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Vorstadtweiber

Die Vorstadtweiber (v.l.n.r.): Caroline Melzer (Martina Ebm), Maria Schneider (Gerti Drassl),
Nicoletta Huber (Nina Proll), Waltraud Steinberg (Maria Köstlinger), Sabine Herold (Adina Vetter).
Foto: © ARD/ORF/MR Film/Petro Domenigg

Skandalserie

Serienstart "Vorstadtweiber"

Das Erste traut sich was: Die Skandalserie "Vorstadtweiber" mischt mit bösen Dialogen und Bettszenen den netten Dienstagabend auf.

Um Himmels willen! Das wird so mancher denken, wenn er am Dienstagabend die Serie gleichen Namens erwartet hatte. Doch dann fahren statt sittsamer Nonnen auf Lastenfahrrädern laszive "Vorstadtweiber" in schicken Cabrios vor, zeigen viel nackte Haut, führen diabolische Dialoge und gönnen sich gegenseitig nicht den Prosecco im Glas.

Das Erste wagt auf dem beschaulichen Sendeplatz von "Um Himmels Willen" (ab 5.5., 20.15 Uhr) ein Kontrastprogramm, zu dem man den Sender nur beglückwünschen kann. Die "Vorstadtweiber" haben viel Wiener Schmäh, sind fieser als das US-Pendant "Desperate Housewives", amüsant wie "Sex and the City" und glänzen mit einer wunderbar aufgelegten Darstellerriege.

Die Story

Die Serie zeigt das Leben von fünf Freundinnen in einem noblen Vorort Wiens. Die feine Fassade bröckelt, als eine vom Gatten vor die Tür gesetzt wird - ohne einen Cent. Zu dumm, dass sie das Kleingedruckte im Ehevertrag übersehen hat und nun, plötzlich arm, Klos putzen und Sexspielzeug verkaufen muss. Ihr Schicksal schreckt die Freundinnen Waltraud, Caro, Nico und Maria auf. Jede schmiedet andere Pläne, um sich für den Fall der Fälle abzusichern. Hauptsache, das Leben artet nicht in ehrliche Arbeit aus.

Die Offensivste ist Waltraud. Sie stammt aus verarmter Aristokratie und nimmt kein Blatt vor den Mund: "Er hat das Geld, ich den Adel." So abgebrüht redet sie über ihre Zweckehe, bei der auch kurzer, harter Sex inklusive ist. Um sich im Fall einer Scheidung abzusichern, setzt sie Freundin Nico auf ihren Mann an. Nur wenn sie ihrem Gatten eine Affäre nachweisen kann, ist sie in der Lage, ihn zu verlassen - und auszunehmen. Auf spannende Erotik verzichtet die Mittvierzigerin trotzdem nicht: Sie hat eine Affäre mit ihrem 16-jährigen Lateinschüler, mit dessen Mutter sie beim Kaffee plauscht.

Die Vorstadt, ein Sündenbabel?

"Trotz aller Überzeichnung hat jede Figur doch einen wahren Kern. In manchen Kreisen gehen Schein, Geld und Status über alles", sagt Schauspielerin Maria Köstlinger, die Waltraud beeindruckend verkörpert. "In Wien gibt es ein Stundenhotel, das mittags ausgebucht ist mit Geschäftsleuten." Köstlinger, die zum Ensemble des renommierten Wiener Theaters in der Josefstadt gehört und in vielen Filmen mitgewirkt hat, verleiht der Figur neben Schärfe und Ecken auch die Verletzbarkeit einer reifen Frau.

Rekordquote in Österreich

In Österreich hatte die Serie Rekordquoten: 900.000 Zuschauer und im Schnitt sensationelle 28 Prozent Marktanteil. Zudem stieß sie eine gesellschaftliche Debatte an um die Frage, wie weit Fernsehen in Sachen Sex und Satire gehen darf. Die große Aufregung hat Erfolgsautor Uli Brée überrascht - und erfreut, wie er im Interview mit HÖRZU gesteht (s. unten). Brée ist Kabarettist und ein viel beschäftigter Schreiber, der ein Händchen für markante Frauentypen hat. Aus seiner Feder stammt etwa auch Kommissarin Bibi Fellner im österreichischen "Tatort", die von Adele Neuhauser gespielt wird, ebenso wie die viel beachtete Krimiserie "Vier Frauen und ein Todesfall".

Als pure Satire sieht Brée die "Vorstadtweiber" übrigens nicht. Er dürfte es wissen, denn er hat lange Jahre in Wien gelebt und kennt die dortige bessere Gesellschaft. Die Gier nach Geld und Status aber, zu der auch eine große Verlustangst und Unsicherheit gehören, sei kein Phänomen der schmucken Donaumetropole, sondern übertragbar auf Zürich, München oder Hamburg, so Brée. Ließe sich der Plot auch auf andere Milieus übertragen, etwa die Mittelschicht? "Nein, da haben die Leute ganz andere Probleme und nicht die nötige Langeweile, um solche Intrigen zu spinnen."

Interview mit Autor Uli Brée

Er ist gefragt, etwa beim "Tatort". Und ausgezeichnet, etwa mit vier Romys. Nun hofft der Kabarettist Uli Brée auf einen TV-Skandal.

HÖRZU: Haben die Topquoten für die "Weiber" in Österreich Sie überrascht?

Uli Brée: Absolut! Vor dem Start hatte die Presse Klischees bemängelt. Als die Quote anzog, wurden die Kritiken besser.

HÖRZU: Wie kamen Sie auf den Stoff? Standen die "Desperate Housewives" Pate?

Uli Brée: Der Sender gab nur den Titel vor. Ich hatte freie Hand. "Desperate Housewives" kenne ich natürlich, aber die "Weiber" sind keine Kopie, sie sind viel durchtriebener. Es geht um Geld, Gier, Intrigen, Sex.

HÖRZU: Wie viel Wahrheit steckt in der Satire?

Uli Brée: Für mich sind die "Weiber" keine Satire. Ich schreibe nur auf, was ich sehe und höre, und spitze es zu. In Wiener Nobelvierteln gibt es einen Latte-macchiato-Strich, auf dem reiche Frauen mit ihren Designerkinderwagen flanieren. Ihre Langeweile lässt viel Raum für Intrigen.

HÖRZU: Warum gibt es so viele Sexszenen?

Uli Brée: Ich hatte keine Einschränkung, habe einfach alles rausgelassen. Zudem sagt der Sex etwas über die Charaktere aus. Caro etwa verwechselt Liebe mit Sex. Waltraud hat ein Arrangement mit ihrem Mann und holt sich die Spannung woanders.

HÖRZU: Ein modernes Frauenbild sieht anders aus. Wurde Ihnen das übel genommen?

Uli Brée: Im Gegenteil. Viele Frauen sagten: Das ist genau, was wir denken, aber nicht auszusprechen wagen. Dabei ist jede Täterin und Opfer zugleich. Diese Brüche machen das Ganze erst spannend.

HÖRZU: In Österreich gab es viel Wirbel um die Serie. Hat sie auch in Deutschland das Zeug zum Skandal?

Uli Brée: Das hoffe ich doch sehr!

Autor: Dagmar Weychardt