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Clara Immerwahr - Foto © SWR/Petro Demenigg

Das Ehepaar Clara (Katharina Schüttler) und Fritz Haber (Maximilian Brückner) ist einerseits
stolz aufeinander. Andererseits erfüllen sich keinesfalls alle Träume gemeinsamen
Arbeitens und Vorwärtskommens.- Foto © SWR/Petro Demenigg,

Porträt

Das Leben der Clara Immerwahr

Es ist ein kühner Traum, der die junge Clara Immerwahr umtreibt: Mit ihrer Wissenschaft, der Chemie, will sie nichts Geringeres, als den Hunger in der Welt zu besiegen. Ammoniak will sie im Labor erzeugen, die Grundlage für Kunstdünger, der den Boden für reiche Ernten bereiten soll: "Brot aus Luft!"

Und sie will mit ihrem Mann Fritz Haber zusammenarbeiten, ähnlich wie die Franzosen Pierre und Marie Curie, die gemeinsam das Radium erforschten. Clara Immerwahr, Tochter aus wohlhabendem jüdischem Hause, ist bereit, für ihren Traum zu kämpfen: Auf mühseligen Umwegen erlangt sie das externe Abitur, promoviert 1900 als erste Frau in Deutschland an der Universität Breslau in Chemie.

Voller Tatendrang beginnt sie ihre Arbeit. Aber die patriarchalisch geprägte Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts ist längst noch nicht reif für Frauen wie sie. Clara muss zurückstecken, ihr Ehemann dagegen macht jene Karriere, von der sie träumte. Ein tragisches Schicksal, das der TV-Film "Clara Immerwahr" im Rahmen des Programmschwerpunkts "Erster Weltkrieg" beleuchtet.

Die Erfindung von Chlorgas

Denn Clara verzweifelt nicht nur an der Rolle der Hausfrau und Mutter, auf die sie zurückgeworfen wird. Sie muss zudem erleben, dass ihr Mann im Labor neben Ammoniak auch Chlorgas gewinnt, eine der tödlichsten Waffen des Ersten Weltkriegs. Im April 1915 wird das Giftgas in der Schlacht bei Ypern in Belgien zum ersten Mal eingesetzt. Fast 5000 französische Soldaten ersticken oder erleiden schwere Verletzungen.

Für Pazifistin Clara bricht eine Welt zusammen. Am Tag nach dem Fest, das ihr Mann angesichts seines "Triumphes" ausrichtet, erschießt sie sich – mit seiner Waffe. "Was ihr Mann tat, war für sie so unfassbar, das wollte sie stoppen", sagt Hauptdarstellerin Katharina Schüttler. "Dieser Schritt war ein Versuch, gehört zu werden. Das Letzte, was sie geben konnte, war ihr Leben."


Clara Immerwahr
Clara (Katharina Schüttler) schreibt einen Abschiedsbrief. - Foto © SWR/Petro Demenigg

Wissenschaftler im Konflikt

Der Film beleuchtet den Konflikt, in den Wissenschaftler geraten können, er schildert den patriotischen Taumel, der den Ersten Weltkrieg begleitete – vor allem aber konzentriert er sich auf die Figur einer leidenschaftlichen Wissenschaftlerin, die an der Welt, in die sie hineingeboren wird, tragisch scheitert. "Mich hat ihr Schicksal unglaublich berührt", sagt Katharina Schüttler, die alle Experimente zusammen mit einem Chemiker nachstellte. "Es ist so unendlich traurig, dass solch ein Ausnahmetalent daran gehindert wird, sich zu entfalten."

In opulenten Bildern fängt der Film ein, wie Clara nach der Geburt des Sohnes Hermann mit einem Stickrahmen im abgedunkelten Wohnzimmer sitzt, während ihr Mann in Herrenzimmern gefeiert wird. Als sie einmal aufbegehrt und sich Zutritt zu den Hörsälen verschaffen will, wird sie von den Kollegen ihres Mannes zu Boden gerungen und in die Psychiatrie gebracht. Dort traktiert man die ungehorsame Frau mit Eiswasser.
Katharina Schüttler erinnert diese Szene als Tortur: "Ich wurde mit dem Kopf unter Wasser gedrückt und, kaum dass ich wieder Luft bekam, erneut untergetaucht. Da steigt Panik in dir auf.

"Wer nicht linientreu ist, wird pathologisiert– das galt nicht allein für Regimekritiker, sondern auch für Frauen, die sich den herrschenden Machtverhältnissen widersetzten. Schüttler: "In einer derart männlich bestimmten Welt war es einfach, eine aufbegehrende Frau wie Clara für krank zu erklären. "Während Dr. Clara Haber im häuslichen Schatten versinkt, macht ihr Mann Karriere. 1908 entdeckt er genau das, wovon er zusammen mit seiner Frau träumte: einVerfahren zur synthetischen Herstellungvon Ammoniak, das zur Herstellung von Düngemitteln dienen kann. "Brot aus Luft!"

Eine verhängnisvolle Nacht

Doch damit nicht genug: In enger Zusammenarbeit mit dem Militär stellt Fritz Haber seine Forschungen um auf die Suche nach neuen Kampfgasen. Das von ihm entwickelte Chlorgas soll zu einem der verheerendsten Kampfmittel des Ersten Weltkriegs werden. Haber genießt diesen vermeintlichenTriumph: Eine Filmszene zeigt eine Festgesellschaft, die sich um den Wissenschaftler schart. Edler Champagner perlt in den Gläsern, Hummercreme wird gereicht– niemand achtet auf die Frauengestalt vor dem Fenster, die in dieser Nacht ihr letztes Fanal setzen wird. Aber auch das Leben von Fritz Haber ist tragisch umschattet: Ein Jahr nach dem Ende des Kriegs wird ihm für die Synthesevon Ammoniak zwar noch der Nobelpreis verliehen. Doch schon im Jahr 1933 muss der gefeierte Wissenschaftler die Leitung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin niederlegen. Grund: seine jüdischeAbstammung. Fritz Haber emigriert nach England, stirbt aber bereits ein Jahr später, am 29. Januar 1934, in der Schweiz. In seinem letzten Willen verfügt Haber, neben seiner ersten Frau Clara begraben zu werden.

Autor: Angela Meyer-Barg