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Krimidoku Lebenslänglich Mord

Als Kommissar blickte Josef Wilfling in die Abgründe der menschlichen Seele.
Foto: © BR/Julia Müller

Mordfälle von Kommissar Josef Wilfling

Krimidoku "Lebenslänglich Mord"

Als Kommissar blickte Josef Wilfling in die Abgründe der menschlichen Seele. HÖRZU traf den Ermittler aus München, dessen Fälle die Krimidoku "Lebenslänglich Mord" aufrollt.

Nacht für Nacht derselbe Horror: Der Täter flüchtet, dreht sich plötzlich um und zielt auf ihn. Der Polizist ist vorbereitet, hat die Dienstwaffe im Anschlag. Er drückt den Abzug – doch der klemmt. Mit aller Kraft krümmt er den Finger, ein Schuss löst sich. Die Kugel aber plumpst aus der Mündung wie ein Tropfen aus einem leckenden Wasserhahn. "Monatelang hat mich dieser Traum verfolgt", sagt Josef Wilfling, der ehemalige Leiter der Münchner Mordkommission. Tatsächlich richtete er seine Waffe nur einmal auf einen Menschen mit der Absicht abzudrücken: "1972 zielte ein 17-jähriger Autoknacker auf mich. Später kam heraus, dass seine Waffe eine Attrappe war." Den jungen Polizisten verfolgte das Erlebnis bis in den Schlaf. Den 67-jährigen Ermittler aber treibt so etwas nicht mehr um. "Wer solche Dinge nicht verkraftet, muss den Beruf wechseln", sagt er.

Im Lauf seiner Karriere hat Wilfling Grausamkeiten gesehen, die unsere Vorstellungskraft übersteigen: entstellte Leichen, skalpierte Häupter, Zeichen von blinder Wut und unbändigem Hass. "Manche Bilder habe ich heute noch vor Augen", so Wilfling. "Echte Brutalität ist schlimmer als jeder Horrorfilm." Einige seiner Fälle hat das Bayerische Fernsehen nun für eine Krimidoku nachgestellt.


TV-Tipp

Fr., 17.10.: 1. Teil "Lebenslänglich Mord" - Mordfälle von Kommissar Josef Wilfling; BR, 21.00 Uhr
Fr., 24.10.: 2. Teil "Lebenslänglich Mord"; BR, 21.00 Uhr (s. auch TV-Tipps rechts)


Die Mordfälle von Kommissar Josef Wilfling

In der Krimidoku "Lebenslänglich Mord" gibt der Kommissar zu jedem Fall Kommentare und erklärt seine Taktik. Seit 2009 ist Wilfling im Ruhestand. Er war 42 Jahre lang im Polizeidienst, gut die Hälfte davon bei der Mordkommission. In dieser Zeit klärte er rund 100 Tötungsdelikte auf, meist per Geständnis. "In der Realität spielt sich der Showdown im Vernehmungszimmer ab", erklärt der Ermittler. "Es ist nicht die Kunst, den Täter zu finden, sondern ihm seine Tat nachzuweisen." Die Trümpfe einer Mordermittlung sind Indizien und Spuren vom Tatort. Wenn der Kommissar sie richtig einsetzt, gewinnt er. Dabei ist Druck kein probates Mittel, ein Geständnis zu provozieren. "Man muss den Mörder überzeugen, dass es für ihn von Vorteil ist, die Wahrheit zu sagen", erklärt Wilfling. "Dazu braucht man sein Vertrauen." So kann zwischen dem Ermittler und dem Verdächtigen eine ganz besondere Beziehung entstehen – wie in einem seiner ersten Mordfälle: Ein sexuell frustrierter, hochintelligenter Student hatte eine Frau getötet. Ein Jahr lang verfolgte ihn der Kommissar, vernahm ihn stundenweise, immer wieder. Der Student redete sich stets heraus. Eines Tages sagte Wilfling: "Das war's jetzt, ich geb deinen Fall an Kollegen." Darauf gestand der Student. Wilfling war für ihn zur Bezugsperson geworden, die er nicht verlieren wollte.

Doch wie kann sich ein moralisch integrer Mann wie Wilfling in die gestörte Psyche eines Mörders einfühlen? "Das Böse steckt in jedem von uns", sagt Wilfling. "Die meisten Mörder hätten nie gedacht, dass sie zu so einer Tat fähig wären." Morde stehen zudem selten im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität. Öfter ist es der eifersüchtige Ehemann, der habgierige Onkel, der Ängstliche am Rand des Abgrunds. Im Moment der Tat siegen die Emotionen über die Vernunft. "Kein Mörder denkt bei seiner Tat an die Folgen", so Wilfling.

Leider konnte selbst der Meisterkommissar nicht alle Mörder überführen. Wenn der Täter nicht gesteht, hat er in unserem Rechtssystem gute Chancen davonzukommen: Bei Zweifeln an seiner Schuld wird er freigesprochen – "in dubio pro reo". Wilfling: "Es ist frustrierend, einen Schuldigen gehen lassen zu müssen. Doch lieber sollen zehn Mörder frei rumlaufen, als ein Unschuldiger eingesperrt sein." Wer das Gute wegsperrt, kann das Böse nicht bekämpfen. Im Staat wie im Privaten.

TV-Krimis im Realitäts-Check

Wie viel Wahrheit steckt in TV- Krimis? Hier klärt Josef Wilfling auf:

1. Der einsame Held

"Einen Columbo gibt es im echten Leben nicht." Zwar halte ein leitender Kommissar die Fäden in der Hand, Mordermittlung aber sei vor allem eine Teamleistung.

2. Der nächtliche Anruf

"Die meisten Morde passieren tatsächlich nachts und an den Wochenenden." Als Ermittler steht man jederzeit auf Abruf.

3. Partner Rechtsmediziner

"Enge Zusammenarbeit mit ärztlichen Gutachtern ist wichtig und elementar." In der Rechtsmedizin ist der Kommissar häufiger Gast. "Der Mediziner ist aber ausschließlich Wissenschaftler. Er wird nie selbst losziehen und ermitteln."

4. Co-Ermittler Staatsanwalt

"Die meisten Kriminaler kennen ihren Staatsanwalt überhaupt nicht." Der Jurist muss zwar Haft- oder Untersuchungsbefehle schreiben, doch die Überführung der Täter liegt allein bei den Ermittlern.

5. Der labile Detektiv

"Ohne ein intaktes und tadelloses Privatleben kann man diesen Job nicht machen." Dass ein Mordermittler Alkoholiker ist, eine gespaltene Persönlichkeit hat oder die eigenen Emotionen etwa an seinem Dienstwagen auslässt, ist absolut unrealistisch.

Autor: Susanne Schumann