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Die Suche nach Hitlers Volk im TV

Saul Padover (Markus Brandl, vorne) war 1920 im Alter von 15 Jahren von Wien in die
USA ausgewandert und sprach fließend Deutsch. - Foto: © ZDF / Oliver Halmburger

Spannende TV-Doku

"Die Suche nach Hitlers Volk" im TV

Psychogramm eines Volkes: Ein US-Historiker erkundete 1944 die Mentalität der Deutschen.

Wie ein Ethnologe, der in das Gebiet eines unbekannten Stamms vordringt. So fühlte sich Saul K. Padover, als er im Herbst 1944 von Belgien aus nach Deutschland fuhr. Der Oberstleutnant sollte die Seele und die Mentalität der Deutschen ergründen. Jenes Volkes, das die Gräuel der Nazis, des Holocausts und des Kriegs in die Welt getragen und die dunkelste Zeit des 20. Jahrhunderts zu verantworten hatte.

Der Historiker (1905 - 1981), der vorher im US-Innenministerium gearbeitet hatte, war der richtige Mann für die geheime Mission, die er selbst als Offizier im Office of Strategic Services, dem Vorläufer der CIA, angestoßen hatte. "Er sprach perfekt Deutsch, hatte seine Jugend in Österreich verbracht und war schockiert, wie sich die von ihm einst bewunderte deutsche Kulturnation den Barbaren an den Hals geworfen hatte", erklärt Alexander Berkel, als Redakteur in der Abteilung Zeitgeschichte des ZDF zuständig für den spannenden Zweiteiler "Die Suche nach Hitlers Volk" (dienstags, 24.3. und 31.3, jeweils um 20.15 Uhr, ZDF, s. auch TV-Tipps rechts und in unserem TV-Programm).

Doku mit Spielszenen

Die Filme inszenieren Padovers ungewöhnlichen Fronteinsatz mit Schauspielern, zeigen historische Rückblenden und aktuelle Einschätzungen von Historikern und Soziologen. "Bei den Interviews ging Padover nicht als Ankläger vor, sondern wählte einen freundlichen Ton. Die Anteilnahme war sein Türöffner. Mit Freundlichkeit führte er die Leute aufs Glatteis." Padover befragte Arbeiter, Lehrer, Bürgermeister, Priester, Soldaten, Unternehmer, Kommunisten, Sozialisten und bekennende Nazis. Seine Spezialeinheit, die Psychological Warfare Detachment, sollte helfen, das künftige Verhalten der Besiegten einzuschätzen und wirkungsvoll Themen zu setzen - etwa über Flugblätter.

Saul K. Padover
Saul K. Padover, wird in der Doku "Die Suche nach Hitlers Volk" von Markus Brandl gespielt. - Foto: © ZDF / Oliver Halmburger

"Nazifiziertes Weltbild"

In Roetgen nahe Aachen führte Padover ein denkwürdiges Gespräch mit der Lehrerin Agnes Pernitz. Aachen war die erste größere deutsche Stadt, die die Amerikaner 1944 eroberten. Padover nannte Pernitz eine "Fundgrube in Sachen NS-Ideologie". Sie habe deren Gedankengut aufgesaugt, ohne sich darüber im Klaren zu sein. "In politischen Dingen bin ich wie ein Kind", so Pernitz, die 40 Jahre als Volksschullehrerin gearbeitet hatte. Ein großmütterlicher Typ mit Brille und Strohhut. "Was ich über diese komplizierte Materie weiß, habe ich alles von meinem Mann." Sie selbst sei natürlich kein Nazi. Sie habe den Kindern nur unpolitische Geschichten vorgelesen, "etwa aus dem Leben des Führers". Beim Wort "Führer" habe ihre Stimme verzückt geklungen, notierte ihr Gesprächspartner.

Sie dozierte ausführlich die Gründe für den Ausbruch des Krieges: "England hat mit dem Krieg angefangen. Sie wollten Deutschland seinen rechtmäßigen Platz in Europa streitig machen. Die Russen hatten seit Langem aufgerüstet, weil sie Deutschland überfallen wollten. Daher haben wir sie angegriffen, bevor sie uns angreifen konnten." Und Polen? "Polen war ein Verteidigungskrieg ... Deutschland hat einfach zu viele Feinde." Zur Judenverfolgung: "Die Juden sind die Feinde des Deutschen Volkes und der Menschheit ... Ich persönlich fand das aber nicht gut."

Eine andere bezeichnende Begegnung fand in einem Verlagshaus in Aachen statt. Padover traf einen älteren Buchdrucker, Heinrich Hollands. Dieser trug Spitzbart und Nickelbrille, rauchte Pfeife. "Ja, selbstverständlich war ich in der Partei!", bekannte er. "Allerdings nicht in der Nazipartei!" Bis zu deren Verbot habe er der SPD angehört, aber nichts gegen die Nazis unternommen, weil er um sein Leben und seine Anstellung gefürchtet habe. Padover zählte ihn zu den wenigen Nazigegnern. Allerdings hätten die allerwenigsten dieser Aufrechten Widerstand geleistet. Padover attestierte der Mehrheit eine Tendenz zum Gehorsam - sei es in der Armee oder in der Fabrik.

Viele Befragte ergingen sich in Selbstmitleid: "Widerstand war unmöglich, der Terror zu groß. Wir Deutschen sind keine Revolutionäre." Padover fragte den Bischof von Aachen, warum er nicht wie Jesus für christliche Werte wie Nächstenliebe eingetreten sei. Der Gottesmann zeigte auf ein Bild des Gekreuzigten an der Wand: "Schauen Sie, was man mit ihm gemacht hat!"

Psychogramm eines Volkes

"Die größte Gruppe waren jene, die sagten: 'Ich war kein Nazi', deren Ansichten aber ein komplett nazifiziertes Weltbild offenbarten - wie bei der Lehrerin Agnes Pernitz", so Berkel. "Zu diesen Mitläufern oder selbst ernannten Muss-Nazis gehörten auch jene, die die eigene Karriere nicht gefährden wollten." In Bezug auf die Juden stellte Padover ein "eigentümliches Schuldgefühl" und eine große Gleichgültigkeit fest.

Padovers Porträt der Besiegten, das 1946 in den USA als Buch erschien, beeinflusste die Nachkriegspolitik der USA. Er sagte voraus, die Deutschen würden jedem neuen Herrscher ohne Widerstand folgen - auch in eine Demokratie. Erst 1999 erschien - Zufall oder Absicht? - seine Analyse auf Deutsch ("Lügendetektor", Eichborn). An Brisanz hat sie bis heute nichts verloren.

Autor: Dagmar Weychardt