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Nackt unter Woelfen Das Erste

Für den Film "Nackt unter Wölfen" wurde das KZ Buchenwald
vor den Toren Prags nachgebaut. - Foto: © MDR/Mario Gentzel

Erschütterndes TV-Drama

"Nackt unter Wölfen" im TV

"Nackt unter Wölfen": Ein Junge wird für Häftlinge im KZ Buchenwald zum Risiko – und weckt ihre Menschlichkeit.

Stunde um Stunde rücken die Amerikaner näher. Ende März 1945 ist es nur noch eine Frage von wenigen Tagen, bis sie das Konzentrationslager Buchenwald erreichen werden. Für die Häftlinge eine tödliche Bedrohung, denn die Nazis wollen die Gefangenen evakuieren und auf Todesmärsche schicken.

Als Gefangene in der Effektenkammer einen Dreijährigen entdecken, wird das für sie zur Zerreißprobe: Sollten die Nazis den Jungen finden, brächte das allen Mitwissern den Tod. Das Kind, das ein Freund des Vaters ins Lager geschmuggelt hat, wird zum Symbol für Solidarität und Menschlichkeit. Als die Nazis von dem versteckten Knaben erfahren, machen sie Jagd auf ihn und seine Beschützer, foltern Häftlinge, damit diese das Versteck preisgeben.

Aufarbeitung dunkler Kapitel

Der Film "Nackt unter Wölfen" (1.4., 20.15 Uhr, Das Erste, s. auch TV-Tipps rechts und im TV-Programm) erspart dem Zuschauer nichts: Er zeigt ungeschönt die Qualen der Lagerinsassen und macht den Horror im KZ Buchenwald deutlich sicht- und fassbar. "Wir gehen sicher an Grenzen beim Publikum", sagt Produzent Nico Hofmann. "Aber der Film ist nur in dieser Radikalität möglich."

Nach "Unsere Mütter, unsere Väter" liefert er einen weiteren wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dunkler Kapitel der deutschen Geschichte. Diesmal geht es um die Innenperspektive der KZ-Häftlinge, die den Zuschauer erbarmungslos ins Geschehen zieht: "Es mag schmerzhaft sein, das zu sehen. Aber nur über innere Anteilnahme ist Trauer möglich. Es ist eine Chance, sich mit dem Unfassbaren auseinanderzusetzen."

Die Dreharbeiten

Außer in Buchenwald wurde überwiegend in Tschechien im ehemaligen Arbeitslager Vojna vor den Toren Prags gedreht. "Technisch gesehen war es mit unseren Mitteln schwierig, das Lager wiederherzustellen, in dem Tausende von Menschen inhaftiert waren", so Regisseur Philipp Kadelbach, der wie Drehbuchautor Stefan Kolditz schon zum Team von "Unsere Mütter, unsere Väter" gehörte. Bei den Dreharbeiten, bei denen mehr als 350 Komparsen eingesetzt wurden, herrschte eine bedrückende Atmosphäre. "Das Lager, die intensiven Szenen, die vielen Komparsen. Am Abend ist man mit diesen Eindrücken schlafen gegangen", erzählt Regisseur Kadelbach.

Realer Hintergrund

Als "Glücksgriff" bezeichnet er Vojta, den Darsteller des kleinen Jungen. Dessen Geschichte ist nicht frei erfunden: Ein ähnliches Schicksal gab es in Buchwald tatsächlich. Auch die Folterszenen haben einen realen Hintergrund. Aber was kann man dem Zuschauer an Drastik zumuten? "Wir zeigen die Gewalt niemals als Selbstzweck. Sie ist immer moralisch verortet", betont Kadelbach, der auch Dokumentarszenen einstreut: "Sie zeigen, dass die Amerikaner näher kommen und sich der Druck auf die SS-Leute und die Häftlinge erhöht." Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität sind fließend.

Nach einem Roman von Bruno Apitz

Auslöser für den Film war die Neuausgabe des Romans von Bruno Apitz, der acht Jahre in Buchenwald inhaftiert war. Ursprünglich 1958 erschienen, wurde sein Buch als Symbol des kommunistischen Widerstands zur Schullektüre in der DDR und 1963 von Frank Beyer verfilmt. Die neue TV-Adaption setzt andere Schwerpunkte und wählt eine zeitgemäße Filmsprache. Stefan Kolditz schrieb das Drehbuch zwar nach Motiven des Romans, berücksichtigt aber die Rolle der Juden viel stärker und verabschiedet sich von Ideologie und Heldentum des Originals: "Der Mensch ist zu allem fähig - der schändlichsten Grausamkeit und der selbstlosen Empathie. Menschlichkeit wird erst möglich, wenn die Ideologie überwunden wird."

Realität im KZ war, dass Häftlinge im Kampf ums Überleben zu Konkurrenten wurden. "Es gab sehr wenig Solidarität", so Historiker Robert Jan van Pelt. "Die größte Gefahr ging von Mitgefangenen aus." Die von der SS bewusst geschürte Rivalität verhinderte, dass sich erfolgreicher Widerstand bilden konnte. Eine zentrale Rolle spielten die Kapos, die im Auftrag der SS die Arbeit organisierten. Im Film ist es der "Lagerälteste" Krämer, der als Kapo über Leben und Tod entscheiden kann. "Er ist Bezugspunkt für alle anderen", erklärt Schauspieler Sylvester Groth, der Krämer als äußerst kontrolliert darstellt: "Er muss vernünftig agieren. Es ist erstaunlich, zu sehen, wie Menschen auch in Extremsituationen funktionieren, wie sie immer wieder eine Ordnung herstellen, um zu überleben und nicht im Chaos unterzugehen." So ist Krämer zugleich guter Geist und Henkersknecht, denn er muss mit der SS kooperieren. Helden des Widerstands sehen sicher anders aus.

"Wir versuchen, uns dem anzunähern, wie es wirklich gewesen sein könnte. Dem Zuschauer werden keine falschen Gefühle übergestülpt", sagt Groth. "Das Gesehene beschäftigt einen immer weiter." Das ist beabsichtigt. "Man muss Geschichte über Geschichten erzählen", sagt der Historiker van Pelt. "Begreifen funktioniert über das Erzählen, über Kopf und Herz." Auf diese Art leistet "Nackt unter Wölfen" einen Beitrag gegen das Vergessen.

Autor: Thomas Kunze