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Vor Marcos Elternhaus in Uelzen zünden die Menschen Kerzen an.

Sat.1-Drama "Marco W.": Vor Marcos Elternhaus in Uelzen zünden die Menschen Kerzen an. / Foto: © dpa

Nach einem wahren Fall

Sat.1-Drama "Marco W." - das Schicksal des 17-jährigen Marco Weiss

Der türkische Badeort Side im April 2007: Die Koffer von Familie Weiss sind bereits gepackt für den Rückflug nach Deutschland, als die örtliche Polizei im Hotel auftaucht: Sohn Marco soll in der Nacht zuvor eine 13-jährige Engländerin sexuell missbraucht haben. Statt zum Flughafen geht es für ihn ins Gefängnis. Ein Missverständnis – da ist sich die Familie sicher. Was der 17-Jährige in diesem Moment noch nicht ahnen kann: Er wird in der Türkei für acht Monate hinter Gittern bleiben.

Damals sorgte der Fall Marco Weiss für Schlagzeilen. Jetzt erzählt ein Spielfilm, was vor vier Jahren in der Türkei geschah. "Marco W.
– 247 Tage im türkischen Gefängnis“ (Dienstag, 22.3., 20.15 Uhr, Sat.1)
zeigt eindrucksvoll, welche Qualen Marco (Vladimir Burlakov) im Gefängnis erleidet und wie verzweifelt seine Eltern (Veronica Ferres und Herbert Knaup) um seine Freiheit kämpfen.

Treibende Kraft bei der Verfilmung (Regie: Oliver Dommenget) waren die Produzenten Michael und Ica Souvignier von der Firma Zeitsprung. "Ab dem ersten Zeitungsartikel", erinnert sich Michael Souvignier gegenüber HÖRZU, "wussten wir: Das ist ein Filmstoff. Gerade machst du noch Urlaub, plötzlich sitzt du als Teenager in einer Zelle mit 36 Schwerverbrechern!"

Mit Filmen nach wahren Begebenheiten kennen sich die Souvigniers aus. Sie haben bereits preisgekrönte Mehrteiler wie "Contergan" und "Das Wunder von Lengede" produziert.

Bei "Marco W." lag der Fall etwas anders. Souvignier: "Solche Filme müssen meist stark dramatisiert werden. Marcos Fall aber hat einfach alles. Mit keinem unserer Filme waren wir so nah an der Wirklichkeit wie hier."

Wer könnte das besser beurteilen als Marco Weiss selbst? Der Film basiert auf seinem Buch über die Haft. Mit dem Film ist er sehr zufrieden. Aufgefallen ist ihm, dass einige Ereignisse entschärft wurden – Zugeständnis an den Sendeplatz 20.15 Uhr. "Die Gewaltszenen sind eher verharmlost", sagt der heute 21-Jährige. "Leider gab es viel mehr bedrohliche Situationen." Doch auch so enthält der Film ausreichend Sequenzen, in denen Marco von Drogenabhängigen und Mördern drangsaliert wird.

Wettbieten um TV-Rechte

Erst nach acht Monaten kommt Marco Weiss Ende 2007 aus der Untersuchungshaft frei und kehrt nach Deutschland zurück. Zwei Jahre später das Urteil des türkischen Gerichts: 27 Monate auf Bewährung wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes. Diese Vorstrafe war ein Grund für Souvignier, nicht an Originalorten zu drehen, sondern auf der Insel Malta. "Uns war wichtig, dass Marco beim Dreh dabei war", so der Produzent. "Das wäre in der Türkei nicht möglich gewesen."

Auch Marcos Eltern besuchten eine Woche lang die Dreharbeiten. Selbst für einen Routinier wie Veronica Ferres eine besondere Situation. "Lebende Personen charakterlich unverfälscht darzustellen bedeutet eine große Verantwortung", sagt sie. "Deshalb haben wir vieles mit ihnen abgestimmt und einzelne Szenen durchgesprochen."

Der Einfluss der Familie ist spürbar. Wer eine objektive Aufarbeitung des Falles erwartet, dürfte vom Film enttäuscht sein. Konsequent erzählt er aus der Perspektive der Familie – für Souvignier ein Muss. "Der Film ist hochemotional", erklärt der Produzent. "Nur so wird der Zuschauer von einem Fall gepackt, dessen Ende er ja kennt."

Als sich Marco und die Engländerin im Film näherkommen, zieht sich die Kamera aber zurück. Trotzdem lässt das TV-Drama keinen Zweifel daran, dass alles im gegenseitigen Einverständnis stattgefunden haben muss. Unter Deutschlands Produzenten war der Fall Marco W. heiß begehrt. "Familie Weiss hat bei uns alle unsere bisherigen Filme angefordert", sagt Souvignier. "Was mich freut: Sie entschieden sich für uns, obwohl andere mehr Geld geboten haben."

Für Marco ist der Film wohl auch Aufarbeitung. Er kämpft weiter um sein Recht in der Türkei, die Revision läuft. Doch selbst wenn sie mit dem erhofften Freispruch endet, ist ihm eines klar: "Es wird nie wieder so sein, wie es einmal war."

Autor: Michael Tokarski / Dirk Oetjen