HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Arte-Dokumentation Natalie Der Klang nach der Stille

Natalie ließ sich mit 31 Jahren ein Cochlea-Implantat einsetzen und kann wieder hören. - Foto: © HR/Johannes Jacobi

Arte-Dokumentation

"Natalie – Der Klang nach der Stille"

Ein Wunder der Medizin: Dank eines Cochlea-Implantats kann Natalie heute hören. Ein Filmteam hat sie für die Arte-Dokumentation "Natalie – Der Klang nach der Stille" vor, während und nach ihrer Ohr-OP begleitet.

Die Geschichte von Natalie ist eine dieser besonderen Geschichten, für die man sich Zeit nehmen sollte. Sie zeigt uns, welche Kraft im Optimismus steckt. Und wie wichtig es ist, im Leben dann und wann innezuhalten, um dankbar zu sein für Dinge, die uns im Alltag selbstverständlich scheinen. Natalie war seit frühester Kindheit taub. Mit 31 Jahren aber entschloss sie sich, ihre Welt der Stille zu verlassen – und ließ sich ein Cochlea-Implantat einsetzen.

Filmemacherin Simone Jung hat sie für die Arte-Dokumentation "Natalie – Der Klang nach der Stille" auf diesem Weg begleitet (siehe TV-Tipp rechts).

Ist das eine Tür, die ins Schloss fällt? Oder ein Glas, das zerspringt? Sind das die eigenen Schritte oder die eines Freundes? Natalie hätte das nie unterscheiden können. Schon als Kleinkind verlor sie den Hörsinn – ob durch ein Virus bei der Geburt oder eine Mumpserkrankung im ersten Lebensjahr, ist unklar.

In der schwierigen Zeit danach wurde ihre Mutter zu ihrer wichtigsten Stütze, zur Mutmacherin, Motivatorin, zur Trainerin. Beide ahnten damals nicht, dass sie nur sechs gemeinsame Jahre haben sollten – Natalies Mutter starb an Krebs. "Sie ist der Mensch, der mir auf meinem Weg am meisten Kraft gegeben hat – bis heute", sagt die 35-Jährige. "Ihr war unglaublich wichtig, dass ich in der Gesellschaft gut zurechtkomme." Immer glaubte sie an ihre Tochter, immer kämpfte sie dafür, dass Natalie sprechen lernte, reiste mit ihr sogar zu Kursen bis in die Schweiz.

Lippenlesen

Unter tauben Kindern ist Sprechen eine seltene Gabe. Um sie zu erringen, musste Natalie schon im Alter von eineinhalb Jahren mit einem harten Training beginnen. Was ihre Mitmenschen sagten, lernte sie von den Lippen abzulesen. So konnte sie kommunizieren, schließlich sogar studieren. Heute arbeitet sie als freie Architektin in Frankfurt am Main.

Wer sich mit Natalie unterhielt, konnte nicht sofort erkennen, dass sie taub war. Viele vermuteten einen kleinen Sprachfehler, weil die Sätze etwas abgehackt klangen. Kaum einer ahnte, wie sich die blonde Frau in solchen Situationen fühlte: ein wenig verloren im Niemandsland – mit dem Wissen der Hörenden verbannt in eine gehörlose Welt.

Im Sommer 2007 packte Natalie dann die Sehnsucht: "Ich wollte die Stimme meines Freundes Johannes hören, Vogelgezwitscher und Kinderlachen", sagt sie. "Mit einem Mal war mir klar: Ich will die Operation wagen."

Hörprothese Cochlea-Implantat

Das Cochlea-Implantat, das während einer vierstündigen Operation hinter ihrem Ohr auf ihren Schädelknochen gesetzt wurde, ist eine Hörprothese für Menschen, bei denen zumindest noch der Hörnerv funktioniert. Aus Sicht der Ärzte ist es nur für taube Patienten sinnvoll, die sprechen können. Alle anderen müssten nach der OP gleich zwei Dinge von Grund auf neu lernen: zu hören und sich zu artikulieren. Eine zu große Herausforderung.

"Selbst für mich war es eine Reise ins Ungewisse", sagt Natalie. "Ich wusste nicht, wie es werden würde. Mir war nur klar: Es wird anstrengend! Ich war recht entspannt – aber ebenso gespannt, wie die Welt klingen würde. Es bedeutete aber auch, Abschied zu nehmen von etwas, das in unserer Zeit kostbar ist, weil viele Orte so schrill und laut sind: Abschied von der Stille."

Auf sehr sensible Art macht die Arte-Doku nachvollziehbar, was es bedeutet, taub zu sein und neu hören zu lernen. Filmemacherin Simone Jung konfrontiert die Zuschauer mit langen Phasen absoluter Stille – und plötzlich hereinbrechenden Tönen.

Als Natalie nach der Operation erwachte, hatte sie so gut wie keine Schmerzen. Doch keiner konnte ihr sagen, ob der Einsatz von Erfolg gekrönt war. Vier Wochen später dann der entscheidende Moment, als das Implantat eingeschaltet wurde. "Es war sehr unangenehm: wie ein Stromschlag im Gehirn, sodass einem schwindelig wird", berichtet Natalie. "Und es war frustrierend, denn ich konnte mit den Geräuschen, die nun in mein Ohr drangen, zuerst wenig anfangen. Ich hörte einfach nur Krach." Für sie klang "eins, zwei, drei" zunächst wie "ei, ei, ei". "An manchen Tagen bekam ich immer wieder Wutanfälle."

Sprech- und Hörunterricht

Wer ein Cochlea-Implantat hat, muss lernen, Geräusche zu unterscheiden, etwa die eines Rollkoffers auf der Straße von denen eines Hubschraubers am Himmel. Nach zwei bis drei Monaten begann es, besser zu werden.

"Heute, vier Jahre später, kann ich schon sagen: Ich habe extrem gewonnen. Ich kann mit meiner Familie und Freunden telefonieren und in meinem Beruf viel besser kommunizieren. Im Radio höre ich die Wettervorhersage und weiß, ob es regnen wird. Und wenn mein Freund Johannes und ich in der Küche beim Kochen nebeneinander stehen, kann ich ihn recht gut verstehen, ohne ihm auf die Lippen schauen zu müssen."

Welches Wort sie am liebsten hört? Die Antwort dauert keine Sekunde: "Mama." Drei Jahre nach der Operation kam ihre Tochter Aurelia zur Welt. "Wenn sie Mama sagt, geht mir das Herz auf. Aber wenn sie schrill schreit, kann es schon mal passieren, dass ich das Implantat einfach abschalte."

Dann ist es mucksmäuschenstill. Genauso wie nachts. "In den ersten Monaten nach der Operation hatte ich dann plötzlich das Gefühl, mein Körper würde wie ein PC herunterfahren – das war schon etwas unheimlich. Doch nach zwei, drei Monaten war das abendliche Abschalten die pure Entspannung, es wirkte wie eine Schlaftablette. Die nächtliche Stille war kostbar."

Noch immer geht die 35-Jährige jede Woche zum Sprech- und Hörunterricht, vermutlich auch im nächsten Jahr, denn noch immer macht sie Fortschritte. Sie weiß, wie sehr sich all die Mühen lohnen: "Es ist ein Geschenk, sich nicht mehr ausgeschlossen zu fühlen, mehr Selbstständigkeit und Selbstsicherheit zu gewinnen."

Natalie genießt ihr neues Leben – und hat bereits ein neues Ziel: Noch in diesem Jahr will sie Gesangsunterricht nehmen.

Hören mit dem Cochlea-Implantat

Der Clou des Cochlea-Implantats: Bei der Weiterleitung der Hörimpulse umgeht es das geschädigte Innenohr. So funktioniert die Hörprothese:

1. Ein Mikrofon, das hinter Ohr sitzt, nimmt die Schallwellen aus der Umgebung auf und leitet sie an einen Minicomputer weiter, den sogenannten Sound-Prozessor.

2. Der Sound-Prozessor verarbeitet die Schallwellen und wandelt sie in digitale Informationen um.

3. Ein Sender auf der Kopfhaut leitet die digitalen Daten weiter an das Cochlea-Implantat.

4.Im Cochlea-Implantat, das hinter dem Ohr unter der Kopfhaut auf dem Schädelknochen sitzt, werden die digitalen Daten in elektrische Impulse umgewandelt und an eine Elektrode geleitet, die bis in die Hörschnecke des Innenohrs reicht.

5. Die Elektrode berührt die Fasern des Hörnervs und kann sie so stimulieren. Der Hörnerv sendet diesen "Höreindruck" weiter an das Gehirn.

Für Blinde gibt es ebenfalls Hoffnung: Einem Forscherteam der Universität Tübingen gelang vor zwei Jahren eine medizinische Sensation: Mehreren Patienten wurden Sehchips eingesetzt, mit denen sie Buchstaben lesen und Gegenstände erkennen können.

Im Bereich des Tastsinns wurden bislang allerdings keine vergleichbaren Erfolge erzielt, ebenso wenig beim Riechepithel in der Nase oder bei den Geschmackszellen auf der Zunge.

Autor: Mirja Halbig