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Der Blinde Fleck: Das Oktoberfestattentat

Von links: der Leiter des bayerischen Staatsschutzes, Dr. Hans Langemann (Heiner
Lauterbach), dessen rechte Hand Meier (August Zirner) und Generalbundesanwalt
Kurt Rebmann (Miroslav Nemec). - Foto © BR/diwa Film/Markus S. Thiel

TV-Film über den Anschlag in München

"Der Blinde Fleck: Das Oktoberfestattentat"

Der Anschlag auf das Oktoberfest 1980 ist bis heute ungeklärt. Nun löst der TV-Film "Der Blinde Fleck: Das Oktoberfestattentat" neue Ermittlungen aus.

Das Oktoberfestattentat am 26. September 1980

Es ist das größte Volksfest der Welt. Eine Riesengaudi. Doch am 26. September 1980 endet sie jäh. Das Münchener Oktoberfest wird zum Schauplatz einer Katastrophe. Es sind nur noch zehn Minuten bis zum Betriebsschluss der Wies'n, zigtausend Menschen befinden sich auf dem Festgelände. Viele drängen bereits Richtung Hauptausgang - als dort um 22.20 Uhr eine Bombe explodiert. "Ich habe einen Blitz gesehen. Dann wirbelten Menschen durch die Luft", so schildert ein Augenzeuge damals das Unglück. Die Explosion erschüttert die Theresienwiese wie ein Erdbeben. 13 Menschen sterben, 211 werden verletzt, 68 davon schwer. Schreckliche Bilder von verstümmelten Opfern mit abgerissenen Gliedmaßen gehen um die Welt.

Hintergründe der Tat und fragwürdige Ermittlungen

Der Film "Der blinde Fleck: Das Oktoberfestattentat" (Mittwoch, 4.2., Das Erste, 20.15 Uhr, s. auch TV-Tipps rechts) beleuchtet die Hintergründe der Tat und die fragwürdigen Ermittlungen. Mehr noch: Das TV-Drama, das nach den Recherchen des Journalisten Ulrich Chaussy entstand, trug dazu bei, dass die Ermittlungen jetzt wieder aufgenommen wurden. Aber was lief damals genau schief?

Das Bayerische Landeskriminalamt bildet nach dem Anschlag die "Sonderkommission Theresienwiese" und präsentiert der Öffentlichkeit als Attentäter den 21-jährigen Studenten Gundolf Köhler, der die Bombe in einem Papierkorb versteckt hat. Allein? Unwahrscheinlich. Köhler, der bei dem Attentat ums Leben kommt, ist dem Verfassungsschutz bekannt und wurde jahrelang beobachtet, da er Verbindung zur rechtsextremen Terrororganisation "Wehrsportgruppe Hoffmann" hat. Deshalb übernimmt der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann die Leitung der Ermittlung.

Im Mai 1981 liefert die "Soko Theresienwiese" ihren Schlussbericht ab. Darin kommen die Beamten zu einem erstaunlichen Ergebnis: Bei Köhler handle es sich um einen Einzeltäter, der nicht aus politischen, sondern aus persönlichen Motiven agiert habe. Er sei ein einsamer, isolierter Einzelgänger gewesen, der Selbstmord begangen habe. Für Rebmann offenbar unglaubwürdig. Der Generalbundesanwalt lässt zunächst weiter fahnden. 1983 aber beendet er die Ermittlungen: Da es keine Beweise für weitere Täter gibt, schließt sich Rebmann der These vom Einzeltäter an.

Das Ermittlungsergebnis sorgt für Empörung. Auch Rechtsanwalt Werner Dietrich, der die Opfer vertritt, glaubt nicht an die Einzeltätertheorie. Mehrere Zeugen haben Hinweise auf Mittäter gegeben, zudem wurde Köhler direkt vor der Explosion mit zwei Männern gesehen, mit denen er sich stritt. Fraglich auch, ob er überhaupt in der Lage gewesen wäre, die Bombe allein zu basteln.

Viele Beweise sind vernichtet

Dietrich findet in dem Radiojournalisten Ulrich Chaussy einen Verbündeten. Auch der Journalist erklärt: "Dass man sich bei dieser unbefriedigenden Klärung so früh zufrieden gibt, ist für mich nicht hinnehmbar." Chaussy deckt weitere Ungereimtheiten über Köhler auf: "Der angeblich komplett isolierte Mann hat in den Ferien gejobbt und ist auf Europareise gegangen." Zudem hatte er kurz vor der Tat einen Bausparvertrag abgeschlossen und suchte Musiker, um eine Band zu gründen.

Offenkundig haben die Ermittler etliche Details übersehen, Zeugenaussagen ignoriert oder in den Akten verschwiegen. Einige Beweismittel wurden im Lauf der Jahre sogar vernichtet. "So, wie die Behörden sagen, kann es nicht gewesen sein", resümiert Ulrich Chaussy. Doch warum wurde derart schlampig ermittelt? Weshalb wollte man unbedingt einen Einzeltäter präsentieren?

Terror von rechts

Damals war die Zeit des RAF-Terrors. Das Attentat geschah zudem wenige Tage vor der Bundestagswahl 1980, bei der Franz Josef Strauß als Kanzlerkandidat der CDU/ CSU antrat. Er wetterte gegen die lasche Politik des Innenministers Gerhart Baum, der damit angeblich den Boden für terroristische Anschläge bereitete. Strauß versuchte, das Oktoberfestattentat für den Wahlkampf zu instrumentalisieren und war dabei auf dem rechten Auge blind. Nur von links witterte er Gefahr, obwohl es in den Jahren 1976 bis 1982 rund ein Dutzend Terroranschläge von Rechtsextremen gab. "Er hat Hoffmann und seine Wehrsportgruppe einfach gewähren lassen", so Chaussy. Ausgerechnet Baum hatte im Januar 1980 ein Verbot der Gruppe durchgesetzt, worüber sich Strauß öffentlich lustig gemacht und gefordert hatte, Hoffmann "in Ruhe zu lassen". Ulrich Chaussy: " Nun drohte ihm die Angelegenheit auf die Füße zu fallen." Mehr noch: Auch Mitglieder der CSU sollen Kontakte zur Wehrsportgruppe gepflegt haben. Diese Zusammenhänge durften nicht publik werden. Um die Berichterstattung zu lenken, versorgte Hans Langemann, der Chef des Staatsschutzes in Bayern, mehrere Journalisten gezielt mit exklusiven Informationen. Sie verbreiteten die These vom Einzeltäter, als andere Medien von Köhler noch gar nichts wussten.

Für Chaussy und Anwalt Dietrich wurde das Thema zur Lebensaufgabe. Ihren unermüdlichen Bemühungen ist es zu verdanken, dass der Fall jetzt wieder aufgerollt wird. Zuletzt tauchten neue Zeugen auf, sodass die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen im Dezember wieder aufnahm. Das Ergebnis sei aber völlig offen, betont Ulrich Chaussy: "Wir haben keinerlei Gewissheit. Wir wissen so gut wie nichts über diesen Anschlag."“ Nach fast 35 Jahren besteht nun zumindest eine Chance, Licht ins Dunkel zu bringen.

Autor: Thomas Kunze