geschildert habe: Jeder hat sofort eine Meinung dazu – aber wenn man ihn anschließend mit ein paar Argumenten konfrontiert, dann ändern sich die vorgefassten Meinungen schnell, und die Leute kommen ins Grübeln. Insofern ist ‚Terror‘ nicht nur ein spannender Gerichtsprozess, sondern generell ein interessanter Denkprozess. Es geht nicht bloß um Kochs strafrechtliche Schuld, die vorliegt, sondern auch um seine moralische Schuld. Und diesbezüglich scheiden sich die Geister!"

Dass die Zuschauer unterschiedlicher Meinung sind, zeigte sich auch bei der Pressekonferenz in Hamburg. Nach der Vorführung durften die Journalisten abstimmen: 60 Prozent votierten für "Freispruch", nur 40 Prozent für "Schuldig".

Demokratie braucht Diskussion

Ferdinand von Schirach, für den die Herausforderung bei der "Terror"-Verfilmung vor allem darin besteht, die TV-Zuschauer in den ersten zehn Minuten derart zu fesseln, dass sie nicht mehr umschalten, kommentiert dieses Ergebnis so: "Das Resultat hat mich nicht erschreckt. Ich habe es aus meiner Sicht für noch schlimmer gehalten und eine noch größere Differenz erwartet und eine noch höhere Freispruchquote. Dass wir alle spontan immer das kleinere Übel wählen, liegt in der Natur des Menschen. Wir machen es bei fast jeder Entscheidung. Doch wenn es um das Leben geht, finde ich es toll, dass 40 Prozent die Argumente der Staatsanwältin höher achten als die der Verteidigung", sagt der 51-jährige Jurist. "Wichtiger als die Abstimmung jedoch ist die anschließende Diskussion über das Ergebnis! Denn das Wesen der Demokratie ist die Diskussion. Es geht darum, anschließend mit seinen Freunden darüber zu sprechen!"


Ferdinand von Schirachs Justizdrama "Terror" galt 2015 als das Erfolgsstück in deutschen Theatern. / Foto © dpa

Deshalb wird die Diskussion auch direkt nach dem TV-Film weitergehen: ab 21.40 Uhr in Frank Plasbergs Polit-Talk "Hart aber fair". Übrigens: Die bisherigen Abstimmungsergebnisse der Theaterbesucher finden Sie hier: terror.kiepenheuer-medien.de

Wertung von "Terror: Ihr Urteil"

Wer sollte sich "Terror: Ihr Urteil" anschauen?

Alle Zuschauer, die sich als Schöffen beteiligen wollen und so gemeinsam zu einem Urteil kommen wollen.

Warum muss ich "Terror: Ihr Urteil" sehen?

Weil dieses TV-Experiment ein moralisches Planspiel ist, das lange nachwirkt.

Für Fans von ...

"Verbrechen" nach Ferdinand von Schirach

Ein Artikel von

Autor: GOLDENE KAMERA.de