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Rüdiger Nehberg kämpft für die Abschaffung der Genitalverstümmelung.

Rüdiger Nehberg kämpft für die Abschaffung der Genitalverstümmelung. - Foto: © ProSieben

Jeder Tag ein Abenteuer

Rüdiger Nehberg wird 75

Die ehemalige Mühle bei Hamburg ist ein Wunderland für sich: In einem Terrarium lauert eine Vogelspinne, im Einweckglas schwimmt die Larve einer Dasselfliege, an den Wänden erzählen Krummdolche, Messer und Affenschädel von einem aufregenden Leben. Zum Kaffee gibt’s Kekse aus dem Supermarkt – sein früheres Leben als Bäcker hat Nehberg abgeschlossen. Mit HÖRZU sprach "Sir Vival" über seine größten Abenteuer und seine Ziele.

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Buchtipp: "Sir Vival blickt zurück" - Rüdiger Nehberg über vergangene und neue Abenteuer. Malik Verlag, 208 Seiten, 19,95 Euro

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HÖRZU: Sie sind allein durch den Dschungel marschiert, überquerten im Tretboot den Atlantik. Was trauen Sie sich körperlich mit 75 noch zu?

Rüdiger Nehberg: Den Blauen Nil in Äthiopien könnte ich höchstens noch als Gepäckstück bereisen. Ich trage Hörgeräte, habe ein künstliches Kniegelenk, muss Herztabletten nehmen.

HÖRZU: "Sir Vival" endlich im Schaukelstuhl?

Rüdiger Nehberg: Nein! Ich habe mehr Pläne als Rest-Lebenszeit. Das Einzige, was ich mir heute gönne, ist eine halbe Stunde Mittagsschlaf.

HÖRZU: In Ihren Memoiren berichten Sie von kühnen Abenteuern. Wie oft waren Sie in Todesgefahr?

Rüdiger Nehberg: Bis heute verfolgt mich ein Drama am Blauen Nil, das 40 Jahre zurückliegt: Mein Freund Michael wurde hinterrücks von Banditen erschossen. Wir sind dann mit dem Boot geflüchtet, wissend, die verfolgen uns, die wollen Zeugen beseitigen. Fünf Tage haben wir unter höchster Anspannung ohne Pause gepaddelt. Ich hatte Todesangst. Die Kugeln hätten jeden von uns treffen können.

HÖRZU: Wie riskant war Ihr Trip durch den brasilianischen Regenwald?

Rüdiger Nehberg: Ein Hubschrauber hat mich mittendrin abgesetzt. Dann bin ich los, nur in Badehose und Turnschuhen. Nach zwei Stunden habe ich einen Bach gefunden und wusste: Ich bin gerettet, denn alle Flüsse fließen in den Amazonas. Aus dicken Schilfrohren und Lianen habe ich ein Floß gebastelt, habe mich treiben lassen, bis ich nach drei Wochen auf ein Indianerdorf stieß.

HÖRZU: Wovon haben Sie sich ernährt?

Rüdiger Nehberg: Überwiegend von den Nüssen der Stachelpalme. Anfangs fand ich frische, später nur noch verfaulte. Da waren dicke Engerlinge drin. Die schmeckten süßlich, cremig. Wie Kokospudding.

HÖRZU: Wie ertrugen Sie das Alleinsein?

Rüdiger Nehberg: Bei meinen Expeditionen hatte ich meist meine Mundharmonika dabei, spielte Volkslieder oder Gospels wie "Amazing Grace". Die Musik signalisiert den Ureinwohnern: Hier schleicht sich kein Feind an, hier kommt ein Freund. Wer Krach macht, ist harmlos.

HÖRZU: Trotzdem hatten Sie im Dschungel Brasiliens eine Begegnung, die tödlich hätte enden können.

Rüdiger Nehberg: Ja, denn nachts näherte sich ein Jaguar meinem Lager. Ich kletterte schnell auf einen Baum und sah zu, wie das Tier meine Fleischvorräte fraß. Dabei machte ich Fotos. Die ganze Nacht musste ich auf dem Baum verbringen, weil der Jaguar sich schlafen legte. Als ich die Fotos später zum Entwickeln brachte, stellte sich heraus: Es war nicht nur eine Raubkatze, es waren zwei. Wie so oft war ich meinem Schutzengel dankbar: Hätten die Tiere Witterung aufgenommen, hätten sie mich auch auf dem Baum erwischt.

HÖRZU: Längst ist aus dem Abenteurer Nehberg ein Menschenrechtler geworden. 20 Jahre haben Sie für die Yanomami-Indianer in Brasilien gekämpft. Mit Erfolg?

Rüdiger Nehberg: Heute sind die Lebensrechte dieses Indianerstammes durch das Gesetz geschützt.

HÖRZU: Seit zehn Jahren engagieren Sie sich zusammen mit Ihrer Frau Annette in Afrika gegen den barbarischen Brauch der Genitalverstümmelung bei jungen Mädchen. Was kann ein Einzelner dagegen tun?

Rüdiger Nehberg: Wir versuchen, hohe islamische Würdenträger auf unsere Seite zu bringen, sie zu überzeugen, dass diese "Tradition" Sünde ist und keinesfalls vom Koran vorgeschrieben.

HÖRZU: Gelingt das?

Rüdiger Nehberg: In Kairo initiierten wir eine Konferenz, auf der hohe Imame den Brauch als Verbrechen gegen den Islam verurteilten. Nun lassen wir "Goldene Bücher" verteilen, in denen ihre Aussagen belegt werden. Mein Traum: Der saudische König verkündet in Mekka vor Tausenden von Gläubigen, dass Beschneidung gegen die Ethik des Islams verstößt. Daran arbeiten
wir.

Autor: Angela Meyer-Barg