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Oskar Roehler spricht über seine Kindheit in den 60ern

Ein Kinder der 60er: Regisseur Oskar Roehler. - Foto: Sean Gallup/Getty Images

Im TV: "Quellen des Lebens"

Oskar Roehlers wilde Kindheit

Zwischen Spießertum und Rebellion: Regisseur Oskar Roehler spricht zum TV-Start seines autobiografischen Films "Quellen des Lebens" über seine Kindheit in den 60ern.

Sein Opa brachte es in den 50er-Jahren mit der Produktion von Gartenzwergen zu bescheidenem Wohlstand. Doch ausgegeben wurde nur das Nötigste. "Es war sehr puritanisch. Ich besaß das eine karierte Hemd, Lederhosen, eine lange Unterhose und Schuhe, hart wie Holzpantinen", erzählt Oskar Roehler. Das kratzige Zeug gehört zu seinen frühen Kindheitserinnerungen, es hat ihn geprägt. Hochwertige Kleidung sei ihm heute immens wichtig. "Dazu stehe ich", sagt der Regisseur und Autor, dessen autobiografischer Kinofilm "Quellen des Lebens" (mit Lavinia Wilson und Moritz Bleibtreu) jetzt ins Fernsehen kommt.


TV-Tipp

Sa., 19.7., "Quellen des Lebens", autobiografischer Film von Oskar Roehler nach seinem Buch "Herkunft", Das Erste, 20.15 Uhr, (s. auch TV-Tipp rechts)


Es ist eine saftige, tragikomische Schilderung seiner verqueren Familiengeschichte von der Nachkriegszeit bis zu den 80er-Jahren. Und der zweite Film, der eng an sein persönliches Schicksal anknüpft: In "Die Unberührbare" dramatisierte Roehler 2000 die letzten Lebensjahre seiner Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, und heimste dafür viele Preise ein.

Es wurde gesoffen und geraucht

"Die Rebellion meiner Eltern war schon Ende der 50er-Jahre sehr ausgeprägt", sagt Roehler. Vater Klaus gehört seit 1955 zu den Schriftstellern der Gruppe 47, die sich treffen, um die Werke junger Autoren zu diskutieren. Einmal ist ein gewisser Günter Grass eingeladen, der seinen neuen Roman "Die Blechtrommel" vorstellt. Die Hauptfigur des Buches heißt: Oskar Matzerath. Klaus Roehler, als Schriftsteller selbst nur mäßig talentiert, lektoriert das Werk und empfindet so seinen Anteil am Welterfolg. Als kurz darauf sein Sohn geboren wird, steht Grass quasi Pate, der Junge erhält den Namen Oskar. Doch Mutter Gisela, ebenso kultiviert wie kapriziös, tut sich schwer mit mütterlichen Gefühlen. Der Sohn ist erst vier, als sie die Familie verlässt.

Oskar Roehler als Kind
Kindheit in ländlicher Idylle. - Foto: WDR/X Filme Creative Pool GmbH

Uwe Johnson tanzte auf dem Tisch

Fortan wird er zwischen den Großeltern hin- und hergereicht oder wächst beim Vater auf. Begegnungen mit Großschriftstellern ziehen sich wie ein roter Faden durch Oskars Jugend: mal ist es Grass, öfter Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson. Roehler erinnert sich gut an "den eindringlichen Blick von Grass. Er kam immer mittags und hatte diese Eigenart, ganz leise zu sprechen, sodass man sich zu ihm hinbeugen musste." Abends wird gefeiert, da flippen
selbst Intellektuelle wie Johnson aus:"Der hat mit der Socke im Mund auf dem Tisch getanzt. Es wurde ja unheimlich viel gesoffen und geraucht."

Generell jedoch "war die Zeit von einem erstaunlichen Ernst geprägt. Es gab so unglaublich feste Prinzipien. Das war bei den 68er-Diskussionen genauso wie bei den gleichen heiligen Ernst praktizierte man die freie Liebe." Obwohl die Menschen endlich Geld verdienten, hemmte die Erinnerung an frühere Not und Schuld allzu großen Übermut. "Am besten blieb alles schön überschaubar. Man zeigte Gemeinschaftssinn, nur ausscheren durfte keiner."

Während Mutter Gisela sich zur radikalen Feministin entwickelt, bleibt der Vater im Kreis der Gruppe 47. Seine Dichterfreunde sonnen sich im Glanz ihrer Überlegenheit. Es kommt vor, dass Studentenführer Rudi Dutschke auftaucht, um sich Rat für seine Reden zu holen. "Beide stammten aus demselben Kaff, und mein Vater sah sich als Beichtvater und Beschützer", erläutert Roehler. Enzensberger wiederum ist mit Dutschkes engstem Berater Salvatore befreundet: "Die kamen beide aus besseren Kreisen."

Kohlrouladen von Gudrun Ensslin

Bevor sie mit der RAF in den Untergrund geht, wohnt auch Gudrun Ensslin kurz bei ihnen. Dann kocht sie für den jungen Oskar Kohlrouladen. Demonstrieren wird zur gesellschaftlichen Gepflogenheit: "Mein Vater kaufte sich extra dafür einen Trenchcoat." Ansonsten hält man nicht viel von dem "Studentenquatsch", politischen Einfluss sucht man über die etablierten Parteien, etwa über die SPD und Willy Brandt. Dass gegen Ende der 60er-Jahre alles so aus dem Ruder läuft, tangiert den Teenager Oskar Roehler wenig. Er ist mit seiner ganz privaten Rebellion beschäftigt, genauer seinen Haaren, die er sehr lang wachsen lässt.

Autor: Sabine Goertz-Ulrich