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heute-journal Claus Kleber und Gundula Gause

Die Hauptmoderatoren des "heute-journals" Claus Kleber und Gundula Gause. Foto: ZDF

Wettlauf um News

Hinter den Kulissen des "heute-journals"

HÖRZU begleitete das ZDF-Team um Claus Kleber und Gundula Gause und erlebte den Wettlauf um die wichtigsten Nachrichten des Tages.

Ein dramatisches Gerichtsurteil, das Politchaos in Berlin, die Folgen des Abgasbetrugs für den VW-Konzern, das größte von Menschen gebildete Peace-Zeichen der Welt: Mit diesen Aufmachern geht das "heute-journal", Deutschlands quotenstärkstes Nachrichtenmagazin, am 6.10. auf Sendung. Pünktlich um 21.45 Uhr.

Doch wie wählen Claus Kleber und Gundula Gause diese Topthemen aus? Wie recherchiert ihr 40-köpfiges Team die Hintergründe? Was genau ist das Erfolgsrezept der großen News-Sendung des ZDF? Seit 2007 lockt sie kontinuierlich mehr Zuschauer an - anders als die ARD-Konkurrenz "Tagesthemen".

Um das Erfolgsgeheimnis zu lüften, begleitete HÖRZU die Hauptmoderatoren Kleber und Gause einen Tag lang auf dem Mainzer Lerchenberg, dem Stammsitz des ZDF, beim Kampf um die besten News und beim spannenden Countdown zur Sendung.

14:30 Große Redaktionskonferenz

60 Minuten lang diskutiert Claus Klebers Redaktion das Topthema des Tages: Am Vormittag hat der Europäische Gerichtshof das sogenannte "Safe Harbor"-Abkommen zwischen der EU und den USA kassiert, einen Vertrag, der vortäuscht, in Amerika seien private Daten so gut geschützt wie hierzulande. In Wirklichkeit aber sammeln Privatfirmen alle möglichen Informationen in Deutschland - und US-Geheimdienste saugen sie im Hintergrund ab. Zum Platzen gebracht hat das Abkommen der österreichische Jungjurist Maximilian Schrems (28), ein Facebook-User. Klebers Redaktion ist begeistert von der David-gegen-Goliath-Geschichte. Deshalb steht sie schon seit 9 Uhr auf der Agenda.

Zu dieser Zeit hat Kleber bereits am heimischen Schreibtisch gearbeitet, internationale News studiert, viel telefoniert. Fünfeinhalb Stunden später diskutieren er und sein Team die wichtigsten Folgen des Urteils: "Wird der europäische Datenschutz nun besser? Wie reagiert Google? Welche Konsequenzen hat die Akte Schrems für Firmen und Bürger? Welche Experten können die Datenkrake USA am besten erklären?" Die Redakteure schwirren aus: Claudia Wohland wird das Thema am Abend in einem großen Beitrag erläutern und Expertenstimmen einholen. Ihr Kollege Andreas Weise beobachtet die Reaktionen der Politiker. Zudem braucht die Redaktion ein Interview oder einen Kommentar, beim "heute-journal" auch "Zwischenruf" genannt. Das Team beschließt, Internetblogger Sascha Lobo anzufragen.

Anschließend werden weitere Themen debattiert: Wie verändert Peter Altmaiers Ernennung zum Gesamtkoordinator in der Flüchtlingskrise die Machtstrukturen in Merkels Kabinett? Was verkündet der neue VW-Chef Matthias Müller vor dem Gesamtbetriebsrat? Bei so viel Dramatik drängt Kleber auf einen versöhnlichen Ausklang der Sendung: "John Lennons Witwe Yoko Ono will zu Ehren des Beatles-Sängers in New York das größte Peace-Zeichen aus Menschen formen - denn Lennon wäre 75 geworden." Als die Redakteure um 15.30 Uhr aus dem Konferenzraum strömen, folgt HÖRZU Claus Kleber in sein Büro.

15:54 Ein Internetaufruf von Kleber

Der Anchorman bittet 164.000 Menschen, die seine Arbeit im Internet verfolgen, ihm mitzuteilen, was sie sich vom Schrems-Urteil erhoffen. Dazu wählt er den Nachrichtendienst "Twitter"– und diese Frage: "Wird das Gerichtsurteil für die User, Konsumenten und Opfer etwas ändern?" Die Antworten treffen im Sekundentakt ein. Kleber: "Twittern ist ein schnelles Informationsmittel. Als in Brüssel über Griechenland verhandelt wurde, haben mich Insider auf Twitter schnell über neue Trends informiert, noch bevor Agenturen damit rauskamen. Natürlich übernehmen wir solche Infos nie ungeprüft, aber vieles lässt sich nach der Twitter-Lektüre besser einordnen."

17:30 Zwischenbilanz

Viele Telefonate, E-Mails und Gespräche später wird die abendliche Sendung neu strukturiert. Die Redakteure stellen ihre Zwischenergebnisse vor: Sascha Lobo, eigentlich eingeplant für den "Zwischenruf", ist krank. Deshalb entscheidet Kleber, ein "dialogisches Studiogespräch mit meinungseinordnenden Inhalten zu führen". Das heißt: ein Interview mit dem Sicherheits- und Terrorexperten des ZDF, Elmar Theveßen. Zudem werden die Reportageblöcke zum Thema Datenschutz neu geordnet.

Zeitgleich kommt die Meldung, dass der US-Korrespondent Johannes Hano ein exklusives Interview mit Yoko Ono geführt hat. "Exklusive Meldungen", so der Anchorman zu HÖRZU, "sind gar nicht so wichtig für uns, wie viele glauben. Wir freuen uns natürlich, wenn wir etwas exklusiv haben, aber ich tausche jede Exklusiv-Info gegen einen besonderen Zugang zu einem Thema, das von großem Interesse ist."

Diese Besonderheit entsteht beim "heute-journal" auch dadurch, dass in alle Richtungen skeptisch nachgefragt wird. Claus Kleber: „Ich nehme grundsätzlich meinem Gegenüber das, was es mir erzählt, nicht ohne Weiteres ab. Das heißt nicht, dass ich jeden für einen Lügner halte – ich halte vielmehr die nötige professionelle Distanz."

17:55 Ein wichtiger Bericht

Claus Kleber plant kurz entschlossen einen zusätzlichen Film ein, der erst 30 Minuten zuvor einging. Er zeigt die katastrophalen Zustände vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, kurz Lageso: Tausende von Flüchtlingen warten hier wochenlang auf einen Termin. Berlin könnte längst den Notfall ausrufen. Tage später sorgen diese Missstände, aufgedeckt von den "heute-journal"-Autoren Lisa Jandi und Carsten Behrendt, deutschlandweit für Furore. Das "heute-journal" hat ein wichtiges Thema gesetzt, das viele aufgreifen.

18:30 Jagd nach wertvollen Extras

Mittlerweile hat Gundula Gause die acht wichtigsten News des Tages ausgewählt. Seit einigen Stunden textet sie ihre Meldungen - anders als bei den "Tagesthemen" sind beim "heute-journal" alle Sprecher studierte Journalisten. Für Gause ist es extrem wichtig, jede Nachricht um eine bislang unbekannte Zusatzinfo anzureichern. Deshalb bemüht sie sich nun um einen O-Ton von Bundespräsident Joachim Gauck, der zur Stärkung des transatlantischen Bündnisses auf USA-Reise ist. Und sie bekommt ihn! Gauck fordert ein stärkeres Engagement der USA in der Flüchtlingskrise, denn schließlich seien auch aus US-Einsätzen "Flüchtlingssituationen" entstanden: "Daran beißt die Maus keinen Faden ab."

19:30 Vertrauliche Insider-Infos

Die heiße Phase beginnt: Kleber schreibt Moderationen. Um Insiderwissen einzuholen, telefoniert er immer wieder vertraulich mit Informanten - Codewort "unter drei". Parallel spricht er permanent mit der Schlussredaktion, die die fertigen Reportagen abnimmt. Kurzerhand schmeißt das Team die vier Themenblöcke zum Urteil des Europäischen Gerichtshofs noch einmal komplett um, sortiert alles anders. Nun ist es stimmig.

Um 20.20 Uhr eilt Gause in die Maske, um 21.30 Uhr zu Kleber ins virtuelle Studio, immense 690 Quadratmeter groß. Dort wartet auch schon Experte Theveßen. Kleber und Gause positionieren sich hinter dem markanten Tisch, der längst Markenzeichen der Sendung ist: 11,70 Meter aus Nussbaum, Stahl und Kohlefaser.

21:44 Auf Sendung

Das "heute-journal" kann bis zur letzten Minute aktualisiert werden, ja sogar in der Livesendung. Ist die Kamera nicht auf ihn gerichtet, wechselt Kleber mehrmals seine Standposition. Nach der Sendung bilanziert er: "Heute war die Produktion zäh. Wir haben die Sendung zweimal umgeschmissen." Beim nächtlichen Feedback um 22.25 Uhr zeigt sich das Team dennoch zufrieden und lobt die Entscheidung, den Zuschauern das Schrems-Urteil erklärt zu haben. Kleber aber hat etwas gefehlt: "Die musikalische Unterlegung von 'Give Peace A Chance' am Ende des Yoko-Ono-Beitrags." Ein Perfektionist eben.

Autor: Mike Powelz