HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Markus Wasmeier über das berüchtigte Rennen auf der Streif in Kitzbühel

Zweifacher Olympiasieger: Markus Wasmeier; Bild: © dpa

Auf der Streif in Kitzbühel

Markus Wasmeier über das berüchtigte Rennen

Er hat nicht nur neun Weltcuprennen gewonnen, er ist auch zweifacher Olympiasieger: 1994 im Super-G und im Riesenslalom. Seit seinem fünften Lebensjahr steht Markus Wasmeier (47) auf Skiern, in aktiven Zeiten auch immer wieder in Kitzbühel. Wie schnell dort aus Faszination Gefahr werden kann, beschreibt er hier:

Mein erstes Rennen auf der Streif werde ich nie vergessen. Ich war 20, und schon vor dem Training hatte ich viele Geschichten über die legendäre Piste gehört, über lebensgefährliche Stürze und die Brutalität der Abfahrt. Tagelang bin ich mit weichen Knien durch die Gegend gelaufen. Die Anspannung beim ersten Start hat mich innerlich fast zerrissen: Ich stehe in dem kleinen Häuschen, vor mir liegt die berüchtigte, supersteile Strecke, und ich denke nur: "Was mache ich hier? Das kann doch nicht deren Ernst sein, dass ich hier im Schuss runterfahren soll!" Das war 1984, und ich bin natürlich doch runtergefahren. In den folgenden Jahren immer wieder, inklusive Trainingsläufen und meinen Kamerafahrten für die ARD bestimmt an die 100 Mal.

Dabei hat die Streif nie ihre Faszination verloren: Der Mythos fährt am Hahnenkamm immer mit. Das geht direkt nach dem Start los. Es grüßt gleich die sogenannte Mausefalle, mit 85 Grad Gefälle das steilste Stück. Innerhalb der ersten sechs, sieben Sekunden bist du bei einer Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern, springst bis zu 60 Meter weit. Wenn du da nur einen einzigen Fehler machst, ist es vorbei.

Der Schock über den ersten Streckenabschnitt steckte mir bei meiner Premiere so sehr in den Knochen, dass mich die nächsten Passagen nicht besonders beeindruckten. Aber spätestens der Zielhang ab der Hausbergkante hat es wieder in sich. Da stehen zwei riskante Sprünge an, und auf dem Zielschuss werden 145 Stundenkilometer erreicht – der absolute Wahnsinn! Man fliegt geradezu in diesen letzten Abschnitt, und dort jubeln 50.000 Fans. Das sorgt für einen riesigen Motivationsschub. Ich habe die Atmosphäre sehr genossen, aber als ich meine Zeit sah, hab ich mich geärgert, dass ich nicht doch ein bisschen schneller gefahren bin.

In den Jahren darauf glich kein Rennen dem anderen, aber eines habe ich für alle Zeiten gelernt: In Kitzbühel rächen sich kleinste Schwächen sofort. Sei es das Material, die Fitness, die Technik oder die Gesundheit. Wenn irgendein Bereich nicht bei 100 Prozent ist, hast du ein Problem. Ich erinnere mich an eine Saison, in der mir beim Weltcup in Garmisch-Partenkirchen bei jedem Lauf die Bindung aufgegangen ist, und das passierte auch beim Training in Kitzbühel. Am Renntag war ich so demoralisiert, dass ich 20 Minuten vor dem Start absagen wollte. Ich hatte einfach Angst. Irgendwie habe ich mich dann überwunden, war aber ziemlich langsam unterwegs. Ich wurde schließlich 45. oder 50. – war aber trotzdem stolz auf mich.

Im Vergleich zu heute war es zu meiner aktiven Zeit noch unangenehmer, die Streif zu fahren. Die Piste war bei Weitem nicht so gut präpariert. Es gab keinen Kunstschnee, und statt Pistenraupen waren Soldaten im Einsatz. 1000 Männer haben die Strecke platt gestampft, dann wurde Wasser drübergegossen, dann kamen wieder 1000 Soldaten, diesmal mit Skiern, und präparierten die Strecke. Das Ergebnis war eine Piste voller Buckel und Rippen. An manchen Stellen war ausschließlich Eis, an anderen ist es sofort gebrochen.

Es gab Stürze noch und noch. Jeder ist mindestens einmal pro Training ausgestiegen. Überhaupt das Thema Unfälle: Eine Zeit lang hatte ich das Gefühl, die Veranstalter wollten einfach die Action und haben die Sicherheit der Sportler zugunsten des Spektakels aufs Spiel gesetzt. Immer wieder haben wir uns beschwert, dass die Sicherheitsmaßnahmen eine Katastrophe seien. Man muss sich nur mal vor Augen führen, dass die Absperrungen früher aus Holzzäunen bestanden, die mit geflochtenem Draht versehen waren und auch noch Spitzen nach oben hatten. Einmal bin ich mit 130 Sachen in so einen Holzzaun reingeknallt.

Seit etwa 20 Jahren orientieren sich die Veranstalter aber an höchsten Standards und sind mittlerweile ein Vorbild für die ganze Branche. Gefährlich ist die Abfahrt immer noch, ihren Ruf als härtestes Rennen der Welt trägt sie zu Recht. Man denke nur an die Stürze von Daniel Albrecht und Scott Macartney in den vergangenen Jahren. Topfahrer, die einen kleinen Fehler machen – und schon kommt es zum Crash. Deshalb drücke ich allen Fahrern die Daumen, dass sie unverletzt ins Ziel kommen.

Tradition und Tempo: Die Abfahrt auf der Streif

  • Das erste Hahnenkammrennen
  • Das erste Hahnenkammrennen wurde am 28. und 29. März 1931 gefahren. Die Abfahrten finden auf der Streif statt, der Slalom auf dem Ganslernhang. Hahnenkammsieger darf sich nur der Gewinner der Kombination nennen.

  • Die berühmte Piste
  • Auf der Streif geht’s rasant zu: Das Durchschnittstempo liegt bei 103 Stundenkilometern.

  • Der Rekordhalter
  • Der Rekordhalter ist der Österreicher Fritz Strobl. Er bewältigte 1997 die 3312 Meter lange Strecke in 1:51.58 Minuten.

  • Die Mausefalle
  • So nennt man den steilsten Streckenabschnitt gleich nach dem Start: Er erreicht ganze 85 Grad Hangneigung. Die flachste Stelle ist mit nur zwei Grad Neigung die Alte Schneise.

    Autor: Markus Wasmeier