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Die Sache mit der Wahrheit

Im Rahmen der ARD-Themenwoche Toleranz zeigt Das Erste den TV-Film "Die Sache mit
der Wahrheit" mit Christiane Paul (re.) als geheimnisvolle Frau,die sich ihre eigene Biografie
erfindet. - Foto: © ARD Degeto/Erika Hauri

ARD-Themenwoche Toleranz

Die Macht der Vorurteile

Obwohl wir sie abstreiten, bestimmen Vorurteile unser Denken. Nun befasst sich eine ARD-Themenwoche intensiv mit Diskriminierung und Ausgrenzung.

Die meisten Menschen, die Hartz-IV-Unterstützung erhalten, wollen nicht arbeiten. Sie sind faul, zu wählerisch bei der Jobsuche und kümmern sich nicht genug darum. Denn wer Arbeit sucht, findet auch welche. So denkt jedenfalls die breite Mehrheit der Deutschen. Die Wahrheit lautet allerdings: Für 75 Prozent aller Hartz-IV-Empfänger ist Arbeit sogar das Wichtigste im Leben. Sie bemühen sich aktiv um Jobs. Ohne Erfolg.

Beides geht aus einer Studie der Bundesagentur für Arbeit hervor. Dass die meisten Arbeitslosen unter ihrer Situation leiden und gern am Berufsleben teilnehmen möchten, dürfte an den Meinungen der Mehrheit aber kaum etwas ändern, denn Vorurteile sind langlebig und halten sich hartnäckig.

Deswegen wirbt die ARD-Themenwoche in diesem Jahr mit ihrem Programmschwerpunkt für Toleranz (siehe auch unten). Glaubt man den Deutschen, haben sie damit überhaupt kein Problem. Nicht weniger als 82,2 Prozent gaben laut einer Studie der Universität Bielefeld an, "sehr tolerant" zu sein. 79,6 Prozent behaupten: "Ich akzeptiere jeden, wie er ist." Erfreulich, aber nicht glaubwürdig. "Das kann nicht sein, denn zugleich grassieren menschenfeindliche Einstellungen, Vorurteile und Diskriminierung in einem Ausmaß, das der Selbsteinschätzung zuwiderläuft", sagt Andreas Zick, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung.

Sind wir wirklich so tolerant?

"Wir überschätzen unsere Toleranz und unterdrücken unsere Vorurteile. Aber unbewusst wirken sie weiter", so der Wissenschaftler. Er beruft sich auf Studien, die eine eindeutige Sprache sprechen. Besonders Frauen, Homosexuelle, Behinderte, Arbeitslose und Ausländer sind Opfer von Vorurteilen. 42 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland geben an, dass sie schon einmal Opfer von Diskriminierung geworden sind, besonders auf Ämtern und bei Behörden. Auch bei der Jobsuche und der Wohnungsvermittlung werden einige Bevölkerungsgruppen nachweisbar benachteiligt.

Bestimmen Vorurteile das Denken und Handeln, führt das oft zu Diskriminierung. Beispiel Frauen: Der Glaube, sie seien nicht für Führungspositionen geeignet, ist ein Hauptgrund dafür, dass sie häufig weniger gute Jobs bekommen und schlechter bezahlt werden als Männer.

Besonders Menschen, die sich sozial benachteiligt fühlen, neigen zu vorschnellen, ungeprüften Meinungen. Wenn die Zeiten schlecht sind, blühen die Vorurteile. "Bei Krisen greift ein Sündenbock-Mechanismus, der schwache Gruppen abwertet", warnt Zwick. Das nutzen vor allem Rechtspopulisten, um Feindbilder aufzubauen.

Dabei spielen auch gesellschaftliche Entwicklungen eine wichtige Rolle. So hat die europäische Finanzkrise zu einem Anstieg der Fremdenfeindlichkeit geführt. Immerhin die Hälfte der Bundesbürger glaubt, dass zu viele Muslime in Deutschland leben und unser Land deshalb "gefährlich überfremdet" sei. Damit geraten alle Muslime ungeprüft unter Generalverdacht.

"Vorurteile sind durch Erwartungen gefärbte Urteile, die zunächst nichts mit der Person an sich zu tun haben, sondern mit ihrer Gruppenzugehörigkeit", sagt der Sozialpsychologe Jens Förster. "Und manchmal ist diese Gruppenzugehörigkeit das Einzige, was wir von einem Menschen wissen." Oft nicht einmal das. Es reicht schon, dass wir glauben, jemand gehöre einer bestimmten Gruppe an. Vorurteile basieren nicht auf Erfahrungen und Wissen, sondern auf Annahmen. "Sie beinhalten sehr vereinfachte Bilder, Assoziationen und Vorstellungen von Menschen und spiegeln Erwartungen wider: dass sie bestimmte Dinge tun oder wie sie sich benehmen." Alte sind schwach und gebrechlich, Dicke gemütlich und träge, blonde Frauen dumm. Die Liste ließe sich unendlich fortführen.

Niemand ist frei von solchen Pauschalurteilen. "Wir haben alle grobe Vorstellungen und Pseudowissen über andere Menschen in unserem Gedächtnis abgespeichert", so Förster. Vorurteile sind ungeprüfte Wertungen, die wir von anderen übernehmen, etwa als kleine Kinder von unseren Eltern. Aus evolutionärer Sicht ist das sogar sinnvoll, sagen Wissenschaftler. In prähistorischer Zeit musste der Mensch stets auf der Hut sein. Alles, was fremd war, wurde als Bedrohung wahrgenommen. Ein Sicherheitsmechanismus, der bis heute wirkt, sodass wir allem Fremden zunächst misstrauen. Deswegen neigen wir zum Schubladendenken und pressen alles unbewusst in ein Freund-Feind-Schema.

Vorurteile grenzen ab

Außerdem war der Mensch stets darauf angewiesen, einer Gruppe anzugehören. "Vorurteile sind ein Mittel, um sich abzugrenzen. Positiv ausgedrückt geht es auch darum, sich eine eigene Identität zu geben", so Förster. Durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe fühlt sich der Einzelne aufgewertet.

Für alle Zeiten fest zementiert sind Vorurteile aber nicht. "Vor 50 oder 60 Jahren hat man es in den USA nicht für möglich gehalten, dass Schwarze studieren können", sagt Psychologe Jens Förster. Inzwischen haben aber sehr viele Afroamerikaner bewiesen, dass sie dazu in der Lage und Bildungsdefizite nicht genetisch, sondern gesellschaftlich bedingt sind: Die Farbigen in den USA sind sozial benachteiligt, was ihre Bildungschancen reduziert.

Hilft Wissen dabei, Vorurteile abzubauen? "Aufklärung ist ein erster Schritt", sagt der Gewaltforscher Andreas Zick. "Aber nur mit Informationen ist Vorurteilen nicht beizukommen." Wichtig sind persönliche Kontakte: "Lerne ich einzelne Menschen besser kennen, treffen Vorurteile nicht mehr zu", betont auch der Psychologe Jens Förster. "Gut sind Begegnungen mit möglichst vielen verschiedenen Leuten. Je näher wir jemanden kennen, umso weniger formen Gruppenerwartungen unsere Urteile."

Und was ist mit der viel beschworenen Toleranz? "Es hilft nicht, nur darüber zu lehren und zu reden", sagt Gewaltforscher Andreas Zick. "Wirkungsvoller ist es, Toleranz zu erfahren." Vielleicht hilft dabei ja auch die Themenwoche der ARD.


TV-Höhepunkte der ARD-Themenwoche Toleranz

Vom 15. bis 21. November drehen sich viele Angebote des Ersten und der Dritten um Vorurteile, Anderssein und Respekt. Die besten Sendungen hier im Überblick (s. auch TV-Tipps rechts).

Das Erste
"Bis zum Ende der Welt" - TV-Film mit Christiane Hörbiger als Musiklehrerin, die einen talentierten Romajungen unterrichtet; Mo, 20.15 UHR

Das Erste
"90 Minuten sind kein Leben" - Depression im Sport – Seelische Erkrankungen bei Fußballern sind ein Tabu; Sa, 19.00 UHR

Das Erste
"Steh zu dir!" - TV-Reportage über junge Menschen, die anders sind als die Masse; Sa, 16.30 UHR

Das Erste
"Willkommen in Hoyerswerda" - Reportage über den Bau eines Flüchtlingsheims in Sachsen; So, 17.30 UHR

Das Erste
"Jenseits der Toleranz" - Film über die mögliche zweite Chance nach einer Gefängnisstrafe; Mo, 23.15 UHR

SWR
"Die Zukunft gehört uns" - Doku über eine junge Liebe in reifem Alter; Mi, 23.40 UHR

NDR
"Kinderleben mit Behinderung" - Die Scheu vieler nicht Behinderter führt Betroffene oft in die Isolation; Mo, 22.00 UHR

BR
"Verräter!" - Vom schwierigen Ausstieg aus der Neonazi-Szene: Zehn Jahre gehörte Felix zur rechtsextremen Szene, dann kamen ihm Zweifel. Seit seinem Ausstieg wird er von seinen ehemaligen Kameraden bedroht; Mi, 19.00 UHR

Das Erste
"Nuhr mit Respekt!" - Kabarett mit Dieter Nuhr; Do, 22.45 UHR

Das Erste
"Die Sache mit der Wahrheit" - TV-Film mit Christiane Paul als geheimnisvolle Frau, die sich ihre eigene Biografie erfindet; Fr, 20.15 UHR

NDR
"Die Reportage: Rollatoren erobern die Stadt" - Reportage über Toleranz gegenüber Alten und Behinderten; Fr, 21.15 UHR

Autor: Thomas Kunze