HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Der damals 19-jährige Matthias Rust und sein Bruder Ingo neben der Cessna 172.

Der 19jährige Hamburger Sportflieger Matthias Rust (links) und sein Bruder Ingo neben der Cessna 172, mit der Mathias Rust am 28. Mai 1987 auf dem Roten Platz in Moskau, nachdem er von Helsinki (Finnland) aus unbehelligt 800 km über die Sowjetunion geflogen war, gelandet ist. - Foto © picture-alliance / dpa

21.5., 23.30 Uhr, Das Erste

Im TV: Doku "Der Kremlflieger"

Es ist früher Abend am 28. Mai 1987. Dreimal schon ist die einmotorige Cessna gefährlich tief über die Köpfe der Menschen auf dem Roten Platz in Moskau geflogen und knapp vorm Boden wieder aufgestiegen. Später wird der Pilot, der damals 19-jährige Mathias Rust, erklären, dass er mit diesem Manöver niemanden gefährden wollte, dass es sein Ziel war, die Leute zu vertreiben. Doch das Gegenteil tritt ein. Die Menschen strömen staunend auf den Platz, zücken ihre Fotoapparate und Videokameras. Mathias Rust landet schließlich auf der nahen Großen Moskwa-Brücke, dann parkt er sein Flugzeug neben der Basilius-Kirche, die direkt am Roten Platz liegt, ordentlich ein.

Die sensationelle Landung mitten in Moskau schlägt hohe Wellen in Ost und West. Noch heute erscheint vielen unmöglich, dass dies einem naiven jungen Mann aus dem Hamburger Vorort Wedel ohne Hilfe gelingen mochte. Wie konnte er 700 Kilometer weit unbemerkt in sowjetisches Hoheitsgebiet eindringen? Die russische Luftabwehr galt bis dahin als unüberwindbar. Wie schaffte er es, in der unübersichtlichen Millionenmetropole auf Anhieb den relativ kleinen Roten Platz zu finden? Fragen, denen auch Filmautorin Gabriele Denecke (siehe Interview weiter unten) für die Doku "Der Kremlflieger" (21.5., 23.30 Uhr, Das Erste; TV-Tipp rechts) nachgeht.

Was hält sie von den Verschwörungstheorien, Rusts Flug sei inszeniert gewesen, um das russische Militär zu düpieren und den unliebsamen Verteidigungsminister Sokolow loszuwerden? "Drei Abwehrringe zu überwinden, nicht abgeschossen zu werden, den Platz zu finden und dort zu landen, ohne vorher da gewesen zu sein – das erscheint tatsächlich wie ein Wunder", sagt Denecke. "Es hat das Selbstwertgefühl der Supermacht empfindlich getroffen. Ich glaube, der damalige Präsident Gorbatschow nutzte den Skandal, um unliebsame Gegenspieler beim Militär zu entmachten."

Mathias Rust: doch nur ein jugendlicher Spinner?

Mehrere Generäle wurden geschasst, ebenso der Verteidigungsminister und sein Stellvertreter. Offiziere, die mit der Schande nicht leben konnten, begingen Selbstmord. Mathias Rust aber wird zum Medienstar. Die Presse feiert ihn als "Teufelsflieger". Er selbst begründet seinen Flug damit, dass er "Bewegung in die festgefahrenen Abrüstungsgespräche zwischen Ost und West bringen wollte". Als Vorbild nennt er den Science-Fiction-Helden Perry Rhodan, einen einsamen Weltenretter.

War Mathias Rust doch nur ein jugendlicher Spinner? Die Russen verurteilen ihn zu vier Jahren Haft. 432 Tage verbringt er im Knast, seine frühzeitige Entlassung verdankt er vor allem den guten Beziehungen des deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher zu Gorbatschow.

Mathias Rust bricht das Schweigen

Mathias Rust selbst profitiert von seinem Husarenstück nicht. Aus verschmähter Liebe wird er gewalttätig, lebt vom Pokerspielen. Er heiratet zweimal, eine Polin und eine Inderin. Heute sei er Finanzanalyst, sagt er Autorin Gabriele Denecke, die ihn nach Jahren des Schweigens zum Gespräch überredet. Was hat sie dabei am meisten berührt? "Dem, der da durch die Tür kam, hätte man diesen altklugen, schmächtigen Jungen von damals nicht abgenommen. Ich war angenehm überrascht, dass er sogar mit Selbstironie über seine Tat reflektieren konnte." Sie wiederholen würde er nicht mehr: "So was macht man nur, wenn man die Konsequenzen nicht kennt."


Interview mit der Autorin Gabriele Denecke
"Die Landung in Moskau war ein Wunder"

HÖRZU: Was hat Sie beim Gespräch mit Mathias Rust am meisten überrascht?

Gabriele Denecke: Der, der da durch die Tür kam, hatte mit dem altklugen, schmächtigen Jungen von damals nichts mehr zu tun. Ich war angenehm überrascht, dass er sogar selbstironisch über die Tat reflektieren kann.

HÖRZU: War der Flug wirklich so tollkühn?

Gabriele Denecke: Die Landung war ein Wunder. Er musste drei Abwehrringe der Militärs überwinden, durfte nicht abgeschossen werden. Dann den relativ kleinen Roten Platz finden und sicher landen.

HÖRZU: Glauben Sie den Verschwörungstheorien, dass Ex-Präsident Gorbatschow den Flug inszeniert hat?

Gabriele Denecke: Ich glaube, er hat ihn genutzt, um unliebsame Gegenspieler beim Militär zu entmachten.

HÖRZU: Vielen Dank, Gabriele Denecke, für das Interview.

Autor: Sabine Goertz-Ulrich