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Rückkehr aus dem Krieg Elf Jahre Bundeswehr in Afghanistan

ARD/MDR RÜCKKEHR AUS DEM KRIEG, "Elf Jahre Bundeswehr in Afghanistan", am Montag (08.07.13) um 22:45 Uhr im ERSTEN. Armut in Afghanistan, zehntausende Kinder arbeiten als Schuhputzer oder Bettler. - Foto: © MDR/Thomas Kasper

TV-Doku: "Rückkehr aus dem Krieg"

Elf Jahre Bundeswehr in Afghanistan

Kanzlerin Angela Merkel wiederholt es immer wieder: "Wir lassen Afghanistan nicht im Stich." Was aber passiert, wenn die Bundeswehr 2014 abzieht? HÖRZU erklärt die Situation mithilfe zweier erfahrener, ortskundiger Experten.


Sendehinweis: "Rückkehr aus dem Krieg"

Mo, 8.7., Das Erste, 22.45 Uhr
Elf Jahre Bundeswehr in Afghanistan. Ein Film von Jürgen Osterhage (siehe auch TV-Tipps rechts).


HOERZU: Warum ist die Bundeswehr in Afghanistan?

Auslöser war der Anschlag vom 11. September 2001 in New York. Die Terrorgruppe al-Qaida, die ihn unter Führung von Osama Bin Laden verübte, bildete viele ihrer Mitglieder in Camps in Afghanistan aus. Am Einsatz der internationalen Truppe Isaf beteiligen sich insgesamt 50 Staaten. Seit Januar 2002 sind auch deutsche Soldaten am Hindukusch aktiv. Ziel der Bundesregierung ist "die schrittweise Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanische Regierung". Dadurch solle die Gefahr von Terroranschlägen verringert werden. Es gehe also auch um die Sicherheit Deutschlands.

HOERZU: Was sind die wichtigsten Aufgaben der Bundeswehr in Afghanistan?

Ziel ist es, "ein funktionsfähiges und eigenverantwortliches afghanisches Staatswesen zu schaffen", das sich gegen die Taliban verteidigen kann. Deshalb liegt der Schwerpunkt auf der Unterstützung des afghanischen Militärs und der Polizei. Zudem sollen Korruption und Drogenhandel bekämpft und zivile Helfer beim Ausbau des Gesundheits- und Bildungswesens unterstützt werden.

HOERZU: Was kostet der Einsatz in Afghanistan?

ARD-Korrespondent Jürgen Osterhage, Studioleiter in Neu-Delhi, erklärt: "Laut Bericht des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW hat allein der Bundeswehreinsatz in den letzten zehn Jahren 17 Milliarden Euro gekostet, dreimal so viel wie von der Bundesregierung anfangs veranschlagt." Bis 2016 hat die Regierung weitere 430 Millionen Euro jährliche Unterstützung zugesagt.

HOERZU: Wie wird der Abzug genau ablaufen?

"Der Abzug ist die größte logistische Herausforderung in der Geschichte der Bundeswehr", sagt ARD-Experte Osterhage. "Mehr als 6000 Container und über 1700 Fahrzeuge, dazu Waffen, Munition und Panzer müssen aus Afghanistan, einem Land ohne Hafen, wieder nach Deutschland gebracht werden. Mehr als 5000 Kilometer auf Landstraßen, per Luftfracht und per Schiff." Die Kosten dürften in die Milliarden gehen.

HOERZU: Was hat der Einsatz bewirkt?

Laut Bundesregierung ist die Kindersterblichkeit um ein Drittel gesunken. Krankenhäuser, Wasserund Stromversorgung, Straßen und Brücken wurden geschaffen oder instand gesetzt. Heute gibt es sieben Millionen Schüler, davon 35 Prozent Mädchen. Unter den Taliban besuchten nur eine Million Jungen die Schule. Statt vorher acht Prozent haben heute 83 Prozent der Bevölkerung Zugang zu ärztlicher Versorgung. "Sicherlich ist Afghanistan heute ein anderes Land als noch vor gut einem Jahrzehnt, als das Taliban-Regime öffentlich Menschen hinrichtete, Kulturdenkmäler sprengte, Frauen brutal unterdrückte, Musik und Filme strikt verbot", urteilt ARD-Korrespondent Osterhage. "Es gibt mehr Schulen, mehr Bildung, vor allem für Mädchen und Frauen."

HOERZU: Sind alle Ziele erreicht worden?

"Nein", sagt Thomas Ruttig, der das unabhängige Forschungszentrum The Afghanistan Analysts Network mitgegründet hat: "Der zivile Wiederaufbau seit 2001 blieb Stückwerk. Afghanistan gehört immer noch zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. 7,4 Millionen der etwa 26 Millionen Einwohner leiden unter Nahrungsmittelproblemen, weitere 8,5 Millionen sind akut bedroht." Jürgen Osterhage bestätigt diese Einschätzung: "Trotz des größten Hilfsprogramms der Menschheitsgeschichte leben immer noch Millionen Afghanen in bitterer Armut. Bei allen Erfolgen bleibt der Eindruck: Das Erreichte wurde teuer erkauft. Von den ursprünglichen Zielen, die Taliban zu besiegen und Frieden, Stabilität und Demokratie zu bringen, ist kaum etwas übrig geblieben. Tausende Menschenleben wurden geopfert."

HOERZU: Wie viele Todesopfer hat der Krieg gefordert?

Bis Mai 2013 kamen 54 deutsche Soldaten und drei deutsche Polizisten ums Leben. Insgesamt starben etwa 3300 Soldaten der internationalen Schutztruppe. Die Anzahl der zivilen Opfer seit 2004 wird auf rund 33.000 geschätzt.

HOERZU: Wie geht es nach 2014 weiter?

Derzeit sind 4500 deutsche Soldaten vor Ort. Nach 2014 sollen noch 600 bis 800 bleiben, nach weiteren zwei Jahren nur noch 200 bis 300. "Es gibt berechtigte Zweifel, ob die einheimischen Soldaten die Sicherheit gegen die Taliban gewährleisten können", sagt Thomas Ruttig. "Die Bundesregierung hat für die Zeit nach 2014 die militärische Komponente in den Vordergrund gestellt. Dabei ist Afghanistan eine politische Mission. Politische Reformanforderungen an die afghanische Regierung wurden fallen gelassen. Und die staatlichen Institutionen sind weiterhin schwach." Auch ARD-Experte Osterhage warnt: "Die Entwicklungshilfe soll fortgesetzt werden. Politiker sind sich einig, dass man nicht aufhören dürfe, Afghanistan zu helfen. Sonst ist alles umsonst gewesen."

Autor: Thomas Kunze