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Interview mit Rudi Cerne

Rudi Cerne moderiert auch die 500. Ausgabe "Aktenzeichen XY ... ungelöst".
Foto: © ZDF / Tim Thiel

Exklusiv-Interview mit Rudi Cerne

"Jede Sekunde zählt"

Seit 2002 moderiert Rudi Cerne (57) die Kriminalsendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst".

Lesen Sie hier das Exklusiv-Interview mit Rudi Cerne:

HÖRZU: Wie gut schlafen Sie nach einer "XY"-Sendung und den gezeigten Verbrechen?

Rudi Cerne: Immer gut. Es gelingt mir, mental einen Schlussstrich zu ziehen. Ich habe mir Scheuklappen zugelegt. Das haben mir die Kommissare geraten. Sie erleben die Verbrechen hautnah, während ich nur so viel sehe wie der Zuschauer. Ich habe schon mal einen Blick in eine Ermittlungsakte geworfen, aber dabei war ich froh, dass die Fotos schwarzweiß waren.

HÖRZU: Tatortfotos, Indizien - und Fachvokabular wie "verscharren" oder "vergraben": Wie verändert sich das Menschenbild dadurch über die Jahre?

Rudi Cerne: "Ereignisort" ist auch noch so ein typischer Begriff. Das Menschenbild verändert sich aber überhaupt nicht durch die Beschäftigung mit dem Thema. Ich glaube an das Gute. Ich bin ein vorsichtiger Mensch, aber in keinem Fall ängstlich. Mein Riecher für brenzlige Situationen ist gut.

HÖRZU: Heißt das, Sie gehen nicht auf Konfrontationskurs - sondern weichen brenzligen Situationen aus?

Rudi Cerne: Ja. Ich wurde zur Vorsicht erzogen - und wir haben es weitergereicht an unsere Tochter. Man muss das Schicksal ja nicht herausfordern. Meiner Tochter habe ich immer gesagt: "Wenn du abends aus der Disko kommst, bleib in der Gruppe und nehmt euch ein Taxi."

HÖRZU: Wie effektiv ist die "Öffentlichkeitskeule Aktenzeichen XY"?

Rudi Cerne: Sehr effektiv! Die Polizei kommt erst zu uns, wenn die herkömmlichen Ermittlungsmethoden ausgeschöpft sind. Kürzlich etwa haben wir den Fall "Mark Herbert" ausgestrahlt. Dabei ging es um einen jungen Mann, der 2012 so brutal zusammengeschlagen wurde, dass er seitdem im Rollstuhl sitzt. In diesem Fall hat die Polizei drei Jahre lang nach dem Täter gesucht - und es gab sogar einen ergreifenden Videoaufruf von Mark Herbert vor einem wichtigen Fußballspiel. Doch nichts davon hat zur Lösung des Falls geführt. Aber nach der Ausstrahlung von "Aktenzeichen XY" hat sich ein Zeuge gemeldet und den Namen eines der Mädchen genannt, das kurz vor der Tat mit dem Täter gesprochen hat. Bei der Befragung durch die Polizei wurde dann der Name des Täters preisgegeben. Ein gutes Beispiel für die Kraft der Öffentlichkeit ist außerdem der Fall eines Mannes, der mehrere hunderttausend Euro unterschlagen und sich dann nach Südamerika abgesetzt hatte. Dieser Fall war schon geklärt worden, bevor er bei "XY" gezeigt wurde. Die Kripo hatte die Angehörigen des Mannes mit den Folgen der Ausstrahlung konfrontiert - und ihnen geraten, ihn umgehend anzurufen, falls sie wüssten, wo er steckt. Denn man müsse, so die Kripo, nun davon ausgehen, dass auch in Südamerika bekannt sei, wie reich er nach dem Diebstahl war  - und dass das ein hohes Überlebensrisiko für ihn bedeutete. Daraufhin stellte er sich.

HÖRZU: "Aktenzeichen" zeigt "True Crime". Aber ist das Format auch die Großmutter aller Reality-Sendungen?

Rudi Cerne: "XY" ist der Vorläufer des interaktiven Fernsehens. Denn "Aktenzeichen" ist 1967 von Eduard Zimmermann erfunden worden, weil er selbst über den Tisch gezogen worden ist. Damals hatte er ein Fertighaus bestellt - doch das Dach wurde nicht mitgeliefert. Angeblich, so die Firma, musste es extra bezahlt werden. Anschließend hat Zimmermann die Zuschauer über derart miese Methoden aufgeklärt in der Sendung "Vorsicht, Falle!". Kurz darauf folgte dann "Aktenzeichen XY" - und Zimmermann hat die erste Sendung mit den Worten eröffnet, dass der Bildschirm künftig zur Verbrechensbekämpfung genutzt werden sollte. Und prompt wurde in der ersten Sendung ein Fall aufgeklärt.

HÖRZU: Damals war "XY" noch staubtrocken, wurde aus einer Eichenfurnier-Kulisse gesendet - aber ist es auch eine Unterhaltungs-Show?

Rudi Cerne: Das Alleinstellungsmerkmal ist schon enorm. Natürlich spielt Unterhaltung eine Rolle, der Grusel-Faktor ist nicht zu unterschätzen. Aber es kommt darauf an, Menschen zu sensibilisieren, und das gelingt nur, wenn man auch Emotionen weckt. Aber dabei sind wir so zurückhaltend wie möglich.

HÖRZU: Bitte ein Beispiel …

Rudi Cerne: Nehmen Sie den Fall Lolita Brieger. Die schwangere junge Frau verschwand am 4. November 1982. Die Akte wurde - wie alle anderen ungelösten Mordfälle - niemals geschlossen. 2011 haben wir über diesen Fall berichtet und die Kripo Trier appellierte in der Sendung an das Gewissen möglicher Mitwisser und wies darauf hin, dass eine derartige Hilfe verjährt ist. Tatsächlich konnte über den Hinweis eines Mitwissers die Leiche von Lolita Brieger gefunden und der Fall endlich geklärt werden.

HÖRZU: Lernt man viel über einen solchen langen Zeitraum?

Rudi Cerne: Ja. Ich bin mit großer Empathie und großem Enthusiasmus dabei - oder einfacher ausgedrückt: mit Haut und Haaren.

HÖRZU: Wie ist die Zusammenarbeit mit den Kommissaren?

Rudi Cerne: Ich habe höchsten Respekt vor der Ermittlungsarbeit der Kommissare. Ich erlebe immer wieder, wie sie ihrem Beruf mit großer Passion nachgehen. Bei Vernehmungen müssen sie großes Fingerspitzengefühl beweisen, um an einen Täter überhaupt heranzukommen.

HÖRZU: Inwiefern wird das Jubiläum von "XY" gefeiert? Ist es eine Sendung wie jede andere?

Rudi Cerne: In unserer Jubiläumsausgabe werden wir uns nicht selbst feiern. Die Fälle stehen im Vordergrund und die Ermittlungen. Dabei zählt jede Sekunde.

HÖRZU: 1999 lag Ihre Aufklärungsquote bei 37 Prozent, 2015 bereits bei 41 Prozent. Warum dieser Anstieg?

Rudi Cerne: Dieser Erfolg hängt mit der Aufklärung vieler Altfälle durch die DNS-Analyse zusammen. Vor 13 Jahren konnten die Ermittler mit einem Büschel Haare nichts anfangen, heute reicht eine Hautschuppe schon aus zur Täter-Identifizierung. Neulich etwa wurde ein acht Jahre zurückliegender Mord aufgeklärt, weil bei dem damaligen Täter eingebrochen wurde.

HÖRZU: Wie funktioniert so etwas konkret?

Rudi Cerne: Am Ereignisort des Mordes waren DNS-Spuren gefunden worden, die in der DNS-Datenbank des BKA in Wiesbaden abgelegt worden waren - weil sie damals noch nicht aktenkundig waren. Jahre später fanden Kriminalbeamte dann dieselben DNS-Spuren bei einem Einbruchsopfer. Verrückt, aber wahr ist, dass der Mann bei dem eingebrochen wurde, daraufhin vernommen wurde und die Tat sofort gestanden hat. Wir wärmen Altfälle, so genannte "cold cases", regelmäßig in "XY" auf, denn wir möchten die Mörder an drei Dinge erinnern: dass sie Gewalttäter sind, dass ihre Taten nicht vergessen wurden und dass die Polizei niemals aufgibt!

HÖRZU: Angeblich arbeiten Sie direkt mit Kripo-Mitarbeitern zusammen statt mit den Pressestellen der Ermittler. Inwiefern ist das ein Vorteil gegenüber anderen TV-Fahndungsformaten?

Rudi Cerne: Nicht angeblich, sondern tatsächlich. Der zuständige Ermittller kommt immer live in die Sendung, weil er Hinweise der "XY"-Zuschauer benötigt. Bei "Aktenzeichen" werden die Fälle ausgestrahlt, bei denen die Polizei in einer Sackgasse steckt. Diese "Cold Cases" sind nicht vergessen! Im Gegenteil - sie werden immer wieder aufgewärmt, auch mit Hilfe von "XY". Anschließend werden diese Fälle in engster Abstimmung mit den Kriminalbeamten nachgestellt und zu Filmen verdichtet - denn es darf ja nichts falsch sein. Es kommt auf jede Silbe an.

HÖRZU: Aber wie unterscheiden sich brandaktuelle Fahndungen davon?

Rudi Cerne: "XY" ist eine Live-Sendung, d.h. wir können auf aktuelle Ereignisse spontan reagieren. Wenn notwendig, können wir Fälle sogar noch am Sendungstag in "Aktenzeichen" aufnehmen. Das gilt sowohl für die regulären "XY"-Sendungen als auch für "Wo ist mein Kind?". Ein Beispiel dafür ist der Holzklotz-Mord. 2008, drei Tage vor unserer Sendung, warf ein Täter einen Holzklotz von einer Brücke an der A29. Eine 33jährige, 2-fache Mutter starb noch an der Unfallstelle vor den Augen ihres Mannes und ihrer Kinder. Daraufhin haben wir bei der Polizei angerufen - und den Fall in die Sendung genommen.

HÖRZU: Inwiefern nehmen Sie morgendliche Verbrechensberichte in den Zeitungen anders wahr, seit Sie bei "XY" arbeiten?

Rudi Cerne: Früher habe ich das überblättert. Heute bleibe ich sofort bei diesen Nachrichten hängen. Auch fiktionale Thriller sehe ich anders als früher. Schon als Heranwachsender war ich ein TV-Junkie und bin mit "Bonanza", "Rauchende Colts" und "Die Straßen von San Francisco" groß geworden. Ein Kriminalbeamter hat mir kürzlich gesagt, dass TV-Krimis und "XY" nur eines gemeinsam haben - die ständig laufende Kaffeemaschine im Büro.

HÖRZU: Wahrscheinlich ist "XY" die einzige TV-Sendung, bei der sich der Regisseur freut, wenn das Telefon während der Live-Ausstrahlung im Hintergrund läutet - stimmt’s?

Rudi Cerne: Ja klar, aber ich freue mich natürlich auch. Dann kommt auch gar keine Hektik auf, sondern ich werde immer ruhiger. Je mehr los ist, desto stärker wird "XY" wahrgenommen und desto mehr Hinweise kommen rein.

HÖRZU: Warum sind so viele TV-Sender gescheitert mit dem Versuch, "XY" zu kopieren?

Rudi Cerne: "Aktenzeichen" ist nun mal das Original, und hat inzwischen Kultstatus erreicht. Abgesehen davon gibt es ja auch regionale Sendungen wie zum Beispiel "Kriminalreport Hessen" im HR und "Kripo live" im MDR.

HÖRZU: Ob Opferkleidung oder Mordwerkzeuge - Sie müssen immer wieder echte Indizien berühren. Wie groß ist Ihre Scheu davor?

Rudi Cerne: Das lässt mich nicht kalt, denn die Gegenstände transportieren Gefühle. Wenn ein Messer auf dem Studiotisch liegt, mit dem eine Frau getötet wurde, dann ist das merkwürdig. Anfangs ging ich mit dem Vorsatz in die Sendung, solche Gegenstände niemals zu berühren. Doch es gehört zu meinem Job - und es dient der Aufklärung. Neulich hatten wir sogar das Auto eines Verschwundenen im Studio - einen unverschlossenen Mercedes GL. Wir müssen das zeigen, damit die Zuschauer ganz genau hinsehen - denn damit erhöhen wir die Aufmerksamkeit und das dient der Aufklärung.

HÖRZU: Welche "XY"-Fälle bewegen Sie besonders?

Rudi Cerne: Besonders jene, bei denen Kinder zu Opfern geworden sind. Es ist eine Horrorvorstellung für Eltern, dass das eigene Kind verschwindet - doch es passiert immer wieder. Ich denke oft zurück an die zehnjährige Hilal Ercan aus Hamburg, die 1999 von ihrem Vater mit einer D-Mark für ihre guten Schulnoten belohnt wurde. Hilal wollte sich davon Süßigkeiten kaufen - doch auf dem Weg zum 50 Meter entfernten Einkaufszentrum verschwand sie spurlos. Ein weiterer Fall, der mich sehr bewegt hat, ereignete sich 2009 im Spandauer Forst. Die Ärztin Kirsten Sahling wurde beim Joggen heimtückisch erstochen. Passanten eilten ihr noch zu Hilfe und sie sagte das Bewusstsein verlierend zu ihnen: "Bitte sagen Sie meinem Mann, dass ich ihn liebe." Als wir diesen Film vorab im Team gezeigt haben, war es mucksmäuschenstill im Vorführraum. Besonders bewegend war auch der Fall von Levke Straßheim aus Cuxhaven, der zum Glück aufgeklärt werden konnte: Das kleine Mädchen, das Levke im "XY"-Film gespielt hat, sah ihr zum Verwechseln ähnlich. Levke kam von der Schule nachhause, hatte ihren Schlüssel vergessen und wartete auf ihre Eltern. Dann fiel sie dem Sexualstraftäter Marc Hoffmann in die Hände, der sie erdrosselte. Außerdem denke ich oft zurück an Sigrid Paulus. Sie wurde sieben Jahre lang vermisst. Ihre Tochter wollte unbedingt, dass der Fall bei "XY" aufgenommen wird. Nach der Sendung gab es Hinweise, dass es kurz NACH dem Verschwinden von Sigrid Paulus Veränderungen im Garten des gemeinsamen Hauses gab. Die Kripo ging dem nach und als sie mit einem Durchsuchungsbeschluss anrückte, führte der Ehemann die Beamten in den Keller. Im Streit hatte er seine Ehefrau getötet und sie im Sockel eines Weinregals eingemauert. Als ich das gehört habe, bekam ich eine Gänsehaut. Und der - zuletzt gelöste - Fall von Mark Herbert hat mich ebenfalls stark bewegt.

HÖRZU: Wie viele Verbrecher sind wohl unter den Zuschauern?

Rudi Cerne: Viele. Es gibt auch Gefängnisinsassen, die bei "XY" zuzusehen. Außerdem gibt es Täter, die mit der Fahndung bei "XY" prahlen - nach dem Motto: "Mein Fall war sogar bei 'Aktenzeichen'". Und wer weiß, vielleicht gibt uns der eine oder andere Gefängnisinsasse auch einen Hinweis, um seine eigene Position zu verbessern.

HÖRZU: Sehr aufwändig war auch der 30-minütige Film über den Tunnelraub …

Rudi Cerne: Das war einer der denkwürdigsten "XY"-Fälle. Dabei ging es um Gangster, die vermutlich fast ein Jahr lang einen 45 Meter langen Tunnel von einem Tiefgaragenabteil bis unter den Tresorraum einer Bank gegraben haben. Dann knackten sie 307 Schließfächer. Der entstandene Schaden geht in die Millionenhöhe.
Bis heute sind sie nicht gefasst worden. Das war nicht gruselig, sondern ich war schlichtweg baff. Denn bei diesem Raub sind, was heftig ist, Leute um ihr gesamtes Erspartes gebracht worden.

HÖRZU: In den "Wo ist mein Kind?"-Specials kommen mitunter prominente Menschen zu "XY". Wie sind diese Begegnungen?

Rudi Cerne: Natascha Kampusch, die Eltern von Madeleine McCann und die Sängerin Romina Power waren bei uns im Studio. Diese prominenten Fälle erhöhen die Aufmerksamkeit für "XY". Das ist ein Vorteil, weil auch die anderen Verbrechen von mehr Menschen gesehen werden. Außerdem sind prominente und nicht-prominente Gäste gleichermaßen Leidensgenossen. Hinter den Kulissen werden dabei viele Gespräche geführt zwischen den Betroffenen. Der Erfahrungsaustausch von Romina Power und anderen Eltern, die ihr Kind vermissen, hat mich fassungslos gemacht. Und die McCanns haben mir erzählt, dass ihre Hoffnung auf ein Wiederauftauchen ihrer Tochter sieben Jahre nach deren Verschwinden nicht mehr so hoch ist. Aber, so der Vater, solange es keinen Beweis gibt für den Tod von Madeleine, wollen die Eltern alles versuchen. Deshalb auch ihr Auftritt bei "XY".

HÖRZU: Inwiefern ist "XY" eine der wichtigsten Sendungen im deutschen Fernsehen?

Rudi Cerne: Wir nutzen das Fernsehen zur Verbrechensbekämpfung. Ich glaube über die Sinnhaftigkeit dieser Sendung müssen wir nicht diskutieren. Alles, über das wir reden, ist zielführend. Lachen ist fehl am Platz bei "XY" - und trotzdem gibt es Momente zum Aufatmen, etwa beim "XY"-Preis' für Zivilcourage. Denn dabei wissen die Zuschauer, dass der Fall gut endet. Es sind Momente zum Durchatmen. Dasselbe gilt auch für "XY" gelöst".

HÖRZU: Gibt es Merkmale bei Kriminalfällen, die auf eine erhöhte Aufklärungschance hindeuten - etwa bei ganz frischen Verbrechen?

Rudi Cerne: Immer wenn Täterfotos vorhanden sind, ist die Aufklärungschance groß. Ich kann mich gut an zwei Fälle erinnern, in denen das BKA mit dem BILD eines mutmaßlichen pädophilen Täters zu uns kam. Die Aufnahmen waren von Spezialisten dechiffriert worden. Wenige Tage später waren die Fälle aufgeklärt.

HÖRZU: Wie groß ist Ihre Lust aufs Weitermachen?

Rudi Cerne: Sehr groß. Im Fernsehen gibt es ein riesiges Spektrum an Sendungen und ständig neue Formate. Beständig bleiben zu können ist eine große Freude. Das erfüllt uns alle mit Genugtuung und auch ein Stück weit mit Stolz. Außerdem haben wir vieles ausprobiert und verbessert - und das wird positiv aufgenommen. Als Live-Sendung ist der Zuschauer bei uns immer ganz nah dran. Außerdem sind die Filme eindrucksvoller geworden und wir haben eine exzellente Studioregie. Je professioneller und authentischer wir die Fälle präsentieren können, desto aufmerksamer sind die Zuschauer - und dadurch steigt hoffentlich die Aufklärungsquote der Verbrechen. Wir sind ein großes Getriebe mit vielen kleinen Zahnrädern. Moderator in einer Sendung sein zu dürfen, durch die die Welt ein Stück sicherer wird und wir den Tätern signalisieren, dass sich Verbrechen nicht lohnt, ist für uns alle Auszeichnung und Bestätigung. Manchmal werde ich gefragt, wie Sport und Mord zusammenpassen. Dabei ist das ein konstruierter Gegensatz - als würde man einem Polizisten nicht zutrauen, dass er auch gut Fußball spielen kann. Ein weiteres Zauberwort in der Medienlandschaft heißt "Relevanz" - und "XY" ist sehr bedeutsam. Es ist eine der wichtigsten Sendungen.

HÖRZU: Inwiefern war es eine gute Entscheidung, die Dauer der Sendung von 60 Minuten auf 90 Minuten zu erhöhen?

Rudi Cerne: Diese Entscheidung ging zurück auf den damaligen ZDF Programmdirektor Dr. Thomas Bellut - und es war eine exzellente Entscheidung. Ich hätte damals nicht gedacht, dass das gleich so angenommen würde. Der Zuschauer honoriert, dass wir nun mehr Zeit für die einzelnen Fälle haben und dass es auch ruhige Momente gibt. Zudem haben wir auch schon nach 45 Minuten die Möglichkeit zu einer Zwischenbilanz, das heißt wir können unter Umständen bereits erste Ergebnisse liefern. Die Erfahrung hat gezeigt: Die Zuschauer wollen wissen, was die Ermittler am Telefon im Hintergrund besprechen. Außerdem war es die richtige Entscheidung, dass am Ende die Ergebnisse von einem echten Polizisten - nämlich Alfred Hettmer - präsentiert werden. Er ist Erster Kriminalhauptkommissar des LKA Bayern.

HÖRZU: Sind die Ermittler tele-erfahrener geworden?

Rudi Cerne: Ja, klar, sie sind bei weitem nicht mehr so angespannt, wenn das Rotlicht angeht. Zudem haben sie ja auch in ihrem Arbeitsalltag mit der Presse zu tun. Ich erlebe die Ermittlerinnen und Ermittler immer souveräner im Studio. Sätze wie: "Nach dem derzeitigen Stand der operativen Fallanalyse müssen wir davon ausgehen, dass …" gehören der Vergangenheit an. sie sind sich ihrer Mission bewusst und verknappen ihre Message auf Infos wie: "Haben Sie dieses Fahrzeug in der Innenstadt von Dortmund gesehen? Das ist mir wichtig, weil … wenn ich dazu einen Anruf kriege, kommen wir in diesem Fall ein großes Stück weiter und können ihn vielleicht sogar klären!" Das ist eine klare Ansprache und erreicht den Zuschauer direkt.

HÖRZU: Lesen Sie gerne Krimis?

Rudi Cerne: Ja - etwa Robin Cook oder Sydney Sheldon.

HÖRZU: Welche Krimis schauen Sie im TV?

Rudi Cerne: Querbeet - "SOKO Kitzbühel" gefällt mir gut, auch "SOKO Leipzig" und "Notruf Hafenkante". Beim Münster-"Tatort" bleibe ich auch schon mal hängen und schaue aus persönlichen Gründen genau hin - weil die Töchter des kiffenden Taxifahrers, gespielt von Claus-Dieter Clausnitzer, früher mit mir Eiskunstlauf trainiert haben. Damals war ich 20. Clausnitzer spielte am Theater in Dortmund - und er memorierte seine Texte auf der leeren Bühne im Eisstadion. Ich sah ihm immer aufmerksam zu und er lud mich sogar mal ein zu einer Vorstellung. Er spielte "Dantons Tod" mit ellenlangen Textpassagen, die er mit enormer Präsenz vortrug. Das hat mich fasziniert.

HÖRZU: Mehrere Schauspieler haben zu Beginn ihrer Karriere mitgewirkt in den "XY"-Filmen - etwa Heiner Lauterbach und "Der Alte" …

Rudi Cerne: Stimmt, Miroslav Nemec zum Beispiel trat auch schon bei "XY" auf. Für die Filme werden übrigens nur professionelle Schauspieler engagiert. Mittlerweile haben wir auch krimi-erfahrene Regisseure, die zum Beispiel den "Tatort", "Ein Fall für Zwei" oder "Die Rosenheim-Cops" drehen.

Autor: Mike Powelz