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TV-Reporter Sven Kuntze liest im Kloster Himmerod in der Bibel.

''Gläubig auf Probe'': TV-Reporter Sven Kuntze liest im Kloster Himmerod in der Bibel. / Fotos. © WDR/good karma productions

Sendung: 31.10., 22.45 Uhr, Das Erste

''Gläubig auf Probe''

Als Kind ging Sven Kuntze jeden Sonntag in die Kirche. Damals, in den Nachkriegsjahren, gehörte in dem badischen Weinstädtchen Durbach der Glaube an Gott so selbstverständlich zum Leben wie die Luft zum Atmen. Bei den Kuntzes schien alles in bester römischkatholischer Ordnung: Der Knabe war getauft, saß mit der Familie im Gestühl vorn rechts in der Kirche St. Heinrich und folgte der Liturgie.

Heute, beinahe sieben Jahrzehnte später, mag der bekannte Politikjournalist und ehemalige ARD-Korrespondent Kuntze fast selbst nicht glauben, dass er nicht glauben kann. "Aber schon als Kind fehlte mir die spirituelle Ader", sagt der heute 69-Jährige im Gespräch mit HÖRZU. Der Kirchgang war ihm mehr Pflicht als Herzenssache. Dunkle Kapitel wie Missbrauch oder Zwang gab es nicht. "Ich habe den Glauben irgendwann liegen lassen wie einen alten Handschuh", erklärt Kuntze.

Mit 21 Jahren trat er aus der Kirche aus, rebellierte wie viele seiner Generation gegen Althergebrachtes. Kuntze studierte, machte Karriere als Moderator ("ARD Morgenmagazin") und TV-Journalist, war viele Jahre ARD-Korrespondent in New York und Berlin. Jetzt im Ruhestand hat der Wahl-Berliner endlich Zeit, sich wieder dem "abgelegten Handschuh" seiner Jugend zu widmen, denn das Thema Glauben rumort schon lange in ihm: "Mir fehlt dieses innere Strahlen, diese Honigklumpen- Gegenwelt der Religion. Darauf war ich immer neidisch. Das wollte ich auch."

Mit seinem Selbstversuch "Gläubig auf Probe" (Montag, den 31.10., 22.45 Uhr, im Ersten) knüpft er an seine Reihe einfühlsamer, selbstironischer und preisgekrönter Ich-Reportagen an: Für "Alt sein auf Probe" (2008, Deutscher Fernsehpreis) zog er sieben Wochen in ein Altenheim. In "Gut sein auf Probe" (2009) half er bei ehrenamtlicher Arbeit – im Hospiz, bei Jugendlichen oder "auf Platte" bei Obdachlosen.

Ramadan im Ruhrpott

In "Gläubig auf Probe" besucht Sven Kuntze nun sehr unterschiedliche tief religiöse Menschen. Seine Hoffnung: Gott spüren, Sinn sehen, Trost erfahren. Er verbringt zwei Wochen in einem Schweigekloster in der Eifel, begleitet buddhistische Mönche bei ihrem Almosengang in der fränkischen Provinz und fastet mit einer muslimischen Familie zum Ramadan im Ruhrpott.

Was hat ihn am meisten überrascht? "Die Gastfreundschaft und Offenheit der Muslime", sagt Kuntze. "Außerdem ging es in der Moschee viel lockerer zu, als ich erwartet hatte."

Die wohl bizarrste Erfahrung macht er mit dem "himmlischen" Medium Ute Sorgalla, das nach eigener Aussage für ihn mit Engeln sprach. "Trotzdem eine absolut lebenstüchtige Frau", staunt Kuntze.

In Brandenburg besucht er ein ungewöhnliches Sozialprojekt: Auf der "Fazenda da Esperança", dem "Hof der Hoffnung", leben 20 junge Suchtkranke und Straftäter innerhalb einer katholisch geprägten Gemeinschaft – für viele der Gestrauchelten die letzte Chance. Auf der Fazenda trifft Kuntze auch Schwester Gertraud. Die Nonne des Franziskanerordens erzählt ihm vom Jenseits: Im Himmelreich ziehe jeder Neuankömmling in eine der Wohnungen des Herrn.

Schwester Gertraud trägt genau jene tröstliche Welt in sich, nach der sich Sven Kuntze sehnt – und die er bis heute nicht gefunden hat. Immerhin wurde der Schnupper-Christ durch die Dreharbeiten von seinen Vorurteilen bekehrt: "Vorher dachte ich, Gläubige wären engstirnige Menschen oder irgendwelche Freaks. Aber ich traf Männer und Frauen mit Ausstrahlung, Wärme und Gelassenheit."

Auch nach dem Ende der Dreharbeiten ließ ihn das Thema nicht los: Im August pilgerte er westlich von Berlin auf einem alten Teil des Jakobswegs und ging dabei 250 Kilometer in zehn Tagen – ohne Kamera. Das Wandern in der Natur empfand er als herrlich, doch die göttliche Offenbarung blieb auch dort aus. "Es ist wohl schwer, im Alter eine spirituelle Ader zu wecken", meint der Vernunftmensch.

Trotzdem meditiert er noch alle paar Tage auf einem selbst gezimmerten Bänkchen. Und sein höchst sehenswertes TV-Abenteuer als Teilzeit-Gläubiger möchte Sven Kuntze nicht missen: "Ob man ankommt oder nicht: Die Suche, das Sehnen und das Hoffen lohnen sich."

Autor: Dagmar Weychardt