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Arbeitsministerin Ursula von der Leyen.

Optimistin: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sieht positiv in die Zukunft. -

Arbeitsministerin

Interview mit Ursula von der Leyen

Mehr Elan als andere hatte sie schon immer: Ursula von der Leyen (53), Ex-Familienministerin und seit November 2009 Ministerin für Arbeit und Soziales. In dieser Zeit hat sie schon viel bewegt. Jetzt geht es an die Sicherung der Zukunft von Jung und Alt. Am 29. September erschien dazu ihr Buch "Wer macht die Arbeit morgen?" (siehe Tipp rechts). HÖRZU traf die Ministerin exklusiv im heimischen Hannover, um mit ihr über den Wandel der Berufswelt zu sprechen, über Bildung, Talente und die neuen Chancen der Generation 50 plus.

HÖRZU: Sie sind jetzt seit fast zwei Jahren im neuen Amt. Was hat sich seitdem auf dem Arbeitsmarkt geändert?

Ursula von der Leyen: Mit unter drei Millionen Arbeitslosen ist der Arbeitsmarkt heute enorm stark. Das ist aber das Ergebnis von sechs Jahren Regierung unter Angela Merkel. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist auf die Hälfte gesunken. Im Ausland ist sogar vom deutschen Jobwunder die Rede.

HÖRZU: Rosige Zeiten also?

Ursula von der Leyen: Nicht ganz. Wir haben auch eine Million offene Stellen. Die neue Frage ist, wer diese Arbeit künftig machen wird, wenn wir immer weniger werden. Deutschlands Wirtschaft braucht dringend Fachkräfte und muss deshalb auch international um Talente werben.

HÖRZU: Heißt das: neue Zuwanderung?

Ursula von der Leyen: Ja, aber nur qualifizierte. Wenn eine Ingenieursstelle in Deutschland unbesetzt bleibt, haben auch der technische Zeichner, die Sekretärin und die Gebäudereinigerin keinen Job, weil der Auftrag nicht angenommen werden kann. Das heißt: Fachkräfte schaffen auch Arbeitsplätze für geringer Qualifizierte.

HÖRZU: Trotz des Jobwunders gibt es hierzulande aber doch noch viele Arbeitslose.

Ursula von der Leyen: Mein erstes Ziel ist es natürlich, Stellen mit Arbeitsuchenden zu besetzen. Aber den arbeitslosen Kellner zum Arzt umzuschulen ist unmöglich. Wenn, wie bei Ärzten und Ingenieuren, der Markt leer gefegt ist, müssen wir Spezialisten von außen eine Chance geben. Solche Zuwanderer wandern nicht in unsere Sozialsysteme ein, sondern schaffen Arbeit und Wohlstand. Da können wir viel aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

HÖRZU: Brauchen wir ausländische Pflegekräfte?

Ursula von der Leyen: Hier ist die Lage anders. Erstens bildet die Pflegebranche für ihren Bedarf zu wenig aus. Und zweitens gibt es in Deutschland 15.000 arbeitslose Pflegehelfer. Wenn man die zu Fachkräften weiterbilden würde, wäre das ein doppelter Gewinn. Bevor wir hier "Türen auf" sagen, müssen wir erst die Reserven im eigenen Land ausschöpfen.

HÖRZU: Sie sagen seit einiger Zeit: Ältere sind die Gewinner am Arbeitsmarkt. Was heißt das konkret?

Ursula von der Leyen: Der Blick auf Mitarbeiter über 55 ändert sich. Lange haben Unternehmen doch nur gefragt: Wie werde ich sie möglichst schnell los? Sie waren altes Eisen. Jetzt lautet die Frage dagegen: Wie bleiben sie möglichst lange fit, motiviert und engagiert? Ihre Berufs- und Lebenserfahrung wird geschätzt, weil die Fachleute weniger werden.

HÖRZU: Wie kann sich der Einzelne denn für den Arbeitsmarkt der Zukunft rüsten?

Ursula von der Leyen: In sich hineinhören und ehrlich fragen: Was möchte ich wirklich, was kann ich? Und immer wichtiger wird, Muße und Arbeitszeit richtig einzuteilen. Das fördern auch gute Chefs, denn sie wissen, dass Mitarbeiter dann motivierter sind und mehr leisten können als jemand, der von seiner Arbeit erdrückt wird. Mit der Kombi-Rente machen wir jetzt ein Angebot für alle, die gerne länger im Arbeitsleben bleiben, aber nicht mehr den Takt der Jungen mitgehen wollen.

HÖRZU: Dennoch leiden immer mehr Arbeitnehmer an Stress-Symptomen.

Ursula von der Leyen: Natürlich darf Arbeit nicht krank machen. Problematisch wird es, wenn man das Gefühl hat, fremdgesteuert zu sein und permanent unter Druck zu stehen. Handy und Laptop sorgen dafür, dass man im Prinzip jederzeit und überall erreichbar ist. Da ist es schwierig, die richtigen Grenzen zu setzen.

HÖRZU: Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Ursula von der Leyen: Ich erinnere noch die Zeit, als mein Vater Ministerpräsident von Niedersachsen war und wir zu Hause nur ein Telefon hatten, das an der Wand hing. Selbst für Genscher war es manchmal schwer, ihn ans Telefon zu bekommen, wenn wir Kinder die Leitung blockierten. Heute wäre so etwas undenkbar.

HÖRZU: Waren das bessere Zeiten?

Ursula von der Leyen: Es war alles langsamer. Aber ich muss auch sagen: Ich wäre heute mit meinen sieben Kindern nie Ministerin, wenn ich dank Handy und Laptop nicht viel von zu Hause aus oder auch unterwegs erledigen könnte.

HÖRZU: Themenwechsel: Die Rente mit 67 stößt in der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe. Sollte man die rückgängig machen?

Ursula von der Leyen: Dann müssten wir entweder die Renten kürzen oder die Beiträge drastisch anheben. Beides möchte ich nicht. Wir müssen klar sehen, dass Renten heute viel länger gezahlt werden. Als ich 1958 zur Welt kam, waren es noch sieben Jahre weniger als heute. Diese gewonnenen Jahre können wir nicht einseitig der jungen Generation aufbürden, die auch noch für sich selbst sorgen muss.

HÖRZU: Viele junge Leute finden derzeit nur schwer eine Festanstellung. Wird das in Zukunft so bleiben?

Ursula von der Leyen: Dreimal Nein. Die Generation Praktikum wird es nicht mehr geben. Schon heute gibt es mehr Ausbildungsstellen als junge Menschen, die noch eine suchen. Firmen, die nur Miniverträge rausrücken, werden Probleme bekommen.

HÖRZU: Viele Unternehmen beklagen, dass jungen Menschen oft die Grundvoraussetzungen für eine Ausbildung fehlen würden.

Ursula von der Leyen: Das scheint mir ein Trugschluss zu sein. Früher gab es für jede Stelle zahlreiche Bewerber. Wer die Anforderungen nicht erfüllte, wurde erst gar nicht eingeladen. Heute sind Betriebe dagegen auf jeden angewiesen, stoßen so auch schneller auf Defizite.

HÖRZU: Oft scheint es auch an elementaren Umgangsformen wie Pünktlichkeit und Höflichkeit zu hapern.

Ursula von der Leyen: In Erziehungsfragen sind zunächst die Eltern gefordert. Bei Jugendlichen aus sozial schwachem Umfeld muss der Staat jedoch eingreifen und sie zur Leistung motivieren. Für dieses Fördern und Fordern gibt der Staat pro Jahr über drei Milliarden Euro aus. Wenn die Jugendlichen lernen, dass sie gebraucht werden, sich aber auch anstrengen müssen, dann ist das das richtige Rüstzeug, um im Leben auf eigenen Beinen zu stehen.

HÖRZU: Sollten deshalb schon Schüler jobben?

Ursula von der Leyen: Ja, das befürworte ich sehr, solange es nicht auf Kosten der Hausaufgaben geht.

HÖRZU: Auch bei Ihren eigenen Kindern?

Ursula von der Leyen: Auch meine Kinder gehen Rasen mähen oder babysitten, um sich besondere Anschaffungen leisten zu können. Ich selbst habe als Studentin in einer Kneipe gejobbt und als Medizinstudentin Nachtwachen auf der Intensivstation geschoben.

HÖRZU: Vielen Dank, Ursula von der Leyen, für das Interview.

Autor: Thomas Kunze und Stefan Vogt