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Interview-mit-Marie-Bäumer

In "Brief an mein Leben" spielt Marie Bäumer die vielbeschäftigte Ozeanographie-Professorin Toni Lehmstedt, die eines Tages aus der Bahn geschleudert wird. Foto © ZDF / Conny Klein

"Manchmal rebelliert der Körper"

Interview mit Marie Bäumer zu "Brief an mein Leben"

In "Brief an mein Leben" spielt Marie Bäumer eine vielbeschäftigte Karrierefrau, die die Erschöpfungssignale ihres Körpers ignoriert, bis sie in einer Klinik für psychische Erkrankungen landet. Im Interview mit HÖRZU verrät die Schauspielerin, wie Sie mit der "Burnout"-Gefährdung im eigenen Leben umgeht.

HÖRZU: Inwiefern nehmen Sie die kollektive Burnout-Gefährdung seit dem Dreh zu "Brief an mein Leben" anders wahr?
Marie Bäumer: Ich finde es schon seit langem bedenklich, dass das Tempo immer mehr zunimmt – und dass wir Menschen innerlich und äußerlich immer mehr unter Druck stehen. Doch es fehlen uns immer öfter die Mittel, dem etwas entgegen zu setzen, weil wir kaum noch gebundene Rituale haben. Die Ethik verkümmert und die Religion wird nicht mehr wirklich gelebt.

Marie Bäumer über politischen Trend: "Jeder Einzelne ist gefragt"

HÖRZU: Woran soll erkennbar sein, dass unsere Ethik verkümmert?
Marie Bäumer: Etwa daran, dass die rechtsextremen Parteien wieder am Start sind – und die AfD fröhlich in immer mehr Landtage einzieht. Wie unheimlich und wahnwitzig sich die Menschen in Deutschland positionieren, ist nicht zu fassen – denn das rechtsextreme Gedankengut ist die komplette Auflösung von Ethik und Empathie (dazu lese ich gerade ein wunderbares Buch, das sich mit dem Dalai Lama und seinen Ansichten über Ethik und Religion beschäftigt). Um dem neuen rechtsextremen Trend etwas entgegenzusetzen, ist jeder Einzelne gefragt. Wir Menschen sollten eine große Bewegung ins Leben rufen und gemeinsam "Nein, Stop!" sagen.


Interview mit Marie Bäumer
Eine Szene aus "Brief an mein Leben" (ZDF, 25.4., 20.15 Uhr): Toni Lehmstedt (Marie Bäumer) plaudert souverän am Telefon, Maria (Christina Hecke) beobachtet sie.
Foto © ZDF / Conny Klein

HÖRZU: Welche Rolle spielt die Digitalisierung beim gesellschaftlichen Burnout?
Marie Bäumer: Mittlerweile werden unsere Daten mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit durch die ganze Welt geschossen. Der Mensch kommt kaum noch hinterher – und unsere seelischen, geistigen und physischen Grundbedürfnisse werden nur noch teilweise berücksichtigt. Manchmal rebelliert der Körper dagegen, indem er nicht mehr "funktioniert". Dann gibt es ein Ungleichgewicht und die betroffenen Menschen erleben ein Burnout oder eine Depression, weil sie zuvor bis an die Lebensgrenze gegangen sind.

HÖRZU: Wie ziehen Sie selbst die innere Handbremse?
Marie Bäumer: Einerseits ist mein Beruf toll und lebendig, weil man sehr viele unterschiedliche Dinge machen kann und viel reist. Doch das Ganze ist auch sehr anstrengend. Deshalb plane ich sehr stringent und versuche in drehfreien Zeiten nicht länger unterwegs zu sein als sieben bis zehn Tage pro Monat. Außerdem lebe ich in einem ruhigen südfranzösischen Dorf, wo der Rhythmus ein anderer ist als in den großen Städten.

Marie Bäumers Entspannungs-Geheimnis: Jeden Tag drei Stunden beim Pferd

HÖRZU: Doch welcher Rhythmus ist überhaupt gesund?
Marie Bäumer: Ich bin ein totaler Ritual- und Rhythmus-Mensch. Ich stehe früh auf, esse regelmäßig und mache – sofern es passt – einen Mittagsschlaf. Außerdem bin ich drei Stunden am Tag beim Pferd und gehe abends früh ins Bett – immer vor Mitternacht. Wenn ich am Wochenende durcharbeite, pausiere ich anschließend ein bis zwei Tage – um herunterzufahren und zu entspannen. Ich akzeptiere, dass ich nicht mehr so fröhlich weiter powern kann wie mit 25. Der Punkt ist, sich das einzugestehen und nicht dagegen anzukämpfen. Außerdem mache ich nicht mehr mehrere Dinge gleichzeitig, sondern versuche eins nach dem anderen zu machen.


Interview mit Marie Bäumer
Bei der ersten Gesprächstherapie mit der Therapeutin Gisela fängt Toni (M.) an zu lachen. (v.l.n.r. : Annette Paulmann, Max Hopp, Antoine Monot jr., Marie Bäumer, Leopold Hornung, Melanie Straub, Christina Große, Anna Stieblich).
Foto © ZDF / Conny Klein

HÖRZU: Ist Ihr Burnout-Film mehr als pure Unterhaltung – und soll er uns auch zur Entschleunigung anhalten?
Marie Bäumer: Ich bin immer sehr vorsichtig mit Denkanstößen, aber dieser Film hat eine Verantwortung und er zoomt ganz nahe heran an einen wunden Punkt in unserem Gesellschaftssystem. Vielleicht macht er einigen Zuschauern klar, dass sie nahe an einem Burnout sind oder sogar schon mal eines hatten. Meistens gucken sich ja sowieso jene Zuschauer solche Filme an, die sich gern mit sich und dem Leben auseinandersetzen.

Marie Bäumer über "Burnout": "Viele sind dem Tempo nicht gewachsen"

HÖRZU: Aber ist Burnout nicht auch eine Modekrankheit? Schließlich haben die vorangegangenen Generationen – etwa die Trümmerfrauen – auch unter extremen Belastungen gelitten, ohne überhaupt Zeit für Verhaltenstherapien zu haben …
Marie Bäumer: Jeder Mensch hat per se das Recht auf sein Glück, seine Balance und sein Wohlbefinden – egal wann, wie und zu welcher Zeit. Natürlich gibt es bestimmte Zeiten, in denen ein System auseinanderbricht oder ein Staat geschwächt ist – ähnlich einem Ameisenhaufen, in dem jemand mit einem Stock herumstochert oder einer Wunde, wo die roten Blutkörperchen alle einberufen werden. Solche Zeit-Phänomene erfordern jede Reserve – genau wie bestimmte Lebensphasen, in denen etwa ein Kind schwer krank ist oder ein Angehöriger verstirbt. Derartige Ereignisse haben Auswirkungen auf das komplette Umfeld. Doch hier ist die Rede von einer völlig anderen Sache – nämlich der, dass immer mehr Menschen unter stärkeren Belastungen leiden und dem zunehmenden Tempo und den Rund-um-die-Uhr-Anforderungen nicht mehr gewachsen sind. Wir sollten mehr darauf achten, ab welchem Punkt eine Sache nur noch vordergründig Spaß macht und in Wirklichkeit längst zu einer Aufgabe geworden ist, von der wir meinen, dass wir sie bewältigen müssen. Und wir sollten humorvoller sein, denn Menschen, die sehr humorvoll sind meistern Krisen besser und leichter.


Interview mit Marie Bäumer
Im Arztzimmer erzählt Toni (Marie Bäumer) von Peter und ihrem Onkel.
Foto © ZDF / Conny Klein

HÖRZU: Inwiefern trägt der Kapitalismus zu unserer Burnout-Krise bei?
Marie Bäumer: Er hat einen sehr starken Einfluss, doch das Kapital befriedigt den Menschen nie in der Tiefe. Eine Gesellschaft, deren Werte sich stark am Materiellen orientieren provoziert automatisch Gewalt – weil es fast immer zu einer Machtausübung kommt. Aus "mehr" soll "immer mehr" werden und es gibt nie einen Zustand des Seins, der Zufriedenheit und der Ausgeglichenheit. In Kulturen wie Bhutan zum Beispiel hingegen, die sich mit dem Kapitalismus überhaupt nicht identifizieren, dominieren die Ruhe, das Miteinander und die Achtsamkeit – während sich unsere Kultur immer mehr von der Ethik, der Religion und der Reflexion entfremdet hat. Diese Dinge sind aber erheblich für die Glücksgefühle des Menschen mitverantwortlich. Dabei können diese Dinge sogar echte Glücksgefühle hervorrufen! Aktuell sind die Therapeuten für viele Menschen in unserer Gesellschaft ein wichtigeres Familienmitglied als ihre biologische Kernfamilie. Ich glaube, dass es ein starker Trugschluss ist zu glauben, dass wir über den Besitz und das Haben etwas finden können, dass uns seelisch befriedigt – und ich bin jedes Mal dankbar, wenn ich feststelle, dass mich kleine Begegnungen und die Liebe zu Natur und Menschen stärker erfüllen als materieller Besitz. Wer spirituell lebt, fürchtet den Verlust viel weniger! Darüber hat der Dalai Lama ein wunderbares Buch geschrieben – mit dem Titel "Ethik ist wichtiger als Religion".

Olivenholzkugel und indianisches Silberkreuz gehören für Marie Bäumer dazu

HÖRZU: Wie religiös sind Sie selbst?
Marie Bäumer: Ich bin ein sehr gläubiger Mensch, der sich seine eigene Religion "gebaut" hat. Das heißt, ich fühle mich als Christin und bin in meinem rebellischen Freiheitwesen sich sehr protestantisch. Dennoch mag ich die Anbetung der Marienfigur – obwohl mir die bizarren Ansichten der katholischen Kirche immer wieder unheimlich sind. Den aktuellen Papst finde ich fantastisch und bete täglich ein indianisches Gebet, das ich auswendig gelernt habe – nachdem es mein Sohn während unserer Reise durch den Wilden Westen zufälligerweise in einer unserer Unterkünfte gefunden hat. Außerdem trage ich fast immer ein Symbol für mich mit mir herum – etwa eine Olivenholzkugel, die mir meine Mutter geschenkt hat oder ein indianisches Silberkreuz, ein Geschenk von einem Kollegen. Für mich hat Glauben in allererster Linie mit absoluter Freiheit zu tun. Diese Einstellung hat mir meine Mutter vorgelebt: Sobald sich etwas in eine dogmatische Richtung entwickelte oder Religion etwas Sektenhaftes bekam, wurde sie extrem vorsichtig und hat sich sofort davon distanziert. Ob das jetzt in den Ernährungsbereich geht oder sich auf andere Grundbedürfnisse des Menschen bezieht – wir sollten uns immer wieder in Toleranz üben und darauf achten, nicht unsere eigenen Glaubenssätze anderen überzustülpen. Ich wäre für eine Gesellschaftsform, die die Grundbedürfnisse des Individuums in den Vordergrund stellen kann und trotzdem einen Gemeinschaftssinn entwickelt, der sicherlich auch durch Glauben geprägt werden kann.


Interview mit Marie Bäumer
Toni (Marie Bäumer) hat Steffi im Stich gelassen. Jetzt muss sie alleine weiterklettern.
Foto © ZDF / Conny Klein

HÖRZU: Haben Sie selbst schon mal unter einem Burnout gelitten?
Marie Bäumer: Nein. Aber ich glaube auch nicht, dass man das braucht, um bei sich selber ganz genau hinzuschauen. Selbst wer geborgen aufgewachsen ist kann sich trotzdem tiefsinnig mit den Dingen beschäftigen.

HÖRZU: Schlussfrage: Was sind Ihre nächsten spruchreifen Projekte?
Marie Bäumer: Ich drehe bald eine liebevolle Familien-Tragikkomödie für’s ZDF – mit Hannelore Elsner als meine Mutter. Am Jahresende steht ein deutsch-französischer Kinofilm auf dem Drehplan, die Regie macht Emily Atef. Außerdem stelle ich meinen ersten eigenen Dokumentarfilm auf die Beine. Doch das Thema will ich jetzt noch nicht verraten …

Autor: Mike Powelz