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Syrisches Fluechtlingskind

Die dreijährige Limar in einem Flüchtlingscamp im Libanon.
Foto: © picture alliance / empics

"Diese Schicksale erschüttern mich zutiefst."

Natalia Wörner hilft syrischen Flüchtlingskindern

Heimat ist da, wo wir herkommen, und da, wo wir ankommen.

Ein hochaktueller Begriff, um den sich auch die ARD-Themenwoche dreht. Als Patin dieses TV-Events und Botschafterin der Kindernothilfe fuhr Schauspielerin Natalia Wörner vier Tage in den Libanon und besuchte syrische Flüchtlingsfamilien.


Flüchtlingskrise aktuell: alle TV-Sendungen zum Thema. Eine Infografik erklärt in Zahlen woher die Flüchtlinge kommen und welche Länder sie aufnehmen.


Lesen Sie hier exklusiv Natalia Wörners Reisetagebuch:

Noch vor meiner Abreise habe ich in Berlin Aida kennengelernt. Das sechsjährige Flüchtlingsmädchen hat mit ihren Eltern den unfassbar weiten Weg von Syrien über Mazedonien, Ungarn und Österreich nach Deutschland hinter sich gebracht - fast 4.000 Kilometer.

Wie furchtbar und hoffnungslos muss es für so einen kleinen Menschen sein, seine Heimat und seine Freunde zu verlassen? Und ist die Familie jetzt wirklich in Sicherheit? Die Stimmung in Berlin scheint friedlich, doch ich kann mein Bauchgefühl nicht verdrängen: Die Sorge, dass sie kippen könnte, lässt mich nicht in Ruhe.

Mit diesen Gedanken starte ich meine Reise mit der Kindernothilfe in den Libanon. Werde ich in den nächsten vier Tagen verstehen, was Aida erlebt hat? Vielleicht Freunde und Verwandte von ihr treffen, die aus Furcht vor dem gefährlichen Weg nach Deutschland ins Nachbarland Libanon geflüchtet sind - wie nahezu zwei Millionen Syrer, Frauen, Männer, Kinder? Sie alle finden in diesem winzigen Land mit gerade einmal sechs Millionen Einwohnern Zuflucht vor Tod, Bomben und
Gasangriffen.

Nach einem vierstündigen Flug sind wir mitten in dieser Welt. Von Beirut aus geht es mit dem Auto ins Choufgebirge und auf 1.200 Meter Höhe über die waghalsig schmalen Wege des Libanongebirges. Wäre dieser Landstrich eine Musik, wäre ihr Ton melancholisch leise. Es ist grau, die Natur karg, die Menschen leben in Häusern, die sich noch im Rohbau befinden, viele ohne Elektrizität und fließend Wasser.

Unsere erste Anlaufstelle ist das Kinderschutzzentrum der Kindernothilfe in Boqaata. Hier werden gerade 120 Mädchen und Jungen auf den Schulalltag vorbereitet. Mit viel Geduld versuchen Sozialarbeiter und Psychologen, sie aus ihrer Schockstarre zu lösen, ihnen Raum für Gefühle zu geben und Wege, Erlebtes auszudrücken: durch Malen, Spielen oder auch Tränen. Wegen Krieg und Flucht konnten sie monatelang weder spielen noch lernen.

Familien in Not

Schnell fällt mir die kleine Chalim auf. Sie ist fünf Jahre, lacht nicht, spricht nicht - fast wirkt sie apathisch. Ich habe noch nie ein Kind erlebt, das so weit entrückt scheint von unserer Welt. Ich bin geschockt. Im Lauf der Zeit gewinnt sie Vertrauen zu mir. Irgendwann, als sie sich sicher fühlt, beginnt sie, sich auf meinem Arm zu entspannen. In dem Moment fängt ihr zarter Körper an, heftig zu zucken. Ihre braunen Augen blicken immer noch verängstigt.

Ich möchte wissen, was sie gesehen haben. Wir besuchen Chalim "zu Hause" - auf einer Baustelle, wo sie mit ihren Eltern und zehn Geschwistern haust. Vater und Mutter sind nicht da. Er arbeitet, sie organisiert Lebensmittel von dem wenigen Geld, das sie monatlich vom Welternährungsprogramm erhalten: 12,50 US-Dollar pro Person - etwa elf Euro. Chalims ältere Schwestern erzählen vom Bombenterror in den Golanhöhen, von Flucht und Angst. Sie haben mehr Gewalt gesehen und erlebt, als eine Kinderseele erträgt.

Später treffe ich Hamoudi. Der Junge ist erst zwei, durch einen Giftgasanschlag in Syrien allerdings chronisch lungenkrank. Zu zehnt lebt seine Familie in einem zugigen Rohbau ohne Fensterscheiben.

Unfassbar, welches Geschäft aus der Not geschlagen wird: Die Familie zahlt 200 US-Dollar Miete - etwa 175 Euro. Ohne die Kindernothilfe könnte keines der Kinder zur Schule, denn pro Jahr und Kopf beträgt das Schulgeld umgerechnet 530 Euro! Für die meisten viel zu viel, auch für die Familie der kleinen Chalim.

Wie sehr das Schulprojekt den Kindern den Weg Richtung Zukunft weist, wird mir klar, als ich sechs syrische Mädchen und Jungen treffe, die alle zwischen zehn und zwölf Jahre alt sind. Bis vor einem halben Jahr kamen sie noch täglich in das Kindesschutzzentrum. Im Frühjahr haben sie dann den Sprung in die staatliche Schule geschafft.

Heute wollen sie mir die Bilder zeigen, die sie damals gemalt haben, als die Erinnerungen noch frisch und sie erst ein paar Wochen hier waren. Zusammen mit Psychologin Nadia Rabah erklärt mir der zwölfjährige Halim seine Zeichnung. Ich sehe Soldaten mit Maschinengewehren, davor ein kleines Mädchen.

Halims Geschichte sprudelt einfach so aus ihm heraus. Es ist seine Geschichte, und sie erschüttert mich zutiefst. Es schnürt mir die Kehle zu, als ich höre, dass der kleine Kerl vor mir miterlebt hat, wie seine Schwester von Soldaten erschossen wurde, daheim in Syrien. Bis heute fühlt er sich verantwortlich für den Tod, meint, er hätte ihr doch helfen müssen.

"Es dauert lang, bis die Kinder Vertrauen fassen und mit uns über ihre Sorgen und Ängste sprechen", sagt Nadia Rabah. "Noch länger braucht es, bis sie wieder Blumen oder lachende Gesichter malen können." Langsam verstehe ich, was dieser Krieg mit den Kindern macht.

Autor: Natalia Wörner