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Nick Reynolds, Sohn des Bandenchefs Bruce Reynolds.

Nick Reynolds, Sohn des Bandenchefs Bruce Reynolds: "Mein Gott, was hatte mein Dad nur getan?" - Foto © Lichtblick Film

Dokudrama am 02.08., 20:15 Uhr, Arte

Im TV: ''Die Gentlemen baten zur Kasse''

Das Dokudrama "Die Gentlemen baten zur Kasse" (02.08., 20:15 Uhr, Arte) zeigt zum 50. Jahrestag des britischen Postzugüberfalls bisher noch unveröffentlichtes Material – und ist dabei spannend wie ein guter Krimi.


TV-Tipp

02.08.2013, Arte, 20.15 Uhr
Dokudrama "Die Gentlemen baten zur Kasse"

06.08.2013, ServusTV, 20.15 Uhr.
Teil 2 am 8.8.


Siebzig Beamte sortieren in der Nacht zum 8. August 1963 im Postzug von Glasgow nach London Briefe. Sie denken sich nichts dabei, als der Zug auf freier Strecke hält. Sie bekommen nicht mit, wie der Lokführer Jack Mills bewusstlos geschlagen wird. Und auch nicht, dass sie abgekoppelt werden. Die Lok fährt nur mit dem ersten Waggon weiter – darin überwältigte Wachmänner und Pfundnoten im heutigen Wert von 50 Millionen Euro, die zum Schreddern gebracht werden sollten. An einer einsamen Brücke stoppt die Bande die Lok und lädt die Geldsäcke in Lkw um.

Diese Tat erschüttert das Vereinigte Königreich bis in seine Grundfesten – wegen der extrem hohen Beute, aber auch wegen der Genialität und Präzision, mit der der Überfall ohne Schusswaffen geplant und ausgeführt wurde. Zum 50. Jahrestag des Raubs vereint Regisseur Carl-Ludwig Rettinger jetzt in einem Dokudrama (siehe Sendehinweis) Spielszenen aus dem 47 Jahre alten TV-Film "Die Gentlemen bitten zur Kasse" (siehe unten), nachgestellte Szenen, Zeitzeugeninterviews und historische Aufnahmen.


Der TV-Krimi zum echten Fall mit Derrick

Dokudrama Die Gentlemen baten zur Kasse

Horst Tappert (rechts) als Bandenchef Michael Donegan. - Foto © NDR

Der erfolgreichste Fernsehfilm Deutschlands: "Die Gentlemen bitten zur Kasse" war 1966 ein Straßenfeger. Gedreht wurde in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und mit versteckter Kamera in England – die Behörden verweigerten Drehgenehmigungen. Regisseur John Olden (Ehemann von Inge Meysel) starb während des Drehs. Claus Peter Witt setzte die Arbeit fort, für die beide mit der GOLDENEN KAMERA von HÖRZU geehrt wurden.


Sein Film spiegelt die damalige gesellschaftliche Stimmung wider und vermittelt eine Ahnung davon, wie aus einem Raub ein Jahrhundertmythos werden konnte. Denn bis auf den heutigen Tag genießen die 15 Täter große Sympathien in der Bevölkerung. Rettinger: "Es geht dabei nicht zuletzt um Sehnsüchte, die wir alle kennen: möglichst schnell einen Durchbruch zu erreichen, viel Geld zu haben. Und um die Frage: Wie weit gehe ich dafür?"

Für ihren zweifelhaften Ruhm haben alle Posträuber teuer bezahlt, auch wenn von der Beute nur ein kleiner Teil wieder aufgetaucht ist. Die Strafen jedenfalls fallen drakonisch aus: Schon 1964 sind die meisten Beteiligten verhaftet, sie werden großteils zu 30 Jahren Zuchthaus verurteilt, ohne Aussicht auf vorzeitige Haftentlassung. Die Justiz will an ihnen eben ein Exempel statuieren – und wird doch zwei weitere Male peinlich bloßgestellt: Erst bricht Charlie Wilson aus, dann Ronald Biggs. Der wird zum Star der Postzugräuber, setzt sich nach Australien ab, später nach Brasilien.

Posträuber England

Nach heutigem Wert fünf Millionen Euro setzte die Polizei für Hinweise auf die Täter (siehe Bild) aus. - Foto © picture-alliance / dpa

Dort gibt er Interviews, nimmt Platten mit den Sex Pistols und den Toten Hosen auf und geht gegen Honorar mit Touristen frühstücken. Erst 2001 kehrt der inzwischen schwer kranke 71-Jährige nach England zurück, wo er verhaftet und für acht Jahre in einen Hochsicherheitstrakt gesteckt wird. Bruce Reynolds, der Kopf der Bande, flieht mit Frau und Sohn zunächst nach Mexiko, dann in die USA. "Es war sein Traum, auf den Spuren der großen Gangster und Outlaws unterwegs zu sein, wir fuhren durch ganz Amerika", erinnert sich sein Sohn Nick.

Der 52-Jährige spricht in der Doku über seinen Vater und stellte Super-8-Filmaufnahmen aus Familienbesitz zur Verfügung. Nick lebt in London, stellt Totenmasken her und ist Teil der Band Alabama 3, von der etwa die Titelmusik der TV-Serie "Die Sopranos" stammt. "Ich wusste, dass wir vor etwas davonlaufen, aber ich hatte keine Ahnung wovor. Es war für mich wie ein Spiel", erzählt er.

Als nach der verdeckten Rückkehr nach England am Morgen des 8. November 1968 zwei Dutzend Polizisten das Haus stürmen, bricht für den Siebenjährigen eine Welt zusammen: "Ich wusste: Die Polizisten sind die Guten. Aber, mein Gott, wer ist dann Dad? Was hatte er getan?" Hat Nick den Vater überhaupt als Kriminellen wahrgenommen? "Als er noch ein Krimineller war, wusste ich das nicht. Und als er aus dem Gefängnis kam, war er kein Krimineller mehr."

Autor: Thomas Röbke