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Hausmädchen Anna (Joanne Froggatt) und Butler Bates (Brendan Coyle)

BBC-Serie ''Downton Abbey'': Hausmädchen Anna (Joanne Froggatt) und Butler Bates (Brendan Coyle) lieben sich. / Foto: © ZDF und NBC Universal

Wie ''Downton Abbey''

Die Erfolgsformel für große TV-Serien

Am 9. Dezember dieses Jahres werden in Großbritannien Geburtstagskerzen angezündet. Jubilar ist die älteste TV-Serie der Welt. Das Geburtstagskind hört auf den unscheinbaren Namen ''Coronation Street'' und hat nichts Besonderes vorzuweisen – außer Erzählungen aus dem Leben von Mitgliedern der britischen Arbeiterklasse, die sieben benachbarte Reihenhäuser bewohnen.

Dennoch verfolgen die Briten seit unglaublichen 53 Jahren die Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichten der fiktiven Familien, in deren Kleider manche Schauspieler bereits seit Kindertagen schlüpfen. Unter ihnen sind Darsteller, die vor der Kamera alt geworden sind. Für jeden von ihnen ist der große Traum von der unendlichen (Serien-) Erfolgsgeschichte wahr geworden.

Aus deutscher Sicht bleibt das Erfolgsgeheimnis des britischen Formats undurchschaubar und nicht kopierbar. Das beweist der schnelle Aufstieg und der schleichende Niedergang der an die "Coronation Street" angelehnten ARD-Serie ''Lindenstraße''.

TV-Produzentin Regina Ziegler

TV-Produzentin Regina Ziegler glaubt, für den Erfolg einer Serie "...muss immer mehr PR stattfinden''. / Foto: © dpa

Auf dem Gipfel ihres Erfolgs gelang es ihr, mit Themen wie häusliche Gewalt, Homosexualität und Drogenmissbrauch 50 Prozent Marktanteil zu erzielen. Wegen ihres großen Realitätsbezugs wurde die Langzeitserie im Jahr 1998 sogar mit der GOLDENEN KAMERA von HÖRZU ausgezeichnet.

Ein 53-jähriger Erfolg in Serie jedoch ist in Deutschland undenkbar – egal ob die TV-Formate schmückende Titel wie "Ein Herz und eine Seele" (1973 –1976), "Diese Drombuschs" (1982 –1993), "Die Schwarzwaldklinik" (1984 –1988) oder "Um Himmels Willen" (seit 2002) tragen.

In ihrer Not erfinden die TV-Sender und Produzenten deshalb immer öfter neue Genres – und lassen ihre Produktionen als historische Miniserien, Telenovelas, Seifenopern oder "Dramedys" daherkommen. Weil auch das jedoch keinen Langzeiterfolg verspricht, werden immer mehr Formate auf dem Fernsehfriedhof beerdigt – mitunter von heute auf morgen. Man denke nur an die 1992 gestartete ARD-Serie ''Marienhof'', die 2011 urplötzlich vom Bildschirm verschwand – für Millionen von Fans völlig unverständlich.

Fragt man Sender und Produzenten nach den Gründen für das immer schnelllebiger erscheinende Geschäft, erntet man tiefe Seufzer. Anschließend setzt allgemeines Klagen ein. Etwa über seit Jahren fertig produzierte, aber nie ausgestrahlte Serien wie "Familie Undercover" (Sat.1) mit Susan Sideropoulos. Oder über Formate, die nach nur einer ausgestrahlten Staffel abgesetzt wurden wie "Christine – Perfekt war gestern" (RTL) mit Diana Amft. Auch aufwendig gemachte Mehrteiler wie "Die Anwälte" (RTL) mit Kai Wiesinger landeten nach nur einer gesendeten Folge im TV-Orkus.

Die Lust an der Nische

Natürlich gibt es auch große Erfolge zu vermelden – jedoch fast nur bei US-Serien wie "The Walking Dead" (RTL2), "Breaking Bad" (beim Kabelsender AXN), „Mad Men“ (beim Abosender Fox) oder dem britischen Mehrteiler "Downton Abbey" (ZDF), dessen zweite Staffel hierzulande an Weihnachten startet.

TV-Produzentin Nico Hofmann

Nico Hofmann fordert: ''Die Serienkonzepte müssen radikaler und extremer werden.'' / Foto: © dpa

Eine verzwickte Gemengelage, die eine einzige Frage aufwirft: Gibt es überhaupt noch eine sichere Erfolgsformel für Fernsehserien? HÖRZU wollte es genau wissen und fragte die erfolgreichen Serien- und Filmproduzenten Regina Ziegler ("Weissensee", Das Erste), Nico Hofmann ("Unsere Mütter, unsere Väter", ZDF) sowie Oliver Berben ("Verbrechen", ZDF). Hier verraten diese drei Insider, was eine Serie Wie kommt eine neue Serie wirklich zum Erfolg macht und vor welchen Problemen die deutsche Serienlandschaft in Zukunft tatsächlich stehen wird.

Produzent Nico Hofmann (54) resümiert: "Momentan ist der ganze TV-Markt in extremer Unruhe. Allen Produzenten ist klar, dass ihre Serien hierzulande nur dann langfristig Bestand haben werden, wenn sie den Amerikanern Flagge zeigen." Womit nicht unbedingt der finanzielle Aufwand gemeint ist: Nicht jeder kann etwa sagenhafte 200 Millionen US-Dollar in eine Miniserie stecken – so wie Steven Spielberg bei "The Pacific".

Hofmann spricht eher von inhaltlichen Aspekten: "Die Serienkonzepte müssen radikaler und extremer werden. Eher in Richtung ‚Weissensee‘, der preisgekrönten Stasi-Serie der ARD, als in Richtung ‚Familie Dr. Kleist‘."

Produzentin Regina Ziegler (69), die für die hochgelobte Serie "Weissensee" verantwortlich zeichnet, analysiert ihr ErfolgsMillionen geheimnis so: "Das Melodram und die Beziehungsgeschichten mit Grenzsituationen sind noch immer der beste Weg zum Publikum – also der Inhalt, die Geschichte, der Plot und die Charaktere. Erst dann kommt die Besetzung. Die Hauptrollen müssen stimmen und prominent besetzt sein. Was nicht heißt, dass nicht auch mal ein unbekanntes Gesicht probiert wird. Aber da muss man sich wirklich sehr sicher sein."

TV-Produzent Oliver Berben

TV-Produzent Oliver Berben findet: "Serien sind generell die Königsklasse unter allen Fernsehformaten''. / Foto: © dpa

Eine immer größere Bedeutung hat laut Ziegler auch die Werbung: "Es muss immer mehr PR stattfinden. Und die muss stimmen. Die Leute sollen sagen: ‚Das muss ich sehen!‘ Aber dafür muss ihnen vorher jemand sagen: ‚Das müsst ihr sehen!‘ Dafür brauche ich Profis. Und zu guter Letzt muss natürlich der Sender annoncieren und trailern – und zwar an den wichtigen Plätzen. Im Programm sollte man auch präsent sein, etwa bei ‚Wetten, dass ..?‘."

Ohne Mut geht nichts mehr

Was auf den ersten Blick logisch und nachvollziehbar klingt, wirft jedoch neue Fragen auf: Wie um alles in der Welt können es Produzenten und TV-Sender schaffen, Zuschauer langfristig an sich zu binden? Und wie gelingt es, ein langlebiges Interesse an der zweiten, dritten und mitunter vierten Staffel einer Serie zu generieren?

Der Berliner TV-Produzent Oliver Berben (42), dem mit der Miniserie "Verbrechen" Anfang 2013 auf einem neuen ZDF-Serienplatz am späten Sonntagabend ein großer Coup gelang, verrät: "Serien sind generell die Königsklasse unter allen Fernsehformaten. Mehr als alle anderen TV-Genres haben gut gemachte Mehrteiler die Kraft, Zuschauer über mehrere Staffeln hinweg an einen TV-Sender zu binden. Doch ein langlebiger Erfolg steht und fällt mit guten Autoren, die mehr denn je den Mut zu zugespitzten Themen benötigen. Ich selbst glaube an die Existenz dieser Kraft – nicht umsonst ist Deutschland das Land der Dichter und Denker."

Stärkere Kreativität also als Geheimrezept? Ja, meint Berben und begründet seinen Denkansatz so: "Das Kopieren erfolgreicher Formate wie ‚Breaking Bad‘, einer amerikanischen Serie, in der ein an Lungenkrebs erkrankter Chemielehrer zu einem skrupellosen Verbrecher wird, reicht längst nicht mehr aus, um einen Serienerfolg in Deutschland zu erzielen. Warum sollten sich die Zuschauer etwas anschauen, das sie auch im Original sehen können? Statt Copy-and-paste braucht eine erfolgreiche TV-Serie aus Deutschland folgende Zutaten: Erstens müssen sich die TV-Sender und Produzenten klar darüber sein, welche Zuschauergruppen sie erreichen wollen. Zweitens müssen sie Seriencharaktere entwickeln, von denen sie erwarten können, dass sie das Interesse der Zuschauer über einen Zeitraum von zwei oder drei Staffeln immer wieder neu wecken. Die Generallösung heißt: ausprobieren und riskieren."

Das Problem der Sendeplätze

Doch für Experimente gibt es in Deutschland bei großen Sendern wie ARD, ZDF und RTL nicht genug Sendeplätze – abgesehen von Spartenkanälen wie ZDF Neo oder Pro-SiebenMaxx. In Amerika, so Hofmann, sei das anders: "Schaut man sich das US-Programm an, fällt auf, dass auf allen Kanälen an einem einzigen Abend drei Sendeplätze für Serien vorhanden sind – selbst in Nischensendern. Insgesamt sind dort 50 bis 60 Formate möglich. In Deutschland gibt es nur einen winzigen Bruchteil davon."

Ein Problem, das die Sender und Produzenten schnellstmöglich lösen müssen. Gemeinsam. Da sind sich alle drei Produzenten einig. Auch aus eigenem Interesse, schließlich haben Hofmann, Ziegler und Berben derzeit neue Projekte in der Pipeline. Hofmann entwickelt historische Miniserien, die in Berlin angesiedelt sind, Ziegler arbeitet an der dritten Staffel von "Weissensee", Berben liefert dem ZDF ab Anfang 2014 die Fortsetzung von "Verbrechen": Seine neue Serie "Schuld" basiert wieder auf Erzählungen von Ferdinand von Schirach. Und die sind schon im Original Bestseller.


Sendehinweis: ''Downton Abbey''

Start der zweiten Staffel der britischen Erfolgsserie über eine Adelsfamilie
SO, 22.12., ZDF, 17.00 Uhr

Autor: Mike Powelz