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Kerkeling Ich bin dann mal weg

Devid Striesow und Hape Kerkeling bei der Weltpremiere von "Ich bin dann mal weg".
Foto: picture alliance/Eventpress

Exklusiv-Interview mit Hape Kerkeling

"Ich bin mein schärfster Kritiker"

Das laute Lachen ist schon auf dem Flur zu hören. Hape Kerkeling ist bestens gelaunt, als er HÖRZU in einem Hotel am Berliner Ku’damm zum Gespräch trifft. Weites blaues Hemd, darüber Jackett, entspannte Gesichtszüge.

Der Künstler fühlt sich in seinem neuen Lebensabschnitt jenseits der großen Showbühne äußerst wohl. Seine öffentlichen Auftritte sind zur Rarität geworden, aber: Am 24. Dezember startet die Verfilmung seines Bestsellers "Ich bin dann mal weg" im Kino. Anlass für ein Exklusiv-Interview.

Exklusiv-Interview mit Hape Kerkeling

"Ich habe nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, mich selbst zu spielen."

HÖRZU: Auf dem Jakobsweg stellten Sie sich die Frage: Wer bin ich? Warum haben Sie etwas so Intimes überhaupt öffentlich gemacht - in einem Buch, das jetzt sogar verfilmt wurde?

Hape Kerkeling: Eigentlich hatte ich es nicht vor. Das Tagebuch auf dem Jakobsweg habe ich allein aus dem Grund geschrieben, weil in meinem Reiseführer stand: "Es könnte sein, dass Ihnen zwischendurch langweilig wird." Und das wird es in der Tat! Nach der Reise habe ich meine Notizen in die hinterste Ecke meines Schrankes gelegt. Dann hatte ich einen Auftritt bei "Sandra Maischberger", und hinter den Kulissen saß auch Reinhold Messner und erzählte vom Bergsteigen. Er fragte mich, ob ich irgendeine Erfahrung hätte. "Nein", habe ich gesagt. "Ich bin nur mal 600 Kilometer gelaufen, den Jakobsweg", habe ich noch gesagt, und dass ich es jetzt nicht vertiefen möchte. Das bekam Sandra Maischberger mit.

HÖRZU: Ihr Bestseller hat bei den Deutschen ein ganz neues Thema gesetzt und eine große Sehnsucht geweckt. Was hat das Buch mit Ihnen gemacht?

Hape Kerkeling: Es hat mein Leben auf den Kopf gestellt in einer Form, die mir gut gefällt.

HÖRZU: Haben Sie damals, als Sie es geschrieben haben, je daran gedacht, dass es auch ein Filmstoff sein könnte?

Hape Kerkeling: Sagen wir mal so: Ich habe es so geschrieben, dass daraus ein Film hätte werden können. Das hat aber den einfachen Grund, dass ich wie ein Drehbuchautor gearbeitet habe. Ich denke filmisch. Insofern ist alles, was ich schreibe, gewissermaßen auch immer wie eine Vorlage zu einem Film.

HÖRZU: Nico Hofmann war Chef der Kinoproduktion. Wie groß war Ihr Einfluss?

Hape Kerkeling: Ich hatte bei allem ein Mitspracherecht. Beim Drehbuch war mir besonders wichtig, den Geist des Buches zu erhalten.

HÖRZU: Wie gefällt Ihnen der Film?

Hape Kerkeling: Ich bin sehr glücklich. Schauspieler und Inszenierung sind toll, es haut alles hin.

HÖRZU: Wie war Ihr Gefühl, als Sie den Kinofilm das erste Mal gesehen haben?

Hape Kerkeling: Ich war sehr nervös. Der Film beginnt mit einem kurzen Offtext, den Devid Striesow spricht. Das ist der Originaltext aus meinem Buch, und ich war der festen Überzeugung, das sei meine Stimme. "Haben sie die einfach aus dem Hörbuch genommen", habe ich mich gefragt. Insofern hatte Devid mich schon in der ersten Minute, weil ich dachte, er wäre ich. Mehr kann man nicht wollen.

HÖRZU: War die Spannung bei der ersten Vorführung so wie bei eigenen Filmen?

Hape Kerkeling: Wenn ich in meine Filme gehe, weiß ich schon, dass ich mit einer Fresse rauskomme, weil ich es wieder nicht geschafft habe, so überzeugend zu spielen, dass auch ich begeistert bin als mein kritischster Zuschauer. Ich bin noch nie aus einer Vorführung, in der ich die Hauptrolle spielte, rausgegangen und habe gesagt: "Toll!" Sondern: "Na ja, geht so." Das ist frustrierend. Es kann sogar körperlich richtig weh tun.

HÖRZU: Haben Sie nie darüber nachgedacht, sich in diesem Film selbst zu spielen?

Hape Kerkeling: Nicht eine Sekunde. Es ist 15 Jahre her, dass ich diesen Weg gelaufen bin. Ich sehe mich außerstande, mit 51 mein 36-jähriges Ich darzustellen. Abgesehen davon wäre es narzisstisch zu sagen: "So, jetzt spiele ich meine Erfahrungen noch mal vor."

HÖRZU: Haben Sie während des Films geweint?

Hape Kerkeling: Ja, es gab einige Stellen. Devid berührt sehr in seinem Spiel. Besonders, als er einen Weinanfall bekommt in der Begegnung mit Gott. Das ist ein sehr nackter Moment.

HÖRZU: Als die Vorstellung vorbei war, hatten Sie direkt Lust, wieder loszulaufen?

Hape Kerkeling: Nein, aber vielleicht mache ich es irgendwann noch mal.

HÖRZU: Haben Sie die körperliche Anstrengung damals unterschätzt?

Hape Kerkeling: Völlig. Ich dachte, es sei ein bisschen spazieren gehen mit Rucksack. Trotzdem: Jeder, der es machen will, soll es machen. Am Ende kommt es nicht auf die körperliche Verfassung an, sondern auf die geistige.

HÖRZU: Sie waren auch einmal im Kloster. Wie unterscheidet sich diese Art der Auszeit vom Jakobsweg? Und was würden Sie mehr empfehlen?

Hape Kerkeling: Ins Kloster sollte man, wenn man vielleicht irgendeine Form von Verletzung heilen will. Wenn man dagegen unruhig ist, sollte man eher den Jakobsweg gehen.

HÖRZU: Sie haben sich vor zwei Jahren nach langer Ankündigung von der großen TV-Bühne verabschiedet. Kam Ihnen diese Idee auf dem Jakobsweg?

Hape Kerkeling: Die Deadline für mein Showende ist an meinem allerersten Tag in einem Studio im Jahr 1984 entstanden. Ich habe gedacht: "Auf was habe ich mich denn da eingelassen? Die sind ja alle komplett irre! Ich bin in einem Job gelandet, in dem ich von Irren und Wahnsinnigen umgeben bin, von Tyrannen, Narzissten, Drogenabhängigen, Alkoholsüchtigen. Was soll ich hier?" Das habe ich 30 Jahre lang ausgehalten. Irgendwann ist dann auch mal gut.

HÖRZU: War der Abschied befreiend wie erhofft?

Hape Kerkeling: Der Abschied war ein einziges Juchhe. So, wie ich in die Branche hineingekommen bin, genauso bin ich wieder rausgegangen.

HÖRZU: Dabei war es doch schon als Kind Ihr Traum, Shows zu moderieren. Was würden Sie mit der Erfahrung von heute dem sechsjährigen Hans-Peter von damals raten?

Hape Kerkeling: Ich würde ihn anlügen. So wie das Leben mich damals auch angelogen hat. Das könnte ich dem Jungen doch nicht antun und ihm ernsthaft sagen, was da alles auf ihn zukommt. Ich würde ihm ganz einfach sagen: "Mach du mal!"

HÖRZU: Ist das Leben als Showstar anstrengender, als viele ahnen?

Hape Kerkeling: Es kommt drauf an, wie man damit umgeht. Ich habe es als anstrengend empfunden - was der Zuschauer nicht merken darf. Das macht es besonders anstrengend. Man kann auf der Bühne nicht sagen: "Boah, ist das anstrengend", sondern: "Guten Abend, meine Damen und Herren, es fällt mir leicht!" Tut es auch, wenn man genug dafür arbeitet.

HÖRZU: Wie hat sich das Fernsehen im Lauf Ihrer Karriere verändert?

Hape Kerkeling: Als ich anfing, war es Haute Couture. Man hat sich Zeit genommen. Vier Wochen für die Vorbereitung, eine für die Probe. Heute ist es Prêt-à-porter. Man hat einen Tag Vorbereitung und einen halben Tag Probe. So spontan sein zu müssen hat auch seinen Reiz. Aber man kann unter diesen Umständen keine Qualität mehr abliefern, wie ich sie mir wünsche. Das ist einer der Hauptgründe für meinen Abschied. Abgesehen davon: Der Druck ist enorm, man muss funktionieren, diszipliniert sein, immer die Nerven beieinander haben. Diesen Moment des Schwächelns, den man sich in dieser Situation nicht erlauben könnte, möchte ich bei mir nicht erleben.

HÖRZU: Quotenkönig oder Bestsellerautor - Sie sind beides. Was gefällt Ihnen besser?

Hape Kerkeling: Ich bin beides, ich bin fantastisch. Ich bin Quotenkönig, ich bin Bestsellerautor, und ich sehe fantastisch aus. Miss Germany bin ich auch. Wahrscheinlich wäre ich das eine nicht ohne das andere. Also einigen wir uns auf Bestsellerkönig.

HÖRZU: War der Erfolg Ihres ersten Buches Antrieb für das zweite?

Hape Kerkeling: Nein, ich scheibe einfach gern. "Der Junge muss an die frische Luft" sollte eigentlich eine klassische Autobiografie werden. Bis ich dachte: "Gott, wie langweilig!"

HÖRZU: Auch dieser Titel soll verfilmt werden.

Hape Kerkeling: Darüber freue ich mich. Zurzeit wird die erste Drehbuchfassung entwickelt, alles andere ist noch offen.

HÖRZU: Wie sieht Ihr Arbeitstag heute aus?

Hape Kerkeling: Ich gebe Lesungen und verwalte das, was ich die letzten 30 Jahre gemacht habe. Das ist eine Menge Arbeit. Ansonsten mache ich Musik und zeichne Karikaturen.

HÖRZU: Sie haben den Applaus geliebt. Sind Ihre Lesereisen ein kleiner Bühnenersatz?

Hape Kerkeling: Die Lesereisen bringen mich zurück zu meinem Ursprung: Als ich mit 17 Jahren angefangen habe, saß ich an einem Tisch, hatte geschriebene Dinge vor mir und habe sie einem Publikum vorgelesen. Und so endet meine Karriere jetzt auch wieder: Ich sitze an einem Tisch und lese Leuten etwas vor.

HÖRZU: Hätten Sie noch mal Lust auf einen Neuanfang? Sie haben mal von der Idee gesprochen, Schäfer in Neuseeland zu sein. Oder war das mit Augenzwinkern?

Hape Kerkeling: Da bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob das mit Augenzwinkern war. Es könnte in die Richtung gehen. Was auch immer der Neuanfang wäre, eines weiß ich sicher: Er wäre nicht in der Öffentlichkeit. Insofern ziehe ich an dieser Stelle den Vorhang zu.

Autor: Mirja Halbig