HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Bauarbeiter vermauern die letzten Hohlblocksteine in die Berliner Mauer

Bauarbeiter vermauern die letzten Hohlblocksteine, um auch diese Berliner Straße abzuriegeln. Bild: © rbb/Looks Film/Polizeihistorische Sammlung Berlin

Zeitzeugen erinnern sich

Der Bau der Berliner Mauer

"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!" Unvergessslich, wie unverfroren Walter Ulbricht, SED-Generalsekretär und Staatsoberhaupt der DDR, auf Nachfrage einer westdeutschen Reporterin leugnet, was längst beschlossen ist: die hermetische Abriegelung Westberlins vom östlichen Umfeld.

Es ist der 15. Juni 1961, es gibt Gerüchte, doch kaum einer schenkt ihnen Glauben. Zu ungeheuerlich erscheint die Vorstellung einer Mauer mitten durch die Stadt. Ein fataler Irrtum. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom 12. auf den 13. August machen DDR-Trupps die Sektorengrenzen zu Westberlin dicht.

Von einer Stunde auf die andere werden Familien zerrissen. Manche Menschen zerbrechen daran, andere werden zu Helden oder zu Tätern. Stellvertretend für sie erzählen vier Zeitzeugen exklusiv in HÖRZU, wie einschneidend der Mauerbau für ihr Schicksal war (siehe unten).

Gründe für den Mauerbau

Aus Ulbrichts Sicht ist der Mauerbau reine Notwehr. Sein Modellstaat blutet aus. Massenhaft kehren die Menschen dem Land den Rücken, genervt von staatlicher Beeinflussung und Willkür. Angelockt von einem besseren Leben jetzt sofort im Westen und nicht erst in späterer Zukunft im Osten. Drei Millionen sind es allein von 1949 bis 1961, darunter Hunderttausende Facharbeiter und Ingenieure, die zum Aufbau der sozialistischen Republik dringend gebraucht werden.

Die 1378 Kilometer lange innerdeutsche Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR war schon seit 1952 mit Zäunen, Stacheldraht und bewachten Sperrzonen "befestigt" worden. Die Sektorengrenzen zu Westberlin erscheinen da wie offene Wunden, durch die zuletzt 3000 Menschen täglich schlüpfen. Würde es so weitergehen, befürchtet die SED-Führung, sei ein Zusammenbruch des DDR-Staats nicht aufzuhalten.

Die Idee, "einen eisernen Ring" um Westberlin zu legen, kursiert deshalb schon länger, allerdings fehlte bislang das Einverständnis der sowjetischen Schutzmacht. Deren oft ungestümer Regierungschef Nikita Chruschtschow zögert diesmal, seine Zustimmung zu geben. Zu ungewiss scheint ihm die Reaktion der Westmächte. Würde man den Mauerbau nicht als gezielte Aggression interpretieren? Er hätte beruhigt sein können. Der Westen will keine Eskalation: "Eine Mauer ist besser als ein Krieg", ist als Kommentar des damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy überliefert.

So nimmt der von einem gewissen Erich Honecker akribisch vorbereitete Mauerbau seinen geplanten Verlauf. Als Sicherheitssekretär des Zentralkomitees der SED besetzt er eine Schlüsselposition mit weitreichenden Kompetenzen. Über Monate zweigt er heimlich Baumaterial ab, Steine, Mörtel und Zement aus dem staatlichen Wohnungsbauprogramm. Mitglieder von Kampfgruppen, deren offizielle Aufgabe der "Schutz der Betriebe vor Angriffen aus dem Westen" ist, werden überraschend aus dem Bett geholt und in Schulen untergebracht. Die Unsicherheit der meist jungen Männer ist groß, keiner weiß, welcher Auftrag auf sie wartet.

Der Bau der Berliner Mauer

Als dann in der Nacht zum Sonntag, dem 13. August, der Startschuss fällt, schwärmen 20.000 Uniformierte, darunter auch Truppenteile der sowjetischen Armee, aus, um eine erste Mauer aus Menschen und Stacheldraht mitten in Berlin zu errichten.

43 Kilometer Grenze quer durch die Stadt und 112 Kilometer rund um Westberlin gilt es abzusichern. Zeitgleich muss die Kanalisation abgeriegelt werden. Sofort beginnen Bauarbeiter unter Aufsicht der Volkspolizei mit dem eigentlichen Mauerbau, der bereits wenige Tage später vollzogen ist.

Die Berliner Bevölkerung wirkt überrumpelt und eingeschüchtert. Bundeskanzler Konrad Adenauer ruft zur Besonnenheit auf. Allein der Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt protestiert mutig gegen die ungeheuerlichen Vorgänge, die Einmauerung seines Westberlins.

Flucht über die Bernauer Straße

Besonders chaotisch ist die Situation an der Bernauer Straße, die direkt an der Berliner Mauer entlangführt. Geschockt ergreifen Anwohner aus dem Osten eine letzte Chance und springen aus den Fenstern auf die Straße, deren Bürgersteig bereits zum Westteil gehört. Für mindestens zehn Menschen endet der Fluchtversuch allein hier mit dem Tod.

Später erlangt "die Bernauer" Berühmtheit, weil mehrere Fluchttunnel von anliegenden Hauskellern aus unter der Straße nach Westen getrieben werden. Im Osten, vor allem unter den regimetreuen Grenzern, ist die Verteidigung des "antifaschistischen Grenzwalls", wie die Mauer im Propaganda-Sprech hieß, selbst durch Todesschüsse gerechtfertigt. "Wer die Grenze nicht respektiert, bekommt die Kugel zu spüren", sagt Harald Jäger, Ex-Grenzunteroffizier, in der hervorragenden Doku "Geheimsache Mauer", die den Auftakt zu einer Reihe von Fernsehereignissen zum Mauerbau bildet (siehe TV-Tipps rechts).

Mindestens 872 Tote sind an der deutsch-deutschen Grenze zu beklagen, allein 255 wurden Opfer der Berliner Mauer. Zeit seiner Macht hat Honecker, der Ulbricht später nachfolgte, die Verfeinerung seines Lebenswerks vorangetrieben. Das letzte Geheimprojekt "Mauer 2000" sollte unter dem Motto "Technik statt Todesschüsse" blutige Zwischenfälle vermeiden helfen und damit der DDR ein "sauberes" Image verschaffen.

Die "Gedenkstätte Berliner Mauer"

Dass das System schließlich implodierte und die Mauer am 9. November 1989 plötzlich nicht länger existierte, gehört zu den größten Glücksfällen deutscher Geschichte. Darauf hat man nun in der Hauptstadt reagiert: Am historischen Ort in der Bernauer Straße findet sich künftig eine "Gedenkstätte Berliner Mauer": ein 1,4 Kilometer langer Grenzstreifen inklusive Resten der Grenzsperren. Ein Mahnmal, das in seiner Größe den dramatischen Ereignissen der deutschen Teilung endlich gerecht wird.


4 Zeitzeugen erinnern sich

Durch den Mauerbau werden von einer Stunde auf die andere Familien zerrissen. Manche Menschen zerbrechen daran, andere werden zu Helden oder zu Tätern. Stellvertretend für sie erzählen vier Zeitzeugen exklusiv in HÖRZU, wie einschneidend der Mauerbau für ihr Schicksal war.

Der Fluchthelfer Klaus-Michael von Keussler

"Das Donnern werde ich nie vergessen. Wenn das ganze Erdreich vibrierte, weil über uns ein Bus auf der Bernauer Straße fuhr und der feuchte Sand ins Gesicht bröckelte. Mit Schaufeln haben wir als Studenten monatelang einen Fluchttunnel von West nach Ost gegraben. Er lag in 10 Meter Tiefe, war 145 Meter lang und nur 80 Zentimeter hoch – so wie ein Schreibtisch.n Sauerstoff wurde in einer selbst gebauten Staubsaugerkonstruktion ins Innere gepustet.

Immer war die Angst da – vor dem Einsturz des nicht abgestützten Tunnels oder davor, plötzlich entdeckt zu werden. Wir waren mutig, hatten enorme Energie und wollten unseren politischen Widerstand ausdrücken. Wir sind eine Generation, deren Väter und Mütter im Dritten Reich entweder abseits gestanden haben oder in manchen Fällen auch aktiv mitgelaufen sind.

In unserem Kreis war die Frage: Was machen wir bei einem so einschneidenden Ereignis wie dem Mauerbau? Im ersten Moment, als ich im Rias davon erfuhr, war ich fassungslos. Man fühlte sich machtlos. Unsere Kommilitonen aus Ostberlin konnten plötzlich nicht mehr zu uns kommen. Immer mehr Freunde baten uns, sie in den Westen zu holen. Flüchten war gefährlich geworden, sodass wir uns sagten: Dann müssen wir es unter der Erde versuchen.

Die Flüchtlinge erfuhren erst kurz vorher, wann es losging. Bis heute fasziniert mich die Geschichte einer Ärztin, die in ihrer Praxis alles stehen und liegen ließ, um bloß wegzukommen."

Buch-Tipp: Fluchthelfer. Klaus-M. von Keussler/Peter Schulenburg, Berlin Story Verlag, 19,80 Euro 3863680014

Die zerrissene Familie Stachowitz

"Wir schalteten den Radiosender Rias ein und konnten nicht glauben, was wir da hörten: Über Nacht hatten Soldaten begonnen, den Osten abzuriegeln. Es war ein Schock: Meine Frau Gerda und ich waren im Westen, unser elf Monate alter Sohn Jörg im Osten. Gerda geriet in Panik und fuhr sofort zu Jörg, der bei ihren Eltern übernachtete. Zu dem Zeitpunkt ahnten wir nicht, dass es eine Schicksalsfahrt sein würde: Es gab kein Zurück mehr. Wir hatten keine Chance, als Familie zueinanderzukommen.

In meiner Verzweiflung nahm ich Kontakt zu Fluchthelfern in Westberlin auf. Wir waren uns einig, dass wir im Westen leben wollten. Bei mir liegt die Motivation sicherlich in meiner Kindheit. Mein Vater war von den Russen abgeholt worden. Er ist nie wieder aufgetaucht – bis zum heutigen Tag wissen wir nicht, was mit ihm passiert ist. Und in diesem sich neu entwickelnden Staat, der sogenannten DDR, gaben die Russen den Ton an. Da wollte ich nicht leben.

Die Flucht durch einen Tunnel war für den 7. August 1962 geplant. Ich fuhr in den Osten, um an Gerdas Seite zu sein. Ein Stasi-Spitzel hatte sich unter die Fluchthelfer gemischt und verriet uns. Am Treffpunkt wurden wir verhaftet, ein Albtraum begann: Jörg wurde uns weggenommen. Es gab wochenlange, brutale Verhöre. Sie drohten uns, unseren Sohn für immer wegzunehmen, weil wir ihn nicht im Sinne des Sozialismus großziehen könnten. Dass er nach einer Nacht im Heim zu seinen Großeltern gebracht worden war, haben wir nicht erfahren.

Meine Frau wurde nach 15 Monaten entlassen, ich war zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Nach zwei Jahren erpresste mich die Stasi: 'Wir lassen Sie raus, wenn Sie in der DDR bleiben', hieß es. Ich habe zugestimmt. Der Tag, als ich Gerda und Jörg endlich wiedersehen durfte, war der glücklichste meines Lebens. Der zweitglücklichste war, als wir als Familie am 16. Februar 1973 ausreisen durften. Meine Frau hatte solche Angst, dass sie am Bahnhof Zoo aussteigen wollte. Sie fürchtete, dass man uns auf dem Weg nach Hannover noch aus dem Zug holen könnte.

Die Geschichte der Familie Stachowitz ist in der Dokumentation "Grenzenlose Liebe" (2.8., 22.10 Uhr, MDR) zu sehen (s. auch TV-Tipp rechts)."

Der Grenzsoldat Klaus-P. Renneberg

"Mit 15 Jahren fiel mein Entschluss, zu den Grenztruppen zu gehen. Ich hatte keine klare Vorstellung, was ich kann und was ich will – und dann brachte mich mein Cousin auf die Idee. Ich wusste, dass ich etwas für den Staat tun wollte. Wir hatten in der DDR nichts auszustehen, meine Mutter war Parteisekretärin.

Was mich bei der NVA erwarten würde? Davon hatte ich keine Ahnung. Ich wollte Soldat sein, um ein ganzer Mann zu werden. Damals war ich sehr schüchtern. Und natürlich ging es mir auch um die gesellschaftliche Anerkennung. Allerdings gab es auch einige Schulkameraden, die mich gefragt haben, ob ich einen Knall hätte.

Mir war schon klar, dass ich in die Situation kommen kann, in der ich auf Menschen schießen muss. Wenn vor mir ein Grenzverletzer gestanden hätte und die Situation eskaliert wäre, dann hätte ich sicherlich geschossen. Jeder, der über die Grenzen in den Westen wollte, war für mich ein Feind.

Ich bin froh, dass ich in meiner Dienstzeit von 1979 bis 1990 niemals die Schusswaffe einsetzen musste. Deshalb empfinde ich in dieser Hinsicht auch keine Reue. Ich habe allerdings Schuldgefühle, wenn ich bedenke, dass ich Menschen gegeneinander aufgehetzt habe.

Die jungen Soldaten wurden manipuliert, die Schusswaffe einzusetzen. Sie hatten kaum eine Wahl. Natürlich hätten sie auf die Frage 'Sind Sie bereit, in Ausübung Ihrer Dienstpflicht die Schusswaffe einzusetzen?' mit Nein antworten können. Aber sie wussten nicht, welche Folgen das für sie haben würde."

Der Flüchtling Esther Hofmann

"Es gibt Momente, die man nie wieder erleben will. Ich kniete 1985 in einer Holzkommode hinter einem Autorücksitz. Es war eng, ich hatte höllische Schmerzen. Schweiß tropfte aufs Holz. Ich hatte Angst, dass es jemand hören könnte. Draußen sächselten Grenzer im Befehlston: 'Papiere!'

Mein Fluchthelfer saß am Steuer, ein Musiker, den ich kurz zuvor kennengelernt hatte. Er hatte ein vierwöchiges Engagement im Friedrichstadtpalast und ist jeden Abend zurück nach Westberlin gefahren. Für seine Gage hatte er Antiquitäten gekauft. Mit einem Grenzer hatte er ausgemacht, dass er sie an einem Abend rüberfahren dürfe. Er wusste, dass ich in den Westen wollte.

In der DDR fühlte ich mich eingeengt – ich war nicht linientreu, und mir war klar, dass ich nicht den Beruf ausüben kann, den ich will: Journalistin. Ich hatte keine Ahnung, wie es im Westen sein würde. Bunt, aufregend und dass es gut riecht, erwartete ich.

Zwei Stunden vor meiner Flucht ahnte ich nicht, dass ich bald dort sein würde. Der Musiker stand plötzlich vor der Tür und sagte: 'Heute ist die Chance, ich kann dich rüberbringen. In einer Stunde hole ich dich ab.' Für mich war das ein Abenteuer. Ich war 18 Jahre, und mir war nicht bewusst, dass ich dann nie zurückkehren kann. Dass ich meine Mutter nicht mehr sehe.

Alles, was ich bei mir hatte, waren mein Pass und eine Lieblingsbluse, die ich unters T-Shirt gestopft hatte. Als mein Fluchthelfer am Checkpoint Charlie wieder Gas gab, spürte ich: Wir haben es geschafft! In einem Parkhaus bin ich aus der Kommode gestiegen. Es war wie auf einem anderen Planeten: die Lichter, glänzende Autos. Im Supermarkt habe ich nur noch gestaunt und musste weinen. Es hat mich überfordert.

Als ich meine Mutter angerufen habe, kamen ihr die Tränen – sie war geschockt, hat sofort aufgelegt. Wir konnten damals nicht ahnen, dass drei Jahre später die Mauer fallen würde."

Autor: Sabine Goertz-Ulrich, Mirja Rumpf