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Die fröhliche Gruppe aus der Senioren-WG.

Die fröhliche Gruppe aus der Senioren-WG "Op’n Dörp tohuus". - Foto © Arne Weychardt für HÖRZU

Wohnmodell der Zukunft

Senioren-WGs: Gemeinsam statt einsam

Aus der Küche dringt Geschirrklappern. Drei Frauen spülen. Jede Gabel, jeden Löffel, jedes Messer trocknen sie einzeln ab, bis das Besteck glänzt. "Das machen wir zusammen, das geht zack, zack!", sagt Traute Dohrmann. Die Frau mit den glatten grauen Haaren ist eine Frohnatur, die oft Klassiker singt, "Lili Marleen" etwa: "Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, stand eine Laterne und steht sie noch davor ...", trällert Traute gerade. Sie gibt den Ton an, Ella Herzog und Doris Fries ziehen mit. Als die letzte Gabel poliert ist, gehen Traute und Doris nach nebenan ins Wohnzimmer. Nur Ella ist es nicht sauber genug, die Spüle könnte noch geputzt werden. "Die beiden fürchten noch mehr Arbeit", sagt Ella spitzbübisch. Ihr dunkles, rollendes Lachen verrät die langjährige Raucherin.

So ist das WG-Leben eben: In puncto Sauberkeit herrscht niemals Einklang. Aber Streit gibt es deshalb noch lange nicht in der Wohngemeinschaft "Op’n Dörp tohuus" im beschaulichen Borsfleth bei Glückstadt in Schleswig-Holstein. Das Besondere: Es sind nicht junge Leute, die sich Wohnzimmer, Küche und Bad teilen: Hinter der schmucken Backsteinfassade am Elbdeich leben acht hochbetagte Frauen. Eine Oma-WG, die die Reportage "Das Leben!" (siehe TV-Tipp) einfühlsam porträtiert.

Die Bewohnerinnen – die meisten sind über 80 – leiden unter den typischen Krankheiten des Alters: Herzschwäche, Knochenabbau, Demenz. Für sich alleine leben, das konnten oder wollten sie nicht länger. Aber ein Altenheim kam für sie nicht infrage. "Das ist so groß, da wäre ich nur traurig geworden", sagt Ella Herzog (91), die Angst hat vor Krankenhäusern und Heimen. Die Borsflether WG mit den Rosen und den blauen Blumentöpfen im Vorgarten kannte sie von ihren Spaziergängen. Schon öfter war sie hier zu Kaffee, Kuchen und Klönschnack. Die freundliche, familiäre Atmosphäre, die Tiere auf dem Hof gefielen ihr.

Bis vor vier Jahren lebte die ehemalige Verkäuferin bei ihrer Nichte, ihrer einzigen Verwandten. Als ein neuer Mann in deren Leben trat, fühlte sich Ella als fünftes Rad am Wagen. Im November 2006 stand sie dann mit ihrer Handtasche vor der Tür und sagte schlicht: "Ich bleibe." Seitdem wohnt sie "mit", für rund 1400 Euro im Monat. Inklusive Essen, Treppenlift, hauswirtschaftlichem Personal und Nachtwache. Abends schaut Traute Dohrmann (85) öfter in Ellas Zimmer vorbei. Die beiden haben sich angefreundet. Traute schwärmt immer wieder von ihrem ersten Mann, der Musiker in der Kaserne Glückstadt war. Sie lebt mehr in der Vergangenheit als im Jetzt.

Für Ella, Traute, Doris und die anderen Frauen ist die Senioren-WG das letzte Zuhause in ihrem Leben. "Noch mal umziehen, nein, es geht mir hier gut", sagt Ella. "Hier muss niemand mehr ausziehen", erklärt Altenpflegerin Christine Bunge. Die energische, herzliche Frau, die einen ambulanten Pflegedienst in Glückstadt betreibt, hat den maroden Bauernhof gemeinsam mit ihrem Mann Andreas, einem Altenpfleger und Zimmermann, ausgebaut und die WG im Januar 2006 gegründet. "Ich konnte es nicht mehr ertragen, dass viele meiner Kunden im Altenheim schon nach ein paar Monaten verkümmert sind", so Bunge. "Dort haben sie nichts zu tun, niemanden zum Reden, dürfen kein Haustier halten."

Auf dem WG-Hof leben sogar mehr Tiere als Menschen: Kühe, Pferde, Ziegen, ein Esel, Gänse, Hühner und ein Hund. Ella macht ihre tägliche Runde zu Irma. Irma ist ihr Liebling: eine weiße Eselstute. Draußen herrscht "Schietwedder": Wind und Nieselregen. "Da fliegen die Haare weg", witzelt Ella und schiebt ihren Rollwagen langsam voran. Andreas Bunge hat den Esel geholt. Ella streichelt ihn, füttert ihn mit Leckerli, redet ihm gut zu. Dann holt Bunge eine Haflinger-Stute. "Schöne Haare", meint Ella und streicht über die blonde Mähne. Viktoria ist ein Teil von Bunges neuem Projekt: Er will den Kutscher-Schein machen und die WG-Frauen herumfahren. "Wer fährt mit?", fragt Christine Bunge später bei Kaffee und Pflaumenkuchen. Nach etwas Zureden sind fast alle dabei. Traute weiß schon, wohin sie will: "Zur Mole. Da ist viel los."

Wohnen im Alter
■ Die WG "Op’n Dörp tohuus" im Internet: www.seniorenwohngemeinschaft.de, Telefon: 04824/40 01 03.
■ Wohngruppen für Pflegebedürftige bundesweit: www.demenz-wg.de.
■ Infos und Adressen zu alternativen Wohnformen wie betreutes Wohnen oder Mehrgenerationen-Häuser: www.wohnprojekte.de oder www.zukunft-finden.de

Foto Flashbühne © picture-alliance / beyond/beyond foto

Autor: Dagmar Weychardt