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Pflegemutter Elisabeth Schwarzkopf

Pflegemutter Elisabeth Schwarzkopf gibt jungen Menschen ein neues Zuhause ("Lebenslinien - Die Kinder meines Lebens": Porträt über Pflegemutter Elisabeth Schwarzkopf; 10.10.2011, Bayern, 21:45 Uhr). - Fotos © BR

Lebenslinien

Porträt über eine Pflegemutter

Es ist kurz nach halb zehn, als das Telefon klingelt. Draußen ist es dunkel. Elisabeth Schwarzkopf macht den Fernseher leise. "Ja, bitte?" Das Jugendamt ist dran. Sie hört zu, nickt immer wieder mit ernstem Blick. "Gut, das machen wir", sagt sie. Gerade hat die 59-Jährige erfahren, dass ein Mädchen zur Polizei gelaufen ist und nicht zurück zu den Eltern will – sie braucht eine Bleibe für die Nacht, vielleicht sogar ein neues Zuhause.

Elisabeth Schwarzkopf legt den Hörer auf, steigt in den ersten Stock des Bauernhauses, bezieht ein Bett. Eine fast alltägliche Situation in Deutschland: 10.000 Kinder ziehen pro Jahr zu einer Pflegefamilie. Jede Ersatz-Mutter hat eine eigene Geschichte, die sie motiviert, ein fremdes Kind aufzunehmen. HÖRZU erzählt die von Elisabeth Schwarzkopf (siehe auch TV-Tipp rechts).

"Das Mädchen, das an dem Abend zu uns gekommen ist, blieb tatsächlich nur für eine Nacht und ist dann doch zu ihren Eltern zurückgekehrt", sagt Elisabeth Schwarzkopf. Insgesamt nehmen Jugendämter jedes Jahr etwa 57.000 Kinder für eine gewisse Zeit in Obhut. Ravi (9), Sven (15), Benjamin (15) und Rebecca (17) sind bei Familie Schwarzkopf geblieben. Ravi zog mit zwei Jahren ein, Sven mit neun, Benjamin und Rebecca waren elf. Der gelbe Bauernhof der Schwarzkopfs im baden-württembergischen Bad Waldsee ist seit 1986 ein Zufluchtsort für Kinder aus schwierigen Verhältnissen.

In all den Jahren haben 35 Mädchen und Jungen hier eine bessere Zukunft geschenkt bekommen. "Jedes Kind hat seine eigene Geschichte", sagt Elisabeth Schwarzkopf. "Ich möchte gar nicht so genau wissen, was sie erlebt haben, weil ich mir mein eigenes Bild machen will." Das Jugendamt informiert Elisabeth Schwarzkopf vorab über den Gesundheitszustand und andere Besonderheiten, Details kennt sie aber nicht. Die leiblichen Eltern sind überfordert, vernachlässigen ihre Kinder, manche Jungen und Mädchen haben auch Gewalt erlebt. Die Pflegekinder, die heute bei Elisabeth Schwarzkopf und ihrem Mann Michael (62) leben, haben Kontakt zu den leiblichen Eltern. "Trotzdem passiert es, dass die Kinder mich 'Mama' nennen. Das ist etwas, was den Müttern sehr wehtut, wenn sie das erleben", sagt Elisabeth Schwarzkopf und bittet dann: "Sagt einfach Elisabeth zu mir!"

Wie kam es, dass ihr Haus zu einem Hort der Geborgenheit wurde? "Kinder waren immer mein Leben", erzählt die Pflegemutter. In den 70er-Jahren machte sie eine Ausbildung zur Erzieherin. Von einer großen Familie hatte sie schon als junges Mädchen geträumt – und ihr Wunsch schien sich zu erfüllen: 1978 wurde Sohn Florian geboren, ein Jahr später kam Tochter Kathrin zur Welt. "Wir waren sehr glücklich", erzählt Elisabeth Schwarzkopf. Bis der Tag kam, der alles veränderte. Florian machte gerade seine ersten Schritte auf dem Bauernhof – doch nur ein Moment der Unachtsamkeit, und er war plötzlich verschwunden.

Eine Stunde lang suchten Mutter, Vater und Großmutter nach dem Kleinen, getrieben von Hoffnung und Verzweiflung. "Ich werde die Schreie meines Mannes nie vergessen, als er Florian entdeckte. So etwas behält man für immer im Ohr." Der Junge war in einem nur wenige Zentimeter tiefen Bach neben dem Haus ertrunken. "Die Trauer bleibt ein Leben lang", sagt Elisabeth Schwarzkopf. "An Weihnachtsfesten und an jedem Geburtstag fehlt ein Mensch, den man liebt." Ständig rechnet sie, wie alt ihr Sohn jetzt wäre, stellt sich vor, wie er aussähe, wie seine Stimme wohl klingen, wie er reden und lachen würde.

Wie findet man einen Weg, mit dem Tod eines Kindes zu leben? Jeder versucht es auf seine Weise, bemüht sich, irgendwie Normalität in den Alltag zu bringen. "Ich bin wie ein Tiger durchs Haus gelaufen, kam nie zur Ruhe und in der Trauer keinen Schritt vorwärts – bis ich spürte, dass ich etwas für Kinder tun will, die es schwer haben im Leben", sagt Elisabeth Schwarzkopf. Sie informierte sich beim Jugendamt, belegte Kurse in einer Pflegeschule. Ihr Leben nahm wieder Form an. Heute hat sie ihre Pflege und drei leibliche Kinder: Kathrin (32), Benjamin (31) und Lukas (29).

Jeder Tag beginnt um 5.30 Uhr. Frühstück vorbereiten, den Haushalt machen, kochen für bis zu acht Personen – jede Woche gehen 20 Liter Milch, 14 Brote und sieben Kilo Nudeln weg. Dann die Kinder zum Sportverein fahren, Hausaufgaben betreuen, Karten spielen, zuhören, Trost spenden. "Ich brauche diesen Trubel, aber man muss eine starke Psyche haben", gibt sie zu. "Es war nicht immer leicht, besonders, als unsere Kinder in der Pubertät waren. Da kam auch Eifersucht auf."

Aber die Schwarzkopfs haben zusammengehalten – und die Familie ist ständig gewachsen. Elisabeth Schwarzkopf lächelt nur, wenn sie hört, dass für einige Pflegeeltern das Geld – 800 Euro im Monat pro Pflegekind – ein Anreiz sein soll. "Es kann nur Herzenssache sein, weil es viel Kraft kostet", sagt sie. "Kürzlich hatten wir Überraschungsbesuch: Ein früherer Pflegesohn stellte uns seine Freundin vor. So etwas rührt mich."

Wenn Elisabeth Schwarzkopf abends ins Bett geht und die Nachttischlampe ausknipst, kann sie nie sagen, wer am nächsten Tag vor der Tür steht. Ihr Leben ist voller Überraschungen. Es gab Jahre, in denen sie nicht mehr daran glaubte, dass es jemals wieder so sein könnte.


Einsatz für Kinder: Hier können Sie sich engagieren
Patenschaften Aktiv e.V.
Der Verein vermittelt ehrenamtliche Leihomas und -opas oder Lernpaten in ganz Deutschland. Patenschaften Aktiv e. V., Ungererstr. 19, 80802 München, Tel. 089/42 09 51 60 71, www.patenschaften-aktiv.de
Vorleseclub
Etwa 9000 Ehrenamtliche fördern durch ihr Engagement die Lesekultur in den Kindergärten und den Grundschulen Deutschlands. Stiftung Lesen, Römerwall 40, 55131 Mainz, Tel. 06131/28 89 00, www.dervorleseclub.de
Wellcome
Wertvolle Unterstützung für junge Mütter in den ersten Wochen nach der Geburt. Frauen helfen den Familien ehrenamtlich im Haushalt, beraten beim Umgang mit den Kindern oder passen auf die Kleinen auf. Wellcome, Hoheluftchaussee 95, 20253 Hamburg, Tel. 040/226 22 97 20, www.wellcome-online.de

Autor: Mirja Rumpf