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7500 Menschen werden  mindestens pro Jahr in Caracas ermordet.

7500 Menschen werden mindestens pro Jahr in Caracas ermordet. - Foto © picture-alliance / dpa

Exklusiv-Report

Caracas: Im Zentrum der Gewalt

"Sprich kein Wort Deutsch!" Das hatte mir mein Gastgeber eingeschärft, bevor ich ihn in Venezuela besuchte. Eine fremde Sprache zu sprechen ist keine gute Idee, wenn man am Simón Bolívar International Airport landet. Durch die Warnung eingeschüchtert, befolgte ich sicherheitshalber auch alle anderen Anweisungen, die er mir mit auf den Weg gegeben hatte: "Trage billige Kleidung, mit der du nicht auffällst! Richte deinen Blick immer starr geradeaus, und sieh niemandem in die Augen! Ignoriere die Zurufe von Taxifahrern, ja, frage nicht einmal die Polizei nach dem Weg!" Und warum das alles?

Wer als ausländischer Besucher mit einer Markensonnenbrille auf der Nase Venezuela besucht und mit dem Taxi in die Innenstadt von Caracas fährt, wird sehr wahrscheinlich im nächsten Autobahntunnel ausgeraubt. Und, wenn er Pech hat, im Anschluss erschossen und irgendwo verscharrt. "Spurlos verschwunden" – diese Schlagzeile ist beinahe täglich in Venezuelas Gazetten zu lesen, falls überhaupt noch berichtet wird. Die Regierung von Hugo Chávez hat nicht nur die offiziellen Kriminalitätsstatistiken abgeschafft, sondern zensiert seit 2010 auch die Berichterstattung über Gewaltverbrechen in den Medien.

In Caracas herrscht Krieg in den Gassen

Denn täglich geschehen zehn Morde in Caracas – mindestens. Am Wochenende können es auch 30 bis 50 sein. In manchem Polizeiwagen, so erzählt man sich, stapeln sich die in den Straßen aufgelesenen Leichen. Darum rät das Auswärtige Amt in Berlin Besuchern dieser Stadt auch zu extremer Vorsicht. Dabei sieht sie so hübsch aus. Vor allem nachts, wenn die Häuser an den Hängen erleuchtet sind, wird Caracas zu einem Lichtermeer.

Doch in den Gassen tobt ein Krieg ums tägliche Überleben. Die Slums der 5,5-Millionen-Metropole gelten als unübersichtlich, ausufernd, mordsgefährlich – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Polizei ist zu korrupt, um eine Hilfe zu sein. Denn in Venezuelas Hauptstadt bessern diejenigen, die die Bürger schützen sollen, ihr Gehalt gern selbst durch Plünderungen ausländischer Besucher auf. "Express-Entführungen" sind der neueste Trend: Die Opfer werden so lange festgehalten, bis ihr Konto mit den erbeuteten Kreditkarten leer geräumt wurde.

Caracas rangiert derzeit – abwechselnd mit Ciudad Juárez in Mexiko – auf Platz eins der gefährlichsten Städte der Welt. Diese Rangfolge beruht auf Auswertungen der renommierten US-Politikzeitschrift "Foreign Policy" und auf Einschätzungen der erfahrenen Auslandskorrespondentin Antonia Rados (57), die als Kriegs- und Krisenreporterin für RTL auf der ganzen Welt im Einsatz war.

In Caracas gibt es keine Sicherheit und keinen Alltag

Was die Statistiken allerdings nicht erfassen, sind die vielen Verbrechen, die im Dunkeln geschehen, die nie registriert und nie aufgeklärt werden. Aber sagt es nicht schon viel aus, wenn selbst Venezolanerinnen Ketten und Ohrringe abnehmen, bevor sie ins Zentrum von Caracas fahren – um zu verhindern, dass der Schmuck ihnen dort von Dieben abgerissen wird. Mein Gastgeber fährt mich in die Stadtmitte, in ein, so heißt es, sicheres Hotel. Auf der Fahrt höre ich von rechts Schüsse, kurze Zeit später springt eine schreiende Frau aus einem Bus. Sie wurde gerade ausgeraubt. In allen öffentlichen Verkehrsmitteln werden die Passagiere vom Fahrer fotografiert – mehr Schutz vor Überfällen bringt das nicht.

"In Caracas gibt es keine Sicherheit und keinen Alltag", sagt Antonia Rados. "Genauso wenig wie in den anderen gefährlichen Städten der Welt. Es gibt keine Sicherheit für Schulkinder, Taxifahrer oder Hausfrauen. Es gibt nur eines – den Überlebenswillen. Jeder Tag kann der letzte sein – darauf richten sich alle instinktiv ein. Man lebt drinnen, nicht draußen, selbst wenn es Sommer ist. Und: Man hortet Lebensmittel." Oder stiehlt sie einfach dem Nachbarn oder Touristen. Laut Rados ein Robin-Hood-Syndrom: "Ich nehme mir, was mir zusteht."

Wie konnte es so weit kommen? "Es hat sich ein extremes soziales Gefälle zwischen Reich und Arm entwickelt", erklärt Rados. "Immer mehr Straßenbanden sind entstanden, die sich ständig Drogenkriege liefern." Die Regierung, so ergänzt mein Gastgeber, sei schon lange nicht mehr Herr der Lage – ganz im Gegenteil: "Durch den Aufbau von Stadt- und Bauernmilizen wird die Ausbreitung der Kriminalität immer weiter provoziert." Denn die Banden rüsten ihrerseits auf – und schmücken sich mit Namen wie "Mata Policía" ("Polizistenmörder"). Sie begehen Überfälle und Auftragsmorde, töten aus Gier oder Rache. Die Opfer, die überleben, üben ihrerseits Vergeltung. Eine mörderische Kettenreaktion in einer Stadt, die allein durch die Hitze zu brodeln scheint. Hier herrschen fast immer Temperaturen um 40 Grad Celsius.

Nach 21 Tagen verlasse ich Caracas. Am Flughafen fällt mein Blick auf ein kurioses Warnschild: Folgende Gegenstände dürfen nicht mit an Bord gebracht werden: Messer, Wurfsterne, Maschinenpistolen, Äxte und das martialische Würgeholz Nunchaku. "In Caracas", so mein Gastgeber, "hat das fast jeder."

Autor: Mike Powelz